Neuverteilung von Opferrollen: Russlands Erinnerung im Wandel
Russland schreibt sein Geschichtsbild um: Gulag-Museen schließen, Denkmäler verschwinden, Menschenrechtsorganisationen werden verboten. An ihre Stelle tritt eine neue Erinnerung – und wer als Opfer gilt, entscheidet der Staat.
Am 9. April 2026 stufte der Oberste Gerichtshof der Russischen Föderation die „Internationale gesellschaftliche Bewegung Memorial“ als extremistisch ein. Auch wenn unter dieser konkreten Bezeichnung keine Organisation existiert, wird das Urteil die Arbeit der Menschenrechtsorganisation Memorial in Russland nahezu unmöglich machen. Bereits die Einstufung als „ausländischer Agent“ 2016 und die Anordnung der Auflösung der Nichtregierungsorganisation 2021 hatten Memorials Handlungsspielräume massiv eingeschränkt.
Die Entscheidung zeigt, wie eng Geschichte und Politik in Russland miteinander verknüpft sind. Der ohnehin kleine Raum für eine Erinnerung an die Opfer der sowjetischen Gewaltherrschaft ist dadurch weiter geschrumpft. Genau dafür hatte sich Memorial seit seiner Gründung 1988 eingesetzt: für eine Aufarbeitung der staatlichen Repressionen und ein Gedenken der Opfer. 2022 war die Organisation für ihr Engagement mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet worden. Darüber hinaus hatte sich Memorial mit der Frage nach den Tätern befasst. Besonderes Aufsehen erregte eine Datenbank mit Angaben zu knapp 40.000 Mitarbeiter*innen des Inlandsgeheimdienstes.[1]
„Genozid am sowjetischen Volk“
In Russland gibt es wenig Bereitschaft, sich mit den Verantwortlichen und Ausführenden des staatlichen Terrors auseinanderzusetzen. Auch die Erinnerung an die Opfer ist inzwischen Teil privater Familiengeschichten – aus dem offiziellen Gedenken Russlands verschwinden sie jedoch. Dazu passt die im Februar 2026 bekannt gegebene endgültige Schließung des erst 2015 neueröffneten Gulag-Museums in Moskau. Das Museum beleuchtete die Geschichte der sowjetischen Zwangsarbeitslager und erhielt 2021 den Museumspreis des Europarats. An seiner Stelle ist ein „Museum der Erinnerung“ geplant, in dessen Mittelpunkt der deutsche Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion stehen soll. Dieser wird in Russland inzwischen als "Genozid am sowjetischen Volk" eingeordnet.
Seit 2026 steht die Leugnung eines Genozids am sowjetischen Volk unter Strafe. So versucht Russland, die international anschlussfähige Opfersprache der Erinnerung an den Holocaust auch für die unter deutscher Besatzung begangenen Kriegsverbrechen zu instrumentalisieren. Dass durch Deutsche oder durch deutsche Schuld in der Sowjetunion bis zu 27 Millionen Menschen ihr Leben verloren, steht außer Zweifel. Die strafrechtliche Einordnung dieser Verbrechen als Genozid und die Verfolgung dessen möglicher Leugnung sind jedoch zweifellos politisch motiviert. Es ermöglicht dem Kreml gleichzeitig, die sowjetische Täterrolle – insbesondere bei der Besetzung Polens 1939 – aus der Erinnerung zu streichen. Die Opfer der deutschen Besatzung während des Zweiten Weltkriegs werden damit zunehmend die einzigen, derer in Russland noch offiziell gedacht werden kann.
Denkmäler für Gulag-Opfer verschwinden
Diese Entwicklungen spiegeln sich auch in der russischen Denkmalslandschaft wider. Zum 80. Jahrestag des Endes der Leningrader Blockade wurde am 27. Januar 2024 bei Sankt Petersburg ein weiteres Mahnmal eröffnet, welches den über eine Million Toten der 872-tägigen Blockade der Stadt durch die Deutsche Wehrmacht gedenken soll. Anders als die seit Sowjetzeiten existierenden Gedenkorte ist es explizit den „Zivilisten der UdSSR, den Opfern des nazistischen Genozids der Jahre des Großen Vaterländischen Krieges“ gewidmet. Andernorts verschwinden indes Denkmäler: So soll nach einem städtischen Beschluss vom März 2026 eine Statue des russischen Schriftstellers Alexander Solschenizyns von der zentralen Uferpromenade in Wladiwostok entfernt und an einen weniger besuchten Ort umgesetzt werden – offiziell, weil der aktuelle Standort des 2015 errichteten Denkmals „thematisch nicht passend“ gewählt worden sei. Solschenizyns literarische Werke hatten zu Sowjetzeiten wesentlich dazu beigetragen, das Ausmaß des staatlichen Repressionssystems bekannt zu machen. Auch an anderen Orten, etwa in Tomsk, verschwinden gegenwärtig Denkmäler, die an die Opfer politischer Repressionen erinnern.
