Forschungsschwerpunkte

Gesellschaften zwischen Stabilität und Wandel

Koordinatorin: Prof. Dr. Gwendolyn Sasse

Kategorien wie „Demokratie“ und „Autoritarismus“ suggerieren klare Definitionskriterien und Abgrenzungen, doch sie bilden die politische und soziale Realität nur unzureichend ab. Beide Konzepte und die Gesellschaften, die sie zu beschreiben versuchen, sind in Bewegung – in Osteuropa und darüber hinaus. Der Forschungsschwerpunkt widmet sich den Grauzonen und Überschneidungen zwischen den oftmals zu kategorischen Klassifizierungen. Das Begriffspaar Stabilität und Wandel legt dabei den Akzent einerseits auf die Dynamik gesellschaftlicher, politischer, wirtschaftlicher und kultureller Veränderungen und andererseits auf die Prozesse, die Wandel verhindern oder einschränken.  Verschiedene Akteure auf lokaler, nationaler und internationaler Ebene werden vor dem Hintergrund gesellschaftlicher und institutioneller Strukturen in den Blick genommen. Dabei stehen contested spaces, die Räume, in denen politische, normative und historische Ansprüche und Erwartungen sowie Identitäten und Erinnerungen verhandelt werden, im Mittelpunkt. Aus der Perspektive verschiedener Disziplinen erarbeiten die Projekte aus diesem Forschungsschwerpunkt eine große Bandbreite politischer und kultureller Kontexte, die in der wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Debatte bisher unzulänglich erschlossenen sind. Dabei geht es unter anderem um die Dynamik sozialer und politischer Bewegungen, die Beziehungen zwischen staatlichen Institutionen und gesellschaftlichen Akteuren, lokale Entscheidungsprozesse, Wertediskurse im Zusammenspiel von Religion, Gesellschaft und Politik, Erinnerung und Geschichtspolitik sowie die Rolle von Sprache und Literatur für kulturelle und politische Identitäten.


Konfliktdynamiken und Grenzregionen

Koordinatorin: Dr. Sabine von Löwis

Mit der Desintegration der Sowjetunion sind neben den fünfzehn Nachfolgestaaten auch eine Reihe von De-facto-Staaten entstanden. Zugleich wurden durchlässigere Grenzen zwischen Sowjetrepubliken zu zwischenstaatlichen Grenzen. Diese Veränderungen haben das Zusammenleben in der Region grundlegend verändert. Zuletzt haben die Ereignisse in der Ukraine gezeigt, dass sich die nach 1991 entstandene territoriale Ordnung im postsowjetischen Raum als instabiler erwiesen hat als bisher angenommen. Für Bewohner*innen der Regionen, aber auch für regionale, nationale und internationale Akteure sind neue politische Realitäten entstanden.  

Der Forschungsbereich widmet sich den lokalen staatlichen und nichtstaatlichen Akteuren und Strukturen, die von Konflikten betroffen sind und deren weitere Entwicklung mitbestimmen. Hierzu gehören die aus einer Konfliktregion Geflüchteten, die Bevölkerung der umstrittenen Regionen sowie lokale Entscheidungsträger. Es werden die vielfältigen und sich verändernden Interaktionen lokaler und externer Akteure in den Blick genommen, die Konfliktursachen und -regulierung, die sozialräumliche Dynamik, die Handlungspraktiken der betroffenen Bevölkerung und deren Wirkmächtigkeit untersucht.

Von besonderem Interesse sind die vielfältigen neuen und alten territorialen Ordnungen, die mit Veränderungen von Grenzen verbunden sind. Sie reichen von ungeklärten Grenzziehungen bis hin zu Veränderungen durch Beitritt zu oder Assoziierung mit Wirtschafts- und/oder politischen Verbünden. Dies löst Unsicherheiten über Erwartungen an individuelle und gesellschaftliche ökonomische, soziale und politische Zukünfte und damit verbundener sozialer und räumlicher Mobilität aus. Andauernde Prozesse der Nationsbildung in den neu entstandenen postsowjetischen Staaten erzeugen zusätzliche Spannungen.


Migration und Diversität

Koordinatorin: Dr. Tsypylma Darieva

Migration und Diversität hängen eng miteinander zusammen, doch das Ausmaß und unterschiedliche Formen der gelebten Transnationalität und kulturelle Diversität in osteuropäischen und eurasischen Gesellschaften bleiben unzulänglich erforscht. In diesem Forschungsschwerpunkt geht es um Gleichzeitigkeit und Vielschichtigkeit von Zugehörigkeiten, Netzwerken, Identitäten und um die Mobilisierung von sozialem und politischem Engagement in transnationalen Feldern.

