Forschungsschwerpunkte

Stabilität und Wandel von politischen Regimen

Kategorien wie „Demokratie“ und „Autoritarismus“ suggerieren klare Definitionskriterien und Abgrenzungen, doch sie bilden die Realität politischer Regime nur unzureichend ab. Beide Konzepte und die Gesellschaften, die sie zu beschreiben versuchen, sind derzeit in Bewegung – in Osteuropa und darüber hinaus. Unser Forschungsschwerpunkt widmet sich der Grauzone zwischen den beiden Regimeklassifizierungen. Das Begriffspaar Stabilität und Wandel legt dabei den Akzent einerseits auf die Dynamik gesellschaftlicher, politischer, sozialer, wirtschaftlicher und kultureller Veränderungen und andererseits auf die Prozesse, die Wandel verhindern oder einschränken. Die ZOiS-Forschungsprojekte in diesem Bereich sind bewusst multidisziplinär angelegt, um die Bandbreite relevanter Themenfelder zu erarbeiten, die in der wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Debatte bisher unzulänglich erschlossenen sind, sowie um konzeptuelle und empirische Verknüpfungen zwischen ihnen herzustellen.

Konfliktdynamiken

Die Transformationsprozesse in Teilen Osteuropas sind durch ethnoterritoriale Konflikte geprägt worden. Der weit verbreitete Begriff der „eingefrorenen“ Konflikte im postsowjetischen Raum ist dabei jedoch irreführend, da er die politischen, sozialen und wirtschaftlichen Dynamiken in den Konfliktregionen mit umstrittenen Status ausblendet. Hier setzt der ZOiS-Forschungsschwerpunkt an. Er widmet sich den lokalen staatlichen und nichtstaatlichen Akteuren und Strukturen, die vom Konflikt betroffen sind und deren weitere Entwicklung mitbestimmen, aber in der sozialwissenschaftlichen Forschung bisher vernachlässigt werden. Hierzu gehören zum Beispiel die aus einer Konfliktregion Geflüchteten, die Bevölkerung der umstrittenen Region und deren Alltag sowie lokale Entscheidungsträger. Darüber hinaus werden die vielfältigen und sich verändernden Interaktionen lokaler und externer Akteure in den Konfliktregionen Osteuropas in den Blick genommen. In der Regel analysieren Konfliktstudien die Faktoren, die zu gewaltsamen Konflikten geführt haben retrospektiv und konzentrieren sich auf Konfliktregulierung. Zu einem vollständigeren Verständnis von Konflikten gehört jedoch auch die bisher zu unsystematisch erfasste Dynamik von Konfliktpotenzial und Konfliktprävention, vor allem in den Fällen, in denen es (bisher) nicht zu gewaltsamen Auseinandersetzungen gekommen ist.

Migration und Diversität

Migration und Diversität hängen eng miteinander zusammen, doch das Ausmaß und unterschiedliche Formen der gelebten Transnationalität und kulturelle Diversität in osteuropäischen und eurasischen Gesellschaften bleiben unzulänglich erforscht. In diesem ZOiS-Forschungsschwerpunkt geht es um Gleichzeitigkeit und Vielschichtigkeit von Zugehörigkeiten, Netzwerken, Identitäten und um die Mobilisierung von sozialem und politischem Engagement in transnationalen Feldern.
Im Fokus stehen zum einen Migrant*innen mit osteuropäischem Hintergrund in Deutschland und zum anderen Migrationsprozesse und ihre Auswirkungen auf die Gesellschaften innerhalb und außerhalb Osteuropas. Dabei gilt es, die interne Diversität sogenannter „Migrant*innengruppen“ sowie unterschiedliche Bedingungen und Formen des Zusammenlebens in migrantisch geprägten Räumen zu erfassen, nicht-lineare Integrations- und Identifikationsprozesse über längere Zeiträume nachzuzeichnen und die wechselseitige Dynamik transnationaler Beziehungen besser zu verstehen. Darüber hinaus widmet sich der Forschungsschwerpunkt dem Umgang mit religiöser und ethnischer Vielfalt am Beispiel von osteuropäischen und eurasischen Städten.

Jugend in Osteuropa: Einstellungen, Partizipation und Mobilität

Jugend spielt eine Schlüsselrolle für die permanenten Veränderungen, die Politik und Gesellschaft durchlaufen. Auf der einen Seite haben junge Menschen die Möglichkeit, politisch aktiv zu werden, auf der anderen Seite bietet die Jugend eine äußerst flexible Projektionsfläche für die Erfahrungen und Erwartungen eines Landes. Seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion haben junge Menschen in ganz Osteuropa radikale Veränderungen ihrer Lebensbedingungen erfahren – vom Bildungssystem über wirtschaftliche Möglichkeiten oder politische Bedingungen. Diese Veränderungen haben Auswirkungen auf das Verhältnis zwischen Jung und Alt sowie die Rolle, die junge Menschen heute in Osteuropa für Wandel oder Stabilität spielen. In diesem Forschungsbereich sollen nicht nur politischer Aktivismus und Generationenwandel, sondern auch kulturelle Praktiken, die Identitäten junger Menschen, ihr wirtschaftlicher Status sowie die von der Regierung initiierte Jugendpolitik untersucht werden. Die einzelnen Projekte verwenden unterschiedliche Methoden wie beispielsweise Umfragen, Interviews, Fokusgruppen, Diskurs- und Textanalyse sowie Netzwerkanalyse.