Abweichende Stimmen trotz Repressionen
In einem derart repressiven Kontext sind andere erinnerungskulturelle Akzente nur schwer zu setzen. Unmöglich ist es jedoch nicht. Beispielsweise wird die von Memorial initiierte, erstmals 2007 in Moskau durchgeführte Gedenkaktion „Rückgabe der Namen“ weiterhin durchgeführt. Viele der dezentral organisierten Aktionen, bei der Bürger*innen am Vorabend des Tags der Opfer der politischen Repressionen am 30. Oktober die Namen von Opfern des stalinistischen Terrors vorlesen, wurden ins Ausland verlagert. Aber es gibt Hinweise darauf, dass entsprechende Gedenkveranstaltungen weiterhin in russischen Städten stattfinden. Auf der Webseite Rückgabe der Namen findet sich ein Leitfaden zur Veranstaltungsorganisation. Teilnehmer*innen in Russland wird empfohlen, für die Dokumentation der Aktion keine Gesichter zu filmen.
Auch ein erstaunlicher Bucherfolg zeigt, dass sich Erinnerungsdiskurse nicht vollständig staatlich kontrollieren lassen. Der 2021 publizierte historische Roman Permafrost des russischen Autors Viktor Remizov erhielt bedeutende russische Literaturpreise und stand lange auf den Bestsellerlisten großer Verkaufsportale. Der Roman schildert den Bau der sogenannten Stalinbahn im hohen Norden Sowjetrusslands, an dem – wie bei allen Großbauprojekten dieser Zeit – Lagerhäftlinge maßgeblich mitwirkten. Detailliert beschreibt er die Misswirtschaft, die Korruption und den Machtmissbrauch, das menschliche Leid in- und außerhalb der Lager. Gleichzeitig zeigt er, dass Menschen selbst unter widrigsten Umständen eigenständige Entscheidungen treffen können und an eine bessere Zukunft glauben. Permafrost lässt ausreichend Interpretationsspielraum, so dass die einen den Text dafür loben, gerade kein anti-stalinistischer Roman zu sein, während andere ihn als Allegorie auf das System Putin lesen. Viktor Remizov hält sich mit Interpretationshinweisen zurück.
Selbst wenn der Erinnerungsrahmen durch eine drakonische Gesetzgebung vorgegeben ist, bestehen andere Erinnerungsnarrative fort. Gerade in einem repressiven politischen System ist die Deutungshoheit des Staates fragil, für ihre Durchsetzung müssen enorme Ressourcen aufgewandt werden. Staatliche Erinnerungsnarrative stehen dabei zumindest bislang noch in einem Wettstreit mit der familiär weitergegebenen Erinnerung. Familienerinnerungen an den Krieg und die Repressionen müssen der staatlichen Erzählung nicht widersprechen, aber sie gehen auch nicht vollständig in ihr auf.
Schweigen über eigene Verbrechen – nicht nur in Russland
Der Wunsch, Geschichte zu kontrollieren ist indes keine russische Erfindung. Die Bereitschaft, Widersprüchlichkeiten in der eigenen Vergangenheit zu thematisieren und zu akzeptieren, ist global auf dem Rückzug. Weltweit versuchen populistische Bewegungen, vermeintliche Schandflecke aus der eigenen Geschichte zu streichen und Verweise auf Momente des nationalen Ruhms ins Zentrum zu rücken. Das Gedenken zum Kriegsende wird auch dieses Jahr wieder in ganz Europa großen Raum einnehmen, gleichzeitig entwickelt sich die Erinnerung weiter: Die letzten Zeitzeug*innen sterben, der zeitliche Abstand wächst. Den Opfern eigener Verbrechen wird dabei über Grenzen hinweg immer weniger Platz eingeräumt.
Nina Frieß ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am ZOiS, wo sie zu russophonen Literaturen, belarusischer (Exil)kultur und Kinder- und Jugendliteraturen forscht. Félix Krawatzek ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am ZOiS, wo er den Forschungsschwerpunkt „Jugend und generationeller Wandel“ sowie das vom Europäischen Forschungsrat geförderte Projekt „Moving Russia(ns): Weitergabe von Erinnerungen zwischen den Generationen im Ausland und in der Heimat (MoveMeRU)“ leitet.
[1] Die ursprüngliche Seite nkvd.memo.ru ist aktuell offline und nur über Wayback Machine erreichbar.