Russland und die Parlamentswahlen 2026 in Armenien
Die Armenier*innen sind am 7. Juni zu einer Wahl aufgerufen, in die Russland massiv zugunsten der drei prorussischen Parteien des Landes eingreift. Doch viele russische Migrant*innen in Armenien wünschen ihnen keinen Wahlerfolg.
Die bevorstehenden Parlamentswahlen in Armenien werden ein Lackmustest für die multivektorale Außenpolitik von Premierminister Nikol Paschinjan. Unter Paschinjan hat Armenien seine Zusammenarbeit mit Russland fortgesetzt und sich gleichzeitig politisch Europa und dem Westen angenähert – doch dieser Kurs bleibt innerhalb der armenischen Gesellschaft und darüber hinaus umstritten. Aktuelle Umfragen deuten auf eine stetig steigende Unterstützung für seine Partei „Zivilvertrag“ hin und sagen eine Niederlage der prorussischen Opposition voraus. Dennoch ist der Partei keine Mehrheit im Parlament garantiert, und es ist unwahrscheinlich, dass Russlands Einfluss nach den Wahlen abnehmen wird.
Armeniens strategische Hinwendung zum Westen
Jahrzehntelang war Armenien politisch und wirtschaftlich von Russland abhängig. Russlands großangelegte Invasion in der Ukraine und der Verlust Bergkarabachs an Aserbaidschan 2023 veränderte das traditionell positive Russlandbild in der Republik grundlegend. Enttäuschung und Frustration haben Vertrauen und Freundschaft abgelöst.
Armenien hat seine internationalen Bündnisse diversifiziert, die wirtschaftlichen Beziehungen zur EU und den USA gestärkt und sich von Russland sowie der Organisation des Vertrags über kollektive Sicherheit distanziert. Bezeichnenderweise nahm Paschinjan weder an der diesjährigen Siegesparade in Moskau am 9. Mai noch am Gipfel der Eurasischen Wirtschaftsunion (EAWU) in Astana am 26. Mai teil. Anfang Mai war Jerewan Gastgeber des ersten EU-Armenien-Gipfels überhaupt. Von den USA vermittelte regionale Friedensverhandlungen mit Aserbaidschan und ein neues Konnektivitätsabkommen zur geplanten Trump-Route für internationalen Frieden und Wohlstand (Trump Route for International Peace and Prosperity) sind weitere Belege für Armeniens strategische Neuausrichtung.
Einmischung von außen
Russland sieht jedoch nicht tatenlos zu, wie Jerewan Schritte in Richtung größerer Souveränität unternimmt. Es mischt sich mit einer massiven Desinformationskampagne in die Wahlen ein. Ziel ist es, Unterstützung für die drei prorussischen Oppositionsparteien Armeniens zu gewinnen – besonders unter den unentschlossenen Wähler*innen (22 Prozent). In KI-generierten Fake News, „Doppelgänger“-Medienformaten und Videos stellen sie Paschinjan als Verräter dar. Zudem schürt die Kampagne Ängste vor einem neuen Krieg um Bergkarabach mit Aserbaidschan. Außerdem übt Russland wirtschaftlichen Druck aus, etwa durch „vorübergehende Verbote“ für armenische Exporte, und warnt, dass Armeniens Annäherung an die EU nicht mit seiner EAWU-Mitgliedschaft vereinbar sei.
Auch Mitglieder der armenischen Diaspora in Russland mischen sich in den Wahlkampf ein. Sie machen Paschinjan dafür verantwortlich, Bergkarabach an Aserbaidschan „abgetreten“ zu haben – und kritisieren die daraus folgende Flucht ethnischer Armenier*innen aus der ehemaligen Exklave. Die prorussischen Oppositionsparteien versuchen, diese russischen Armenier*innen zu mobilisieren. Berichte über „Diaspora-Busse“ und die „mögliche Bestechung“ einiger in Russland lebender armenischer Bürger*innen, damit sie an den Wahlen teilnehmen, trugen im Wahlkampf zur politischen Polarisierung der armenischen Gesellschaft bei.
