Umfragen zur Ukrainischen Orthodoxen Kirche und zu politischen Präferenzen
Während die Zukunft der Ukrainischen Orthodoxen Kirche vor Gericht entschieden wird, zeigen viele Ukrainer*innen Wissenslücken über die Kirche. Dennoch befürworten sie religiösen Pluralismus – eine Grundlage für europäische Integration.
Am 3. September 2025 eröffnete ein Gericht in der Ukraine ein Verfahren auf Antrag der zentralen staatlichen Behörde für religiöse Angelegenheiten. Die Behörde strebte die Auflösung der Rechtspersönlichkeit der Kyjiwer Metropolie der Ukrainischen Orthodoxen Kirche (UOK) an und forderte, dass deren Eigentum, Gelder und sonstige Vermögenswerte – mit Ausnahme von für den Gottesdienst bestimmte Liegenschaften – auf den Staat übertragen werden. Die Behörde behauptet, die Kyjiwer Metropolie der UOK unterstehe der Russischen Orthodoxen Kirche (ROK); eine solche Zugehörigkeit ist jedoch durch ein Gesetz aus dem Jahr 2024 verboten, das als Reaktion auf die ideologische Unterstützung der ROK für die russische Invasion der Ukraine erlassen wurde. Die UOK betont, sie sei eine selbstverwaltete Kirche, die zum Widerstand gegen die russische Aggression beitrage. Fast ein Jahr später ist das Verfahren noch immer nicht abgeschlossen.
Obwohl die UOK Gegenstand wichtiger politischer Entscheidungen und intensiver rechtlicher Schritte ist, herrscht unter den Ukrainer*innen ein bemerkenswerter Mangel an grundlegendem Wissen über die Kirche. In einer ukraineweiten Umfrage, die von Mai bis Juni 2026 vom Kyjiwer Internationalen Institut für Soziologie (KIIS) im Rahmen einer ZOiS-Studie durchgeführt wurde, wurden die Befragten gebeten, Aussagen über die UOK als richtig oder falsch einzustufen.[1] Die Ergebnisse offenbarten erhebliche Wissenslücken der Ukrainer*innen.
Öffentliches Bewusstsein über die UOK
Seit sich die UOK 1990 aus dem Exarchat der Russischen Orthodoxen Kirche in der Ukraine herausgebildet hat, wurden alle Entscheidungen der UOK über Priesterweihen und Ernennungen gemäß den offiziellen Leitdokumenten der Kirche innerhalb der Ukraine getroffen. Dies war ein entscheidender Faktor für die Umgestaltung der Kirche in den letzten Jahrzehnten.
In der ZOiS-KIIS-Umfrage gingen jedoch 17 Prozent der Teilnehmenden fälschlicherweise davon aus, dass diese Entscheidungen bis zur großangelegten Invasion Russlands in der Ukraine im Februar 2022 in Moskau getroffen wurden (Grafik 1). Nur 6 Prozent der Befragten stuften diese Aussage richtigerweise als falsch ein.
Gleichzeitig gaben 32 Prozent der Teilnehmenden an, sie wüssten nicht, ob diese Aussage wahr oder falsch sei, würden es aber gerne wissen. Ein ebenso großer Anteil der Befragten gab an, sie wüssten es nicht und seien auch nicht daran interessiert, es herauszufinden.
Den Befragten wurde außerdem folgende Aussage vorgelegt: „Am Morgen des ersten Tages der großangelegten Invasion Russlands in die Ukraine, also am 24. Februar 2022, bekundete Metropolit Onufrij, der Primas der Ukrainischen Orthodoxen Kirche, öffentlich seine Unterstützung für die Souveränität und territoriale Integrität der Ukraine sowie für die ukrainischen Kämpfer*innen.“ Dreizehn Prozent stuften diese Aussage korrekt als wahr ein, während nur 5 Prozent fälschlicherweise annahmen, sie sei falsch (Grafik 2).
Bemerkenswerte 42 Prozent der Befragten gab an, sie wüssten nicht, ob die Aussage wahr oder falsch sei, würden es aber gerne wissen – ein auffallend hoher Anteil, dem trotz Interesses wichtige Informationen fehlen.
