Warum die Gen-Z-Proteste in Bulgarien erfolgreich waren
In vielen Ländern weltweit geht die Gen Z gegen Korruption, soziale Ungerechtigkeit und autoritäre Tendenzen auf die Straße – so auch in Bulgarien. Die Massenproteste Ende 2025 führten innerhalb kürzester Zeit zum Rücktritt der Regierung. Wie erreichten die Demonstrierenden so schnell ihr Ziel?
Die Generation Z hat in den letzten zwei bis drei Jahren weltweit Proteste in verschiedenen politischen Systemen angeführt. Während einige dieser Proteste Regierungen zum Rücktritt oder dazu gezwungen haben, öffentliche Forderungen zu erfüllen, sind andere ohne konkrete politische Ergebnisse geblieben oder unterdrückt worden. Bulgarien sticht als eine der Erfolgsgeschichten hervor. Weniger als drei Wochen nach Beginn der Massenmobilisierung Ende 2025 trat die Regierung zurück, und die bevorstehenden Parlamentswahlen werden die politische Landschaft des Landes voraussichtlich grundlegend neugestalten. Doch warum waren gerade die Proteste in Bulgarien erfolgreich?
Die globale Revolte der Generation Z
Proteste der Gen Z sind zu einem politischen Phänomen geworden, das sich von Südasien und Nordafrika über Osteuropa bis nach Lateinamerika ausgebreitet hat. Trotz großer Unterschiede in Bezug auf die Regimeformen und die wirtschaftliche Entwicklung der betreffenden Länder zeichnen sie sich durch ähnliche Forderungen nach politischer Rechenschaftspflicht, sozialer Gerechtigkeit und einem Ende der Korruption aus.
Diese Proteste, die über Netzwerke ohne feste Anführer*innen organisiert und durch soziale Medienplattformen verstärkt werden, stützen sich auf gemeinsame popkulturelle Symbole und eine transnationale Verbreitung, bei der Bewegungen in einem Land die Mobilisierung in anderen Ländern inspirieren. Während viele dieser Aufstände mit gewaltsamer Unterdrückung, militärischer Intervention oder stagnierenden Ergebnissen konfrontiert waren, haben einige einen Raum für politische Veränderungen geschaffen.
Bulgarien: Drei Wochen, die zu einem Rücktritt führten
Internationale Medien vermittelten zunächst ein falsches Bild der bulgarischen Proteste. Angesichts des geplanten Beitritts des Landes zur Eurozone im Januar 2026 stellten einige ausländische Medien die Demonstrationen als Widerstand gegen den Euro dar. Diese Interpretation übersah jedoch die zentralen politischen Dynamiken, die hier im Spiel waren.
Die Proteste begannen am 25. November, ausgelöst durch einen umstrittenen Haushalt, der Steuererhöhungen vorsah. Die Abstimmung über die Verabschiedung des Haushaltsplans war aber lediglich der letzte Funke, der die seit langem aufgestaute öffentliche Empörung über den Einfluss informeller und undurchsichtiger Machtnetzwerke entfachte.
Im Mittelpunkt dieser Unzufriedenheit standen die immer offensichtlicher werdenden Versuche des Oligarchen Deljan Peewski, Vorsitzender der Partei DPS – Bewegung für Recht und Freiheiten, seine politische Macht neben Bojko Borissow, dem dreimaligen Ministerpräsidenten und langjährigen Vorsitzenden der konservativen GERB-Partei, zu festigen. Die Demonstrierenden machten Peewski und Borissow für Korruption und Vetternwirtschaft in allen Bereichen des öffentlichen Lebens verantwortlich.
Die Proteste waren Ausdruck des wachsenden Misstrauens der Bevölkerung gegenüber öffentlichen Institutionen und politischen Führungspersönlichkeiten. Dies wurde durch wiederholte Korruptionsskandale und die Wahrnehmung, dass wichtige Entscheidungen fernab der öffentlichen Kontrolle getroffen werden, geschürt. Die Proteste brachten somit eine bekannte, aber ungelöste Forderung zum Ausdruck: ein neues Regierungsmodell jenseits oligarchischer Kontrolle, mit einer unabhängigen Justiz, Rechenschaftspflicht und Transparenz.
Warum die Proteste in Bulgarien zu Ergebnissen führte
Beim Erfolg der Proteste in Bulgarien spielten vier miteinander verknüpfte Faktoren eine Rolle: eine starke Organisation, die Popularität der Demonstrationen, veränderte Erwartungen der Demonstrierenden und ein protestempfindliches politisches System.
Erstens waren die Proteste, die von dezentralen Mobilisierungen vor allem junger Menschen getragen wurden, flexibel organisiert. Die meisten Straßendemonstrationen wurden von der reformistischen Koalition „Wir setzen den Wandel fort – Demokratisches Bulgarien“ und ihren Jugendorganisationen angekündigt und durchgeführt. Unterstützung kam auch von einflussreichen zivilgesellschaftlichen Organisationen, die für Rechtsstaatlichkeit kämpfen, sowie von anderen oppositionellen Protestparteien.
Studierende und junge Menschen spielten eine wichtige Rolle bei der Mobilisierung über TikTok, Instagram und Facebook-Gruppen wie Active Politics sowie über Bürgerinitiativen wie Future in Bulgaria, die von jungen Ärzt*innen organisiert wurden. Auch Angehörige der Roma- und türkischen Minderheiten nahmen prominent an den Demonstrationen teil.
