ZOiS Spotlight 4/2026

Warum Lukaschenka die Anti-Putin-Karte spielt

Von Boris Ginzburg 25.02.2026

Belarus ist ein Mitaggressor im Krieg Russlands gegen die Ukraine. Dennoch präsentiert sich der belarusische Machthaber Aljaksandr Lukaschenka als Anti-Putin – er lässt politische Gefangene frei und sendet versöhnliche Signale an den Westen. Dieser Balanceakt ist nicht ohne Risiken.

Der belarusische Machthaber Aljaksandr Lukaschenka sitzt an einem Tisch vor einem Mikro.
Der belarusische Machthaber Aljaksandr Lukaschenka bei einem Treffen der Eurasischen Wirtschaftsunion in St. Petersburg im Dezember 2025. IMAGO / SNA

Die Freilassung von 123 belarusischen politischen Gefangenen durch das Lukaschenka-Regime am 13. Dezember 2025 ist die jüngste in einer Reihe von Freilassungen inhaftierter Dissident*innen in Belarus seit Juli 2024. Sie finden vor dem Hintergrund des anhaltenden umfassenden Krieges Russlands gegen die Ukraine statt. Im Gegensatz zu früheren Gefangenenfreilassungen in Zeiten der Entspannung zwischen Minsk und dem Westen, beispielsweise von 2014 bis 2020, ist Belarus diesmal kein neutraler Akteur mehr. Durch die aktive logistische Unterstützung des Kremls durch Minsk in den ersten Monaten des russischen Angriffs auf die Ukraine wurde das Land zu einem Mitaggressor.

Paradoxerweise koexistiert diese Rolle mit der Sichtweise, dass Belarus sowohl ein potenzielles Opfer der russischen Expansionspolitik als auch ein Vermittler zwischen den Kriegsparteien ist, wie die „Friedensverhandlungen“ in Belarus im Februar und März 2022 gezeigt haben. Selbst das eigentliche Opfer der russischen Aggression – die Ukraine – erkennt die widersprüchliche Rolle des Lukaschenka-Regimes an. Dieser scheinbare Widerspruch ist ein entscheidender Faktor für den Erfolg des Regimes, wenn es darum geht, zumindest einigen seiner westlichen Adressaten Signale der Annäherung zu übermitteln. Im aktuellen Kontext sind die USA für solche Signale empfänglich, die EU hingegen nicht. In der Vergangenheit war das Gegenteil der Fall.

Distanzierung von Russland

Es gibt jedoch noch einen weiteren Grund für den teilweisen Erfolg der aktuellen belarusischen Außenpolitik. Lukaschenka hat es insbesondere durch die Freilassung seiner prominentesten Gegner Sjarhej Zichanouski (freigelassen im Juni 2025), Wiktar Babaryka und Maryja Kalesnikawa (beide freigelassen im Dezember 2025) in den letzten Monaten geschafft, etwas anderes zu vermitteln: Er ist nicht wie Putin. Letzterer lässt seine schärfsten Gegner unter höchst verdächtigen Umständen sterben, darunter Boris Nemzow im Februar 2015 und Alexej Nawalny im Februar 2024. Die Warnung Minsks an Polen und Litauen im September 2025, dass sich offenbar russische Drohnen dem EU-Gebiet näherten, passt ebenfalls in dieses Muster der Distanzierung von Russland in Botschaften an den Westen.

Lukaschenkas Demonstration der Distanzierung vom Kreml hat ihr Ziel erreicht. Dank amerikanischer Sanktionsausnahmen kann sich Belarus teilweise wieder in der Weltgemeinschaft etablieren. Die Einladung des Weißen Hauses an Minsk, sich dem im Januar 2026 von US-Präsident Donald Trump gegründeten sogenannten Friedensrat anzuschließen, ist eine weitere Gelegenheit für Belarus, schrittweise in die Weltgemeinschaft zurückzukehren. Auch auf belarusisch-europäischer Ebene gibt es Anzeichen für Fortschritte: Im Oktober 2025 trafen sich europäische Diplomat*innen in Paris zu geheimen Gesprächen mit Vertreter*innen des belarusischen Regimes.