Im Fokus stehen zum einen Migrant*innen mit osteuropäischem Hintergrund in Deutschland und zum anderen Migrationsprozesse und ihre Auswirkungen auf die Gesellschaften innerhalb und außerhalb Osteuropas. Dabei gilt es, die interne Diversität sogenannter „Migrant*innengruppen“ sowie unterschiedliche Bedingungen und Formen des Zusammenlebens in migrantisch geprägten Räumen zu erfassen, nicht-lineare Integrations- und Identifikationsprozesse über längere Zeiträume nachzuzeichnen und die wechselseitige Dynamik transnationaler Beziehungen besser zu verstehen. Darüber hinaus widmet sich der Forschungsschwerpunkt dem Umgang mit religiöser und ethnischer Vielfalt am Beispiel von osteuropäischen und eurasischen Städten.


Jugend in Osteuropa

Koordinator: Dr. Félix Krawatzek

Jugend spielt eine Schlüsselrolle für die permanenten Veränderungen, die Politik und Gesellschaft durchlaufen. Auf der einen Seite haben junge Menschen die Möglichkeit, politisch aktiv zu werden, auf der anderen Seite bietet die Jugend eine äußerst flexible Projektionsfläche für die Erfahrungen und Erwartungen eines Landes. Seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion haben junge Menschen in ganz Osteuropa radikale Veränderungen ihrer Lebensbedingungen erfahren – vom Bildungssystem über wirtschaftliche Möglichkeiten oder politische Bedingungen. Diese Veränderungen haben Auswirkungen auf das Verhältnis zwischen Jung und Alt sowie die Rolle, die junge Menschen heute in Osteuropa für Wandel oder Stabilität spielen. In diesem Forschungsbereich sollen nicht nur politischer Aktivismus und Generationenwandel, sondern auch kulturelle Praktiken, die Identitäten junger Menschen, ihr wirtschaftlicher Status sowie die von der Regierung initiierte Jugendpolitik untersucht werden. Die einzelnen Projekte verwenden unterschiedliche Methoden wie beispielsweise Umfragen, Interviews, Fokusgruppen, Diskurs- und Textanalyse sowie Netzwerkanalyse.


Politische Ökonomie und Integration

Koordinatorin: Dr. Julia Langbein

Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion mussten die fünfzehn Nachfolgestaaten sowie die Staaten Mittel- und Osteuropas, die zum früheren sozialistischen Block gehört hatten, nicht nur ihre Ökonomien neu in transnationale Märkte integrieren, sondern auch das Verhältnis zwischen Politik und Wirtschaft in ihrem jeweiligen nationalen Kontext neu definieren. Vor diesem Hintergrund legt der Forschungsschwerpunkt den Fokus auf zwei miteinander verknüpfte Prozesse:

Zum einen wird untersucht, in welchem Zusammenhang die unterschiedlichen länderspezifischen Ausprägungen des Verhältnisses zwischen Politik und Wirtschaft mit der Art und Weise stehen, wie osteuropäische Ökonomien wirtschaftliche (Des-)Integration betreiben, und in welchem Ausmaß sie von der Integration in transnationale Märkte und Wertschöpfungsketten profitieren. Zum anderen konzentrieren sich die Projekte des Forschungsschwerpunktes auf die Analyse unterschiedlicher wirtschaftlicher Integrationsstrategien (z.B. der EU, Russlands und Chinas), die in Osteuropa ihre Wirkung entfalten. Wie nehmen diese Strategien auf nationale Handlungsspielräume für wirtschaftliche Entwicklung in osteuropäischen Ökonomien Einfluss? Unter welchen Bedingungen fördern sie wirtschaftliche Desintegration und in welchem Zusammenhang stehen sie mit der (In-)Stabilität bestehender politischer Regime? In diesem Zusammenhang untersucht der Forschungsschwerpunkt auch, wann und wie sich die wirtschaftlichen Integrationsstrategien unterschiedlicher externer Akteure komplementär zueinander verhalten oder in Konkurrenz stehen.

Die Forschung verbindet Ansätze aus der Politik- und Wirtschaftswissenschaft sowie der Soziologie und basiert auf unterschiedlichen qualitativen und quantitativen Methoden, wie Interviews, Fokusgruppen und statistischen Analysen.