Die Umfragedaten zeigen, dass nur eine Minderheit der ukrainischen Bevölkerung eine fundierte Meinung zur UOK hat: Der Anteil der Befragten, die vier Aussagen über die Kirche korrekt einstufen konnten, lag zwischen 6 und 22 Prozent. Gleichzeitig war mindestens ein Drittel daran interessiert, grundlegende Informationen über die UOK zu erhalten, während ein weiteres Drittel sowohl uninformiert als auch gleichgültig war – das heißt, diese Befragten zeigten kein Interesse daran, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen.
Politische Präferenzen gegenüber orthodoxen Kirchen
Inmitten der Gefahren des andauernden Krieges wünschen sich die Ukrainer*innen eine Religionspolitik, die Vielfalt bewahrt. Auf die Frage, wie die staatliche Politik gegenüber den orthodoxen Kirchen der Ukraine aussehen sollte, wählten 51 Prozent der Befragten die Option „Es kann verschiedene orthodoxe Kirchen in der Ukraine geben, vorausgesetzt, dass sie alle die Souveränität der Ukraine respektieren, gegen die russische Invasion sind und die Verteidigung der Ukraine segnen.“ Im Gegensatz dazu waren 16 Prozent der Meinung, dass der Staat in Bezug auf den orthodoxen Glauben dem Prinzip „Eine Nation – eine Kirche“ folgen sollte – das heißt, es sollte nur eine orthodoxe Kirche geben (Grafik 3).
Ein pluralistischer Ansatz wird von den beiden größten orthodoxen Kirchen der Ukraine – der UOK und der Orthodoxen Kirche der Ukraine (OKU) – gleichermaßen unterstützt: 57 Prozent bzw. 56 Prozent der Mitglieder beider Kirchen sprechen sich dafür aus. Gleichzeitig wird die Sichtweise „Eine Nation – eine Kirche“ von einem geringen Anteil der Gläubigen in beiden Kirchen unterstützt, wobei sie in der OKU (26 Prozent) etwas beliebter ist als in der UOK (15 Prozent).
Zusammenhalt durch gemeinsame Werte
Die Ukraine hat ihr entschlossenes Bekenntnis zu Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und europäischer Integration zum Ausdruck gebracht. Dieses Bekenntnis ist unerlässlich, um die internationale Unterstützung zur Verteidigung der Souveränität der Ukraine zu festigen. Um politische Maßnahmen im Sinne einer guten Regierungsführung zu entwickeln und umzusetzen, ist es unerlässlich, dass genaue Informationen in der Gesellschaft leicht und umfassend zugänglich sind, dass der Widerstand gegen die Invasion in der gesamten Bevölkerung anerkannt und gewürdigt wird und dass die Politik in Kriegszeiten innerhalb der europäischen Rahmenbedingungen bleibt. Die Widerstandsfähigkeit und Stärke einer pluralistischen Gesellschaft liegen darin, sich auf die Werte der Souveränität der Ukraine und ihrer demokratischen Zukunft zu besinnen – unabhängig von den kulturellen Identitäten, die durch komplexe historische Entwicklungen geprägt sind.
Dr. Olena Bogdan ist Senior Research Fellow am Institut für Soziologie der Nationalen Akademie der Wissenschaften der Ukraine. Seit September 2025 ist sie Fellow des vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt geförderten Ukraine Research Network@ZOiS.
[1] Die Umfrage wurde vom Ukraine Research Network@ZOiS (UNET) unterstützt, einem vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt geförderten Projekt. Insgesamt wurden vom 7. Mai bis zum 3. Juni 2026 vom Kyjiwer Internationalen Institut für Soziologie (KIIS) 2.007 Interviews per Mobiltelefon durchgeführt. Die Befragten waren mindestens 18 Jahre alt und lebten in von der ukrainischen Regierung kontrollierten Gebieten. Die Stichprobe umfasste keine Einwohner*innen von Gebieten, die derzeit von Russland besetzt sind, und keine Bürger*innen, die die Ukraine nach dem 24. Februar 2022 verlassen haben.