Methoden und Stichproben

Unser Forschungsansatz

Unser Projekt untersucht, wie geschichtliche Erinnerungen, politische Einstellungen und Identitäten mit dem familiären Ursprungsland und Wohnsitz über Generationen hinweg weitergegeben weiter und welche Rolle dabei die Migrationserfahrung spielt.


Um die generationelle Dynamik zu erforschen, wenden wir in unserer Forschung drei unterschiedliche, sich jedoch ergänzende Methoden an:

Jede Methode bietet einen einzigartigen Blickwinkel auf unsere zentralen Forschungsfragen und verwendet jeweils eine andere Stichprobe, die sorgfältig ausgewählt wurde, um der jeweiligen Methode und Thematik gerecht zu werden.

Wer hat teilgenommen – und warum?

Befragte: Ein zufälliger Anteil der Gesamtbevölkerung in jedem Land und eine überproportionale Berücksichtigung von Personen mit (sowjetischem) Russlandhintergrund. Die Umfragen umfassen auch eine generationsübergreifende Komponente, d. h. Befragung junger Erwachsener mit entsprechendem Elternteil, sofern möglich. Dieser (sowjetische) Russlandhintergrund wird in Deutschland und Kanada wie folgt definiert:

  • Die ältere Generation wuchs in (Sowjet-)Russland auf und zog im Alter von 18 Jahren oder später ins Ausland, sodass ihre primäre Sozialisation in (Sowjet-)Russland stattfand.
  • Die jüngere Generation wuchs entweder vollständig in Land der Erhebung auf oder zog vor dem 11. Lebensjahr dorthin, sodass ihre primäre Sozialisation außerhalb Russlands stattfand.

Estland hat aufgrund von Umsiedlungen während der Sowjetzeit seit Jahrzehnten eine große russischsprachige Bevölkerung. Um dieser langjährigen Präsenz Rechnung zu tragen, haben wir in diesem Fall den (sowjetischen) Russlandhintergrund nicht nur anhand der Eltern, sondern auch anhand der Großeltern definiert. Obwohl diese ältere Generation nicht direkt befragt wurde, half uns ihr Hintergrund dabei, Familien mit Wurzeln in der russischsprachigen Gemeinschaft zu identifizieren und einzubeziehen, sodass die Stichprobe die soziale Realität in Estland abdeckt.

Warum diese Stichprobe?

In der Umfrage wurde bewusst ein enger Ansatz gewählt, um eine Vermischung sehr unterschiedlicher Entwicklungsverläufe in Osteuropa nach den Regimewechseln von 1989/91 zu vermeiden. Dieser Ansatz vermeidet weitreichende Verallgemeinerungen über sehr unterschiedliche postsowjetische Kontexte hinweg und ermöglicht aussagekräftigere Vergleiche, sowohl zwischen Generationen innerhalb von Familien als auch zwischen Ländern mit unterschiedlicher politischer und sozialer Geschichte. Diese Stichprobe ermöglicht es uns, die sozialisierenden Auswirkungen des (sowjetischen) Russlandhintergrunds zu verstehen, der in der heutigen geopolitischen Situation und angesichts der spezifischen Geschichte Russlands und seiner verschiedenen historischen Formen von Bedeutung ist. Die Einbeziehung von Familien mit (sowjetischem) Russlandhintergrund neben der allgemeinen Bevölkerung ermöglicht einen Vergleich, wie Geschichten in Erinnerung bleiben, wie sich Werte verschieben und wie Menschen ihren Platz in der Gesellschaft verstehen.

Teilnehmende: Eltern und erwachsene Kinder – aus der Allgemeinbevölkerung sowie Familienmitglieder mit (sowjetischem) Russlandhintergrund, die in Deutschland, Estland und Kanada leben.

  • In den Familien mit (sowjetischem) Russlandhintergrund sind viele Eltern in Sowjetrussland aufgewachsen und nach ihrem 18. Lebensjahr in eines der drei Länder gezogen. Einige Teilnehmende in Deutschland wurden in anderen Ländern der UdSSR geboren, gaben jedoch an, sich stark mit Russland verbunden zu fühlen. In Estland gehörten zu den Gruppen Teilnehmende der Elterngeneration, die in Estland geboren wurden, wenn ihre eigenen Eltern in Sowjetrussland geboren wurden.
  • Die erwachsenen Kinder wurden entweder in Deutschland, Estland oder Kanada geboren oder sind dort aufgewachsen, nachdem sie vor ihrem 15. Lebensjahr in das jeweilige Land gezogen waren.

Warum diese Stichprobe?