Die Vorteile einer Annäherung

Die Motive hinter den Handlungen Minsks sind vielfältig. Für Lukaschenka, der versucht, sich unter allen Umständen an der Macht zu halten, ist es vor allem wichtig, sich einen Platz in den künftigen Verhandlungen über eine neue europäische Sicherheitsordnung zu sichern. Ein wichtiges Ziel solcher Verhandlungen wäre für Minsk, Sicherheitsgarantien von der NATO, aber auch von einem revisionistischen Russland zu erhalten. Eine Beilegung des Krieges vor der eigenen Haustür würde darüber hinaus politische Ressourcen freisetzen, die für eine reibungslose Machtübergabe erforderlich sind, was inmitten des Konflikts schwierig wäre. Jüngste Änderungen der belarusischen Verfassung und des Gesetzes „Über den Präsidenten von Belarus” deuten darauf hin, dass Lukaschenka plant, die Macht in der Familie zu behalten oder zumindest die Immunität seiner Familienmitglieder in jedem Nachkriegsszenario zu sichern. Es gäbe noch eine weitere Friedensdividende: In den letzten Monaten hat Lukaschenka wiederholt seinen Wunsch geäußert, dass Belarus sich am finanziell lukrativen Wiederaufbau der Ukraine nach dem Krieg beteiligt. Auch hier wird eine Distanzierung von Russland deutlich: Während Putin die Ukraine zerstört, ist Lukaschenka angeblich bereit, sie wieder aufzubauen.

Entspannung: ein zweischneidiges Schwert?

Das derzeitige Manöver des belarusischen Machthabers könnte jedoch zwei Nebenwirkungen haben, die die Stabilität seines Regimes gefährden könnten. Erstens könnte eine neue Entspannung mit dem Westen aus innenpolitischer Sicht zu einem zweischneidigen Schwert werden. Sie würde es Lukaschenka ermöglichen, das Trauma der brutal niedergeschlagenen Massenproteste infolge der manipulierten Präsidentschaftswahlen 2020 für beendet zu erklären und gleichzeitig den Beginn einer vermeintlichen Versöhnungsphase innerhalb Belarus einzuläuten. Dennoch muss er darauf achten, die Silowiki (Sicherheitsapparat) innerhalb seiner „Siegerkoalition” nicht zu verprellen. In Autokratien nutzen solche Eliten in der Regel Zeiten umfassender Repressionen, um ihre Karrieren voranzutreiben, sowie ausländische Sanktionsregime als Gelegenheit für lukrative Sanktionsumgehungen.

Zweitens bleibt unklar, wie lange es dem belarusischen Regime gelingen wird, die strategische Geduld des Kremls mit Lukaschenkas Annäherungsversuchen an den Westen nicht zu erschöpfen. Lukaschenkas fast schon gewiefte Weigerung, den Kreml mit eigenen Soldat*innen im Krieg gegen die Ukraine zu unterstützen, ist einigen politischen Falken um Putin seit geraumer Zeit ein Dorn im Auge. Dies zeigte sich besonders deutlich an den kritischen Reaktionen kremlnaher Militärblogger, nachdem Lukaschenka im Juli 2024 den Abzug der an der belarusisch-ukrainischen Grenze stationierten belarusischen Truppen angekündigt hatte.

Belarus und die EU: vereint durch die Angst vor dem gleichen Schicksal

Lukaschenkas Flirt mit Washington ist nur möglich, solange der derzeitige Kommunikationskanal zwischen dem Weißen Haus und dem Kreml intakt bleibt. Dies ist die Rechtfertigung des belarusischen Machthabers gegenüber Moskau für seine parallele Annäherung an den Westen. Daher sollte es im Interesse Lukaschenkas liegen, diesen Kanal nicht nur offen zu halten, sondern ihn zu gestalten oder sogar selbst diesen Kanal zu verkörpern, indem er als Vermittler in den aktuellen Verhandlungen zwischen den USA und Russland auftritt. Nur so kann Lukaschenka ein Szenario verhindern, in dem er zum Spielball zweier Weltmächte wird – ein Schicksal, das Europa für sich selbst befürchtet. Hier wird eine Überschneidung der Interessen zwischen der EU und Belarus deutlich, die freundlichere Beziehungen zwischen Brüssel und Minsk bewirken könnte. Dennoch könnten Lukaschenkas Versuche, seinen politischen Handlungsspielraum gegenüber dem Kreml zu erweitern, selbst im Falle eines Waffenstillstands im Krieg gegen die Ukraine nach hinten losgehen. In seiner derzeitigen Rolle als Anti-Putin vollführt der belarusische Autokrat einen politischen Drahtseilakt mit ungewissem Ausgang.


Boris Ginzburg ist Doktorand am Institut für Osteuropastudien der Freien Universität Berlin.