Strategisch konzentrierten sich die Sprecher*innen der Proteste auf eine breite, einigende Forderung sowohl nach Ablehnung des Haushaltsplans als auch dem Rücktritt der Regierung von Ministerpräsident Rossen Scheljaskow. Dieser Ansatz erweiterte die soziale Basis der Proteste und erreichte Bürger*innen im ganzen Land, was zu Demonstrationen in mehr als 20 Städten führte.
Der zweite Faktor war der populäre Charakter der Proteste. Am 10. Dezember demonstrierten zwischen 100.000 und 150.000 Menschen allein in Bulgariens Hauptstadt Sofia und mehrere Tausend in anderen Städten – die größten Proteste der letzten Jahre. Laut einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Myara unterstützten 71,3 Prozent der Bulgar*innen die Proteste, und fast 50 Prozent stimmten der Forderung nach einem Rücktritt der Regierung zu.
TikTok spielte eine entscheidende Rolle bei der Mobilisierung der Unterstützung. Prominente Influencer*innen, Schauspieler*innen und Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens mit Hunderttausenden von Follower*innen unterstützten die Proteste offen und mobilisierten aktiv ihr Publikum. Soziale Medien wurden intensiv genutzt, um durch neue Songs, Memes und Videoclips eine gemeinsame Protestkultur aufzubauen. Im Gegensatz zu früheren Protestwellen, die hauptsächlich über Facebook organisiert wurden und oft auf eine gebildete soziale Blase in größeren Städten beschränkt waren, erweiterte TikTok die Mobilisierung auf neue soziale Gruppen, darunter kleinere Städte und politisch bislang wenig engagierte Jugendliche.
Drittens hatten die Demonstrierenden andere Erwartungen als ihre Vorgänger. Die Generation Z in Bulgarien wuchs in einem grundlegend veränderten soziopolitischen Kontext auf. Im Gegensatz zu den sogenannten Kindern des Übergangs nach dem Zerfall der Sowjetunion, die in Armut, Unsicherheit und ständiger Anpassung aufwuchsen, wurde die Gen Z in einem EU-Mitgliedstaat erwachsen. Einerseits gab es höhere Einkommen, mehr Mobilität und bessere Perspektiven, andererseits aber auch mehr als ein Jahrzehnt politischer Stagnation unter der Vorherrschaft von Borissow und Peewski. Die Gen Z lehnt politische Appelle an Geduld oder aufgeschobenen Wohlstand ab. Diese veränderten Erwartungen schufen einen fruchtbaren Boden für eine rasche Mobilisierung.
Der letzte und wichtigste Faktor ist struktureller Natur. Bulgarien hat ein protestempfindliches politisches System, das eine außergewöhnlich starke Zivilgesellschaft mit einer gespaltenen politischen Klasse, geringem Vertrauen in Institutionen und politischer Instabilität verbindet. Dieses Ungleichgewicht ist nicht neu. Die Demonstrationen von 2025 waren die sechste Massenprotestwelle in Bulgarien in den letzten 36 Jahren. In jedem der vorherigen Fälle erlebte das Land einen wiederkehrenden Zyklus dieser Protestdemokratie: Die angestaute Unzufriedenheit verwandelte sich in Massenproteste und öffnete einen Raum für neue politische Parteien. Was sich im aktuellen Fall geändert hat, war die Geschwindigkeit der Mobilisierung.
Im Gegensatz zu hybriden Regimen wie Serbien oder Georgien, wo die herrschenden Eliten versuchen, Proteste durch Repression und Verleumdungskampagnen zu unterdrücken, neigen die bulgarischen Eliten dazu, die Demonstrierenden mit Rücktritten und vorgezogenen Neuwahlen zu beschwichtigen. Diese Strategie mag zwar noch größere Protestbewegungen verhindern, führt aber auch zu schnelleren politischen Zugeständnissen.
Wie geht es weiter in Bulgarien?
Bulgarien ist in einer kritischen Phase, in der die Herausforderung darin besteht, die Stimmen der Straße in politische Macht umzusetzen. Bei den nächsten Wahlen wird eine höhere Wahlbeteiligung erwartet, angetrieben von jungen Wähler*innen, der Diaspora und bisher wenig engagierten Bürger*innen. Der Eintritt des ehemaligen Präsidenten Rumen Radew in die Parteipolitik erhöht die Unsicherheit über den politischen Kurs des Landes weiter.
Justizreformen würden eine parteiübergreifende Zusammenarbeit erfordern. Ob die derzeitige Mobilisierung zu einem dauerhaften Wandel führt, wird daher von der Fähigkeit der politischen Eliten abhängen, in einem zunehmend polarisierten politischen System einen nationalen Konsens auszuhandeln. Letztendlich lautet die entscheidende Frage, ob dieser Protestzyklus die Demokratie in Bulgarien stärken oder das bekannte Muster von Enttäuschung und erneuter Protestmobilisierung reproduzieren wird.
Dr. Ivaylo Dinev ist Politikwissenschaftler und Postdoktorand am ZOiS, wo er das KonKoop-Forschungsnetzwerk Multi-Method Data Laboratory koordiniert. Das Projekt wird vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt gefördert.