Dieser Ansatz ermöglicht es uns, die Identitätsbildung über die heutigen Staatsgrenzen hinaus zu untersuchen. Zudem erlaubt er die Analyse autoritärer Einstellungsmuster über verschiedene Einwanderergenerationen hinweg sowie generationsübergreifender Perspektiven innerhalb und zwischen Familien zu den Themen von Interesse. Im Rahmen der Fokusgruppen ist es auch möglich, dem Verständnis der Zugehörigkeitsnarrative der Teilnehmer größere Aufmerksamkeit zu widmen. Die Orientierung an Moskau war während der Sowjetzeit ein gemeinsames Merkmal, daher ist das Gefühl der Verbundenheit mit Russland nicht auf diejenigen beschränkt, die in (Sowjet-)Russland sozialisiert wurden.

Interviews und Medienanalyse

Interviewteilnehmende:

  • Migrant*innen der ersten Generation (G1) aus der Russischen Föderation, die Russland als Erwachsene verlassen haben und vor oder nach Februar 2022 nach Deutschland gekommen sind
  • Erwachsene der zweiten Generation (G2), die sich aufgrund ihres familiären Hintergrunds mit dem heutigen Russland identifizieren

Medienanalyse:

  • Akteure in den sozialen Medien, die ausdrücklich eine doppelte Zugehörigkeit zu Deutschland und der Russischen Föderation bekunden, sei es aufgrund ihrer Migrationsgeschichte und Familie, ihrer kulturellen oder politischen Interessen oder weil sie ins Exil gingen und nach Deutschland ziehen mussten.

Warum diese Stichprobe?

Bei G1 konzentrieren wir uns auf diejenigen, die in der heutigen Russischen Föderation sozialisiert wurden, geprägt von einem autoritären politischen Klima, einer stark eingeschränkten Medienlandschaft, aber auch intensiver politischer Propaganda und Geschichtspolitik. Bei G2 werden Identität und Zugehörigkeit anhand ihrer eigenen Erzählungen und Reflexionen untersucht. Diese Interviews helfen uns zu verstehen, wie sich die Wahrnehmung Russlands und des „Russisch seins” nach der Migration entwickelt.

Warum unterschiedliche Methoden, unterschiedliche Stichproben?

Jede Methode liefert unterschiedliche Erkenntnisse:

  • Qualitative Methoden (Interviews, Fokusgruppen) ermöglichen es uns, aufmerksam zuzuhören, Widersprüche aufzuspüren und nuancierte Identitäten und Ansichten zu erforschen.
  • Umfragen erfassen allgemeine Muster, bieten den Befragten jedoch weniger Raum, komplexe Ideen zu artikulieren.

Unser gemischter Ansatz stellt sicher, dass wir die Komplexität nicht reduzieren, sondern sie annehmen und erforschen können.

Unsere Sichtweise auf Labels und Identität

  • Kategorien werden oft für einen bestimmten Zweck geschaffen oder entstehen aus einem bestimmten Zweck heraus. In Deutschland beispielsweise ist der Begriff „Russlanddeutsch” ein kultureller Begriff, der sich auf die Nachkommen deutschsprachiger Siedler aus Mitteleuropa bezieht, die sich ab dem 18. Jahrhundert im Russischen Reich niedergelassen haben. Der Begriff selbst kam jedoch erst im 20. Jahrhundert auf. Der Begriff (Spät-)Aussiedler*in hingegen wird vor allem im rechtlichen oder politischen Bereich verwendet, um die politischen und rechtlichen Umstände zu bezeichnen, unter denen Menschen die Staatsbürgerschaft erworben haben.
  • Die Begriffe, die wir in unserer Forschung verwenden, sind weder juristische noch kulturelle Begriffe, sondern vielmehr analytische Werkzeuge, die uns helfen, die Macht von Staaten über Grenzen hinweg zu verstehen und zu analysieren.
  • Die Teilnehmenden haben einen breiten religiösen, sprachlichen und ethnischen Hintergrund. Diese Vielfalt zu ergründen, ist ein Kernpunkt dieses Forschungsdesigns.

Neugierig auf die Daten?

Unsere Daten laden zum Vergleich ein.
Wir freuen uns über Forschende, die sich am Dialog beteiligen möchten – ganz gleich, ob sie sich mit anderen Minderheitengruppen in Deutschland oder mit ähnlichen Bevölkerungsgruppen in anderen Ländern beschäftigen. Nehmen Sie einfach Kontakt mit uns auf!

Möchten Sie tiefer eintauchen?

Entdecken Sie unsere vollständigen Datensätze, Methoden und Ergebnisse auf der Hauptprojektseite.