ZOiS Spotlight 1/2026

Wie sicher fühlen sich die Deutschen?

Von Gwendolyn Sasse 14.01.2026

In Europa herrscht Krieg, global wird aufgerüstet und internationale Bündnisse bröckeln – derzeit scheint die Sicherheitslage so bedrohlich wie seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr. Spiegelt das persönliche Sicherheitsgefühl der Deutschen diese Entwicklungen wider? Eine Umfrage des ZOiS gibt Einblicke.

Aufbau von Absperrgitter am Reichstag in Berlin.
Aufbau von Absperrgittern am Reichstag in Berlin: Eine ZOiS-Umfrage gibt Aufschluss über das Sicherheitsgefühl der Deutschen. IMAGO / Stefan Zeitz

Der Diskurs über „Kriegstüchtigkeit“, das zerstörte Vertrauen in die USA als Sicherheitsgarant Europas, der andauernde Krieg Russlands gegen die Ukraine: Deutschland steht zweifelsohne vor großen innen- und außenpolitischen Herausforderungen. Auf nationaler und europäischer Ebene wird um Antworten für dieses neue Zeitalter gerungen, doch die Bemühungen verdichten sich bisher aufgrund unterschiedlicher nationaler Interessen und Vetorechte innerhalb der EU noch nicht zu einer kohärenten Politik. Bisher wissen wir zu wenig darüber, wie die Bürger*innen in Deutschland in diesen bewegten Zeiten über Sicherheit bzw. Unsicherheit nachdenken. Eine am ZOiS im Rahmen des Exzellenzclusters SCRIPTS umgesetzte Studie vom November/Dezember 2025 geht dieser Frage nach. Die Studie umfasst eine deutschlandweite Umfrage, deren Ergebnisse im Anschluss in Fokusgruppen und Einzelinterviews vertieft wurden. Erste Auswertungen zeigen, dass das Sicherheitsgefühl vieler Deutscher anders ist, als es die politischen und medialen Debatten über Sicherheit vermuten ließen.

Die repräsentative Umfrage wurde in Kooperation mit Ipsos Ende November 2025 unter 1.095 Menschen durchgeführt. Im Zentrum standen Fragen nach dem allgemeinen persönlichen Sicherheitsempfinden und nach den individuellen Prioritäten beim Thema „Sicherheit“.

Allgemein positives Sicherheitsgefühl

Auf die Frage „Wie sicher oder unsicher fühlen Sie sich zurzeit?“ antwortete eine klare Mehrheit von 61,5 Prozent, dass sie sich „sehr sicher“ oder „relativ sicher“ fühlt (13,4 Prozent respektive 48,1 Prozent). Unentschieden zeigten sich 24,5 Prozent, die sich „weder sicher noch unsicher“ fühlen. Demgegenüber standen insgesamt nur 14 Prozent, die sich „relativ unsicher“ oder „sehr unsicher“ fühlen (10,9 Prozent respektive 3,1 Prozent). Auch wenn mit dieser allgemein formulierten Frage sehr unterschiedliche Vorstellungen verbunden sein mögen, so ist es dennoch bemerkenswert, dass die spontane Reaktion der Befragten ein überwiegend positives Sicherheitsgefühl zeigt. Jedoch ist ein gutes Drittel der Bevölkerung, das dies anders empfindet oder unentschieden ist, keine zu vernachlässigende Größe.

Von einer umfangreichen Liste von möglichen soziodemographischen Faktoren, die das Ergebnis beeinflussen könnten, korrelieren nur zwei mit den Aussagen zum allgemeinen Sicherheitsgefühl: Geschlecht und Einkommen. Männer fühlen sich demnach tendenziell sicherer als Frauen, ebenso Menschen mit einem vergleichsweise höheren Einkommen. Eine Affinität zur rechtsnationalistischen Partei Alternative für Deutschland (AfD), gemessen an erklärten Wahlabsichten, ist besonders deutlich mit einem Gefühl der allgemeinen Unsicherheit verbunden.[1]

Persönliche Aspekte stehen im Vordergrund

Eine weitere Frage sollte die individuellen Prioritäten der Teilnehmenden beim Thema Sicherheit in Erfahrung bringen. Dabei wurden die Befragten zunächst aufgefordert, drei Assoziationen aus insgesamt elf Optionen auszuwählen, die sie am meisten mit Sicherheit verbinden, darunter etwa das Ende des Krieges in der Ukraine, eine starke Bundeswehr oder die NATO. Anschließend sollten sie aus dieser Vorauswahl noch die für sie wichtigste benennen. Daraus ergab sich folgendes Bild: Am häufigsten wurde „persönliche Sicherheit im öffentlichen Raum“ ausgewählt (29,1 Prozent), gefolgt von „Familie und Freundeskreis“ (24,9 Prozent) und „persönliche finanzielle Absicherung“ (19,5 Prozent). Diese drei auf das private Umfeld bzw. den Alltag konzentrierten Antworten stehen weit vor allen anderen Optionen. Mit großem Abstand folgen mit nur 6,1 Prozent „das Ende des Krieges in der Ukraine“, „eine starke Regierung in Deutschland“ (5,4 Prozent), „die NATO“ (4,2 Prozent) und „Wirtschaftswachstum“ (3,1 Prozent). Optionen wie „eine starke Bundeswehr“, „die EU“ oder „eine enge Kooperation mit den USA“ kommen in der weiteren Abfolge nur auf 2,2 bis 1,2 Prozent. Während ein höheres Einkommen mit einer stärkeren Gewichtung der persönlichen Sicherheit verbunden ist, ist bei der Betonung von finanzieller Absicherung ein höherer Bildungsgrad statistisch relevant. Die Assoziation „Familie und Freundeskreis“ wird statistisch durch keine der soziodemographischen Faktoren geprägt.

Mehrheit empfindet Krieg in der Ukraine als nah

Auf die zusätzliche Frage, ob Deutschland der Krieg in der Ukraine etwas angehe, gab etwa eine Zweidrittelmehrheit (64,8 Prozent) eine gefühlte Nähe des Krieges an (36,1 Prozent antworteten „ja, sehr“ und 28,7 Prozent „etwas“). Insgesamt 31,2 Prozent drückten eine gefühlte Distanz zum Krieg aus: 14,3 Prozent antworteten, dass Deutschland der Krieg „kaum“ angeht und 16,9 Prozent waren der Meinung, dass Deutschland der Krieg „gar nichts“ angeht. Lediglich 4 Prozent wussten keine Antwort auf diese Frage. Interessant ist die Ambivalenz, die sich in der Gesamtschau ergibt: Eine Mehrheit fühlt sich sicher, während sich gleichzeitig eine Mehrheit dem Krieg „nah“ fühlt und eine weitere Mehrheit vor allem an die eigene persönliche Sicherheit im Alltag und nicht an die Außen- und Sicherheitspolitik denkt.

Die Vorstellungen von Sicherheit bzw. Unsicherheit, die diese neue Umfrage aufzeigt, sind somit durchaus von Widersprüchen gekennzeichnet. Die Fokusgruppendiskussionen und Einzelinterviews bestätigten, dass Ambivalenz ein zentrales Element der Gefühlswelten ist. Die Besinnung auf das Private, einschließlich der persönlichen Sicherheit, ist nicht selten eine Reaktion auf komplexe innen- und außenpolitische Entwicklungen bzw. ein Versuch, sich diesen zu entziehen. Bedenkt man die aktuellen politischen und öffentlichen Debatten, so fällt auf, wie klar die Bevölkerung einerseits die Abkehr von den USA als Sicherheitsgarant schon vollzogen hat, wie wenig präsent, relevant oder glaubwürdig andererseits jedoch die Diskussionen über die Stärkung der Bundeswehr, die „Kriegstüchtigkeit“ oder die NATO als Sicherheitsanker sind.

Dabei sind verschiedene Parteienaffinitäten auffällig: Diejenigen, die angaben, bei der nächsten Bundestagswahl die AfD oder das Bündnis Sahra Wagenknecht (BSW) wählen zu wollen, sagen mit höherer Wahrscheinlichkeit, dass der Krieg Deutschland kaum oder gar nichts angeht. Potenzielle Nichtwähler*innen sagen ebenfalls eher, dass der Krieg sie gar nichts angeht. Eine Affinität zur Partei Bündnis 90/Die Grünen ist hingegen mit einer gefühlten Nähe des Krieges verbunden.

Konsequenzen für die Politik

Für die deutsche Politik unterstreicht die Studie eine herausfordernde Gleichzeitigkeit: Sie muss die gefühlte (Un-)Sicherheit der Menschen in ihrem persönlichen Umfeld adressieren und zugleich Antworten auf den als „nah“ empfundenen Krieg in der Ukraine finden bzw. diese heterogenen Wahrnehmungen miteinander verbinden. Andernfalls profitieren vor allem die Parteien rechts und links außen von der Ambivalenz, die sich politisch instrumentalisieren lässt.

[1]  Die Analyse nutzt die Affinität zur konservativen Regierungspartei CDU/CSU als Basiskategorie in der statistischen Analyse, das heißt, die Ergebnisse für jede Partei beschreiben einen Vergleich zu Wähler*innen der CDU/CSU.


Diese am ZOiS in Kooperation mit Ipsos umgesetzte Studie wurde vom von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderten Exzellenzcluster SCRIPTS („Contestations of the Liberal Script“, EXC 2055, Project-No. 390715649) ermöglicht.


Gwendolyn Sasse ist Wissenschaftliche Direktorin des Zentrums für Osteuropa- und internationale Studien und Einstein-Professorin für Vergleichende Demokratie- und Autoritarismusforschung an der Humboldt-Universität zu Berlin.