Viele Exilruss*innen unterstützen Paschinjan
Die russischen Staatsbürger*innen, die nach der groß angelegten Invasion Russlands in die Ukraine nach Armenien emigrierten, verfolgen den Wahlkampf aufmerksam – auch wenn die meisten nicht wahlberechtigt sind. Politisch sind sie eher liberal und proeuropäisch, und die meisten fürchten eine russlandfreundliche Regierung. Diese Aussicht hat viele dazu gebracht, darüber nachzudenken, Armenien zu verlassen – obwohl das Land bisher als einladender „sicherer Hafen“ galt. Um ihre Bedenken besser zu verstehen, führten wir Interviews mit russischen Migrant*innen, lokalen armenischen Expert*innen und russischstämmigen Armenier*innen in Jerewan und in Gjumri, der zweitgrößten Stadt Armeniens und Standort der 102. russischen Militärbasis.
Die Interviews zeigen: Russische Migrant*innen sorgen sich vor allem um die mit Russland verflochtenen Wirtschaftseliten und die russische Militärpräsenz in Armenien – beides gilt als Symbol für Russlands anhaltenden Einfluss. Viele zeigten sich beunruhigt von den Gesichtern wohlhabender russisch-armenischer Kandidat*innen auf Wahlplakaten. Sie befürchteten, dass deren Präsenz und finanzielle Ressourcen den prorussischen Parteien zusätzliche Stimmen sichern könnten. Diese Bedenken äußerten nicht nur russische Migrant*innen. Auch russischstämmige Armenier*innen aus Jerewan teilten ähnliche Ängste – ein Zeichen dafür, dass die Sorge vor wachsendem russischem Einfluss in der armenischen Gesellschaft breiter verankert ist.
Viele befragte russische Migrant*innen sehen in Georgiens jüngstem autoritären Kurswechsel eine Warnung für Armenien. Ein Befragter erklärte: „Alle haben Angst, dass eine prorussische Partei gewinnen könnte, wie in Georgien, und dass sich alles sehr schnell zum Schlechten wenden wird.“ Die Politikwissenschaftlerin Jenny Paturyan (American University of Armenia, Jerewan) betonte im Mai 2026 jedoch, dass das georgische Szenario in Armenien angesichts der starken Zivilgesellschaft des Landes schwerer umzusetzen wäre.
Die meisten russischen Migrant*innen betrachten Paschinjan und seine Partei „Zivilvertrag“ derzeit als beste Option für Armenien, vor allem wegen seiner Bemühungen um ein Friedensabkommen mit Aserbaidschan. Eine befragte Person erklärte: „Gerade in einer Zeit, in der mein Land im Krieg steht, unterstütze ich jedes Friedensabkommen, jede Versöhnung, jeden Waffenstillstand.“ Viele vertrauen darauf, dass Paschinjan den russischen Einfluss einschränken wird, ohne Russland zu provozieren. Dennoch bestehen Befürchtungen hinsichtlich einer Verschärfung der gesetzlichen Regelungen für Russ*innen in Armenien und möglicher Ausweisungen. Die laufenden Verhandlungen über die Trump-Route und die umstrittene Wiedereröffnung der Eisenbahnverbindung zwischen Kars und Gjumri bewerteten die Befragten positiv, verbanden damit aber die Sorge vor einer russischen Reaktion.
Die Wahlergebnisse werden die russisch-armenischen Beziehungen und die geopolitische Zukunft der Region maßgeblich prägen. Nikol Paschinjan vollführt einen heiklen Balanceakt: Dennoch treibt er eine multivektorale Außenpolitik selbstbewusst voran und Armenien behält zugleich die wirtschaftliche und kulturelle Zusammenarbeit Armeniens mit Russland bei. Dass Armenien seine Bündnisse diversifiziert, bedeutet nicht, dass Russland das Interesse an dem Land als Pufferzone neben dem NATO-Mitglied Türkei verliert. Russland wird ein bedeutender Handelsakteur in der Region bleiben. Die EU sollte Armenien bei strategischen Reformen unterstützen, ohne dessen außenpolitischen Kurs gänzlich abzulehnen.
Tsypylma Darieva ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am ZOiS, Leiterin des Forschungsschwerpunkts „Migration und Diversität“ und Co-Leiterin des ZOiS Kaukasus-Netzwerks.
Marika Murgioni ist Doktorandin an der Universität Padua und der Ca’ Foscari Universität Venedig. Derzeit schreibt sie ihre Dissertation zum Thema „Armenisch-russische Beziehungen im postsowjetischen städtischen Kontext: Machtdynamiken, Identitätsverhandlungen und soziale Veränderungen in der Stadt Gjumri“.