Spotlight on Ukraine 23

Ukraine: Widerstand unter Besatzung

Von Yulia Abibok 15.05.2026

Ein Artikel eines ukrainischen Onlinemediums löste eine hitzige Debatte über die Risiken des Widerstands unter russischer Besatzung aus. Dabei wurde deutlich: Das Thema Widerstand ist komplex und bedarf einer breiten Diskussion.

Ein gelbes Band hängt in den Zweigen eines Busches im blattlosen Buschwerk vor einem Stadion fest.
Ein gelbes Band als Zeichen des Widerstands gegen die russische Besatzung vor der Donbas Arena in Donezk.

Im Oktober 2024 prahlte der ukrainische Militärgeheimdienst (HUR) online mit einem Anschlag auf einen russischen Kollaborateur im besetzten Teil der ukrainischen Region Saporischschja. In den sozialen Medien meldete der HUR, eine Autobombe habe einen des Verrats verdächtigten Richter getötet. Dazu veröffentlichte er Fotos des ausgebrannten Fahrzeugs und ein Video, das Feuer und Rauch über den Dächern des Wohngebiets zeigte, in dem der mutmaßliche Kollaborateur lebte. Der Zeitpunkt, die Bilder und die Kenntnis des Ziels wiesen eindeutig auf den HUR als Urheber hin. Am nächsten Tag tauchte der Richter jedoch unversehrt wieder auf. Der Sprengsatz war unter einem leeren Auto detoniert.

Die Prahlerei des HUR kam zwei Einheimischen teuer zu stehen: Innerhalb weniger Tage nach dem gescheiterten Attentat nahmen russische Streitkräfte sie fest. Beide sitzen noch immer in Haft und warten auf ihre Verurteilung als Mitglieder einer organisierten terroristischen Vereinigung. Der russische Sicherheitsdienst, der FSB, nimmt zwar mitunter die falschen Personen fest, sorgt aber stets dafür, dass irgendjemand verhaftet wird. Meldungen über Spione, Anstifter, Saboteure und Terroristen, die in den besetzten ukrainischen Gebieten gefasst und verurteilt wurden, gehören mittlerweile fast zur Tagesordnung.

Ziviler Widerstand

Kaum Beachtung fanden im Land bislang die Gefahren, denen Zivilist*innen in den besetzten Teilen der Ukraine ausgesetzt sind, wenn ihre Aktionen publik werden. Das änderte sich erst, als der Kyiv Independent, eine bekannte ukrainische Medienplattform, einen kontroversen Artikel über „Yellow Ribbon“ veröffentlichte, eine Dachorganisation für Freiwillige des zivilen Widerstands.

Der Name bezieht sich auf eine der Aktivitäten, zu denen ein Telegram-Bot die Freiwilligen der Gruppe aufrief: Sie sollten ein Foto von einem gelben Band mit einem Ort im besetzten Teil der Ukraine im Hintergrund aufnehmen. Inzwischen sind die Aufgaben komplizierter und riskanter geworden. Laut dem Bericht des Kyiv Independent sind die Verantwortlichen für den Bot Privatpersonen, die die Freiwilligen aus der Ferne anweisen, nur dürftige Kenntnisse über die Sicherheitslage unter russischer Besatzung aufweisen und keine Verantwortung für die Sicherheit der Freiwilligen übernehmen.

In der heutigen Ukraine sind öffentliche Skandale häufig und deshalb kurzlebig. Der Artikel im Kyiv Independent ist längst von neueren Themen verdrängt worden und droht in Vergessenheit zu geraten. Doch die Argumente, die Befürworter*innen und Gegner*innen der angesprochenen Punkte anschließend vorbrachten, wiegen zu schwer, als dass man zur Tagesordnung übergehen könnte.

Kollaboration und Widerstand sind in Europa ein altbekanntes Thema. Dieser Krieg und diese Besatzung sind jedoch die ersten, die mithilfe sozialer Medien und Künstlicher Intelligenz geführt werden. Wie Kritiker*innen von „Yellow Ribbon“ hervorhoben, lässt sich mithilfe von Überwachungskameras leicht aufspüren, wer Fotos von gelben Bändern macht. Dank fortschrittlicher Technologie kann der FSB sogar gelöschte Inhalte auf den Smartphones von Bewohner*innen aufspüren. Lohnt sich ein Foto eines Bandes, wenn es Jahre im Gefängnis bedeuten kann?

Zugleich führten Bewohner*innen der besetzten Gebiete seit Beginn der Besatzung zahlreiche riskante Aktionen durch. Wie Unterstützer*innen von „Yellow Ribbon“ argumentierten, mussten sie das aus eigenem Antrieb tun – nicht nur, um Widerstand zu leisten, sondern auch, um ihn sichtbar zu machen. Hunderte von Menschen in den besetzten Teilen der Ukraine waren schon lange vor dem Entstehen von „Yellow Ribbon“ aus politischen Gründen entführt, gefoltert oder in Gefangenschaft gehalten worden.

Das Schicksal der politischen Gefangenen

Ende Februar 2022 besetzte Russland praktisch über Nacht ein riesiges Gebiet im Süden der Ukraine. Als Bewohner*innen am ersten Morgen der Invasion zu den Wehrdienststellen gingen, um Waffen zu fordern, fanden sie verschlossene Türen und verlassene Ämter vor. Während in Kyjiw und anderen Teilen der Ukraine Freiwillige Schlange standen, um sich den territorialen Verteidigungseinheiten anzuschließen, strömten die Menschen im besetzten Süden auf die Straßen und veranstalteten gewaltfreie Anti-Russland-Demonstrationen. Der Rest des Landes schaute zu, wie sie unter Besatzung riefen, die russischen Invasoren sollten nach Hause gehen.

Ebenfalls in den ersten Tagen der Invasion rief der ukrainische Geheimdienst die Bewohner*innen der besetzten Gebiete dazu auf, Bewegungen und Stationierungen russischer Truppen und Ausrüstung zu melden. Zahlreiche Freiwillige folgten diesem Aufruf – entschlossen, sich mit allen Mitteln am Kampf zu beteiligen. Jenseits der Frontlinie bedarf die Entscheidung, in den besetzten Gebieten zu bleiben, für viele in der Ukraine einer gewissen Rechtfertigung. Die Bewohner*innen stehen unter dem Erwartungsdruck, Widerstand zu leisten, um zu beweisen, dass sie keine Mitschuld daran tragen, dort festzusitzen.

Die Verfolgungen begannen sofort. Hunderte von Menschen wurden getötet oder entführt; viele sitzen noch immer in russischen Haftanstalten, abgeschnitten von der Außenwelt, weil Moskau ihnen nichts vorwerfen kann, sie aber trotzdem nicht freilassen will. Im April 2026 veröffentlichten russische Medien ein Dokument, in dem ein geheimer Befehl des russischen Präsidenten aus dem Jahr 2022 über die außergerichtliche Inhaftierung derjenigen zitiert wurde, die „die spezielle Militäroperation in der Ukraine“ untergraben – ein Begriff, der im russischen Recht nirgends zu finden ist.

Die NGO Media Initiative for Human Rights hat Fälle von Verfolgung von Personen untersucht, die angeblich an der organisierten Weitergabe von Informationen über russische Truppen und Ausrüstung an den ukrainischen Geheimdienst per Telegram beteiligt waren. Einige der wegen Teilnahme an dem fraglichen Telegram-Chat Festgenommenen sitzen seit August 2023 ohne Kontakt zur Außenwelt in Haft; andere wurden wegen Terrorismusvorwürfen zu Haftstrafen zwischen 14 und 26 Jahren verurteilt.

Politische Gefangene freizulassen und aus Russland zurückzuführen ist eine nahezu unmögliche Aufgabe. Manche sitzen auch nach vollständiger Verbüßung ihrer Strafe in Russland fest, da die russischen Behörden jeden Vorwand nutzen, um eine Freilassung zu verhindern. Die etablierte – aber höchst umstrittene – Praxis besteht darin, sie in Gefangenenaustausche einzubeziehen, die normalerweise für Kriegsgefangene genutzt werden. Ihre Befreiung erfordert internationalen Druck auf Russland. Zugleich braucht die traumatisierte ukrainische Gesellschaft eine breitere Debatte über Besatzung, Kollaboration und Widerstand – eine Debatte, wie sie Kyiv Independent kurzzeitig anstoßen konnte.


Yulia Abibok ist unabhängige Wissenschaftlerin und Journalistin. Seit September 2025 ist sie Fellow im Ukraine Research Network@ZOiS (UNET), das vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt gefördert wird.