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Erfahrungen älterer Frauen mit sozialer Betreuung in der Ukraine

Von Oleksandra Kokhan 27.05.2026

Krieg und Abwanderung haben Fürsorgenetzwerke für ältere Frauen in der Ukraine stark geschwächt. Eine Studie zeigt, wie soziale Bindungen dennoch aufrechterhalten werden und Unterstützung im Kriegsalltag gelingt.

Eine Person steht vor einem kleinen Kiosk und kauft Lebensmittel.
Viele ältere Frauen müssen wegen des Krieges neue soziale Netzwerke aufbauen, um ihren Alltag zu bewältigen. Oleksandra Kokhan

In meinen jüngsten Gesprächen mit älteren Frauen in der Ukraine fiel oft der Satz: „Jeder hat seine eigene Familie.“ Tatsächlich ist für viele Menschen im Land die Familie der zentrale Bestandteil des Lebens. Ältere Frauen nehmen dabei sowohl beim Geben als auch beim Empfangen sozialer Betreuung eine Vorreiterrolle ein. Doch selbst Menschen mit Familien können sich bei ihren Fürsorgebedürfnissen nicht vollständig auf diese verlassen. Viele Menschen aus kleineren Städten der Ukraine haben das Land verlassen oder sind angesichts begrenzter Beschäftigungsmöglichkeiten in eine größere Stadt gezogen. Ältere Menschen hingegen verlassen ihren Wohnort – wo sie Stromausfälle und Raketenangriffe erdulden müssen – nur selten, es sei denn, es besteht unmittelbare Gefahr durch den andauernden Krieg. Infolgedessen ist der Anteil der ukrainischen Bevölkerung im Alter von 60 Jahren oder älter seit Beginn der groß angelegten Invasion Russlands im Jahr 2022 rapide gestiegen.

Wie bewältigen ältere Ukrainer*innen, insbesondere Frauen, also