Unsere „bekannten Unbekannten“: Deutschlands zukünftige Bürger*innen aus der Ukraine
Ukrainer*innen sind mittlerweile die zweitgrößte migrantische Gruppe in Deutschland, und viele beabsichtigen, sich hier niederzulassen. Warum mehr Wissen über sie jenseits „harter“ Daten wie Beschäftigungsstatistiken wichtig ist.
Im Frühjahr 2027 werden viele der ersten Ukrainer*innen, die nach der russischen Vollinvasion einen vorübergehenden Schutzstatus in Deutschland erhalten haben, berechtigt sein, die deutsche Staatsbürgerschaft zu beantragen. Nach deutschem Recht können finanziell unabhängige Einwohner*innen, die seit fünf Jahren hier leben und bestimmte weitere Kriterien erfüllen, eingebürgert werden. Die Beschäftigungsquote der Ukrainer*innen in Deutschland ist im Laufe der Zeit stetig gestiegen, und die neuesten Daten zeigen, dass 37,3 Prozent von ihnen in sozialversicherungspflichtigen Beschäftigungsverhältnissen tätig sind. Jüngste Gesetzesreformen in Berlin und Kyjiw, die die doppelte Staatsbürgerschaft ermöglichen, dürften die Einbürgerung attraktiver machen.
Doch abgesehen von der Frage, wer die Staatsbürgerschaft beantragen wird, wird angesichts des möglichen Auslaufens des vorübergehenden Schutzes im Jahr 2027 oder 2028 die Frage, ob man bleiben oder zurückkehren soll, für Ukrainer*innen in Deutschland immer dringlicher. Umfragen des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) unter dieser Bevölkerungsgruppe zeigen, dass die Mehrheit langfristig bleiben möchte.[1] Somit sehen viele Ukrainer*innen hier ihre Zukunft, und sie werden sich im Laufe der Zeit stärker in die deutsche Gesellschaft und Politik einbringen. Doch wer sind sie?
Die Wissenslücke
Tatsächlich wissen wir nur wenig über die Einstellungen und Werte der Ukrainer*innen hierzulande. Wie in anderen Ländern mit einer großen Zahl ukrainischer Geflüchteter – beispielsweise in Polen oder der Tschechischen Republik – konzentrieren sich Studien zu diesen Bevölkerungsgruppen in Deutschland häufig auf ihre sozioökonomische Situation, was eine allgemeine Tendenz in der Flüchtlingsforschung widerspiegelt, den Schwerpunkt auf politikrelevante Fragen und praxisorientiertes Wissen zu legen. So wurden Aspekte wie Demografie, Arbeitsmarkt, das Erlernen der Landessprache oder Wohnsituation in mehreren Erhebungsrunden der IAB-Umfragen in Deutschland erfasst, während anderswo Themen wie Sexualität und Familie untersucht wurden. Andere Artikel befassten sich mit negativen Einstellungen gegenüber ukrainischen Kriegsflüchtlingen oder ernsthaften Risiken für diese sowie mit ihrer relativ bevorzugten Behandlung im Vergleich zu Geflüchteten aus anderen Regionen. Zum Zeitpunkt der Abfassung dieses Artikels gab es jedoch kaum Studien, die die Frage stellten: Was sind die sozialen und politischen Überzeugungen dieser Menschen und welche Werte vertreten sie?
Wahrscheinliche politische Tendenzen deutsch-ukrainischer Bürger*innen
Selbst wenn sich in den kommenden Jahren nur die Hälfte der über 1,3 Millionen Ukrainer*innen, die in Deutschland unter vorübergehendem Schutz stehen, einbürgern lassen sollte, kann das Land mit rund 650.000 potenziellen neuen Wähler*innen rechnen.
Wie würden diese neuen Bürger*innen wählen, wenn sie tatsächlich an deutschen Wahlen teilnehmen würden? Vor dem Hintergrund des andauernden Krieges dürften Ukrainer*innen im Ausland einer Partei wie der der AfD, die prorussische außenpolitische Sympathien bekundet, kaum wohlgesonnen sein.[2] Dennoch deuten einige Indikatoren darauf hin, dass bestimmte ukrainische Wähler*innen für rechtsextreme Botschaften empfänglich sein könnten. Homophobie ist in der Ukraine nach wie vor weit verbreitet, obwohl die allgemeine Akzeptanz der LGBQT+-Community seit der russischen Vollinvasion deutlich gestiegen ist. Eine Mehrheit der Ukrainer*innen im eigenen Land lehnt die Liberalisierung der „Einreise und Beschäftigung“ für Bürger aus afrikanischen oder südostasiatischen Ländern ab, was auf unterschwellige fremdenfeindliche Einstellungen in der ukrainischen Gesellschaft hindeutet.
Allerdings deutet eine der wenigen Studien zur Einstellung ukrainischer Kriegsflüchtlinge in Österreich darauf hin, dass die Ansichten, die Ukrainer*innen einst in ihrem Heimatland vertraten, im Aufnahmeland nicht unverändert bleiben. Dieselbe Studie kommt zu dem Ergebnis, dass Ukrainer*innen in Österreich die Europäische Union zwar tendenziell stark unterstützen, in Geschlechterfragen jedoch liberaler sind als Ukrainer*innen in der Ukraine, aber dennoch konservativer als der durchschnittliche Österreicher*innen.
„Praktikabilitätsverzerrung“ verschleiert soziale Themen
Über Wahlmathematik und Werte hinaus bleiben jedoch weitere unerforschte Themen bestehen. Während sich Studien zu syrischen Geflüchteten in Deutschland mit sozialen Aspekten befasst haben – wie sie an Sport, Musik und ehrenamtlicher Arbeit teilnehmen; wie sie mobile Mediengeräte nutzen; und wie sie politisch sozialisiert werden und politische Interessen entwickeln –, sind ähnliche Untersuchungen zu ukrainischen Kriegsflüchtlingen in Deutschland bislang rar. Dies deutet auf eine starke „Praktikabilitätsverzerrung“ in Studien über vertriebene Ukrainer*innen hin, die durch ihre Konzentration auf die praktischen Bedürfnisse, die sich aus ihrer Vertreibung ergeben, diese Menschen als Individuen oft aus den Augen verlieren.
Die Diskrepanz in der Art der Forschung, die zu Ukrainer*innen und anderen migrantischen Gruppen betrieben wird, könnte auch auf der Annahme beruhen, dass sich Ukrainer*innen nur vorübergehend in Deutschland aufhalten – eine Sichtweise, die sich in der jüngsten (und später rückgängig gemachten) Entscheidung der deutschen Bundesregierung widerspiegelt, die Finanzierung bestimmter Integrationskurse für Neuankömmlinge einzustellen, sowie in den Plänen, Ukrainer*innen aus den allgemeinen Sozialversicherungssystemen herauszunehmen und sie in die deutlich restriktivere Asylunterstützung zu überführen. Ein weiterer Faktor könnte hier eine Rolle spielen: die Tendenz von Migrationswissenschaftler*innen in Europa, sich auf die Erfahrungen von Migrant*innen nichteuropäischer Herkunft zu konzentrieren.
Die erheblichen Wissenslücken über Ukrainer*innen in Deutschland sind besonders überraschend, da sie im Jahr 2025 die zweitgrößte Gruppe von Ausländer*innen in Deutschland darstellten. Es erscheint sinnvoll, dass die deutsche Forschung und Politik ein größeres Interesse an der sozialen und politischen Integration der seit 2022 nach Deutschland gekommenen Ukrainer*innen zeigt, von denen viele wahrscheinlich die deutsche Staatsbürgerschaft annehmen werden. Weitere Forschung zu dieser Bevölkerungsgruppe sollte zudem von dem Bedarf an Wissen getragen werden, das zwar nicht streng politikorientiert, aber dennoch von entscheidender Bedeutung ist.
[1] Im Gegensatz dazu ergab eine Umfrage der ukrainischen Nichtregierungsorganisation OPORA, dass nur 20 Prozent der Ukrainer*innen in Deutschland bereit sind, dort zu bleiben. Dieser Unterschied könnte dadurch erklärt werden, dass viele Befragte in einer ukrainischen Umfrage nur ungern zugeben, dass sie nicht beabsichtigen, in die Ukraine zurückzukehren.
[2] Eine aktuelle Studie der Konrad-Adenauer-Stiftung ergab, dass die AfD unter Polen in Deutschland und deutschen Staatsbürgern mit polnischem Hintergrund (zusammen befragt) eine hohe Zustimmung (33 Prozent) genießt. Eine antirussische außenpolitische Haltung bedeutet also nicht zwangsläufig, dass bestimmte Bevölkerungsgruppen außerhalb ihres eigenen Landes nicht von einer rechtsextremen, prorussischen Partei wie der AfD angezogen werden.
Kostiantyn Fedorenko ist Sozialwissenschaftler am ZOiS mit einem politikwissenschaftlichen Hintergrund. Er promovierte 2025 an der Berlin Graduate School of Social Sciences (BGSS) an der Humboldt-Universität zu Berlin und ist derzeit Postdoktorand im von der VolkswagenStiftung geförderten Projekt „The ‚Good‘, the ‚Bad‘, and the (Un)democratic: Regulating Civil Society in Democracies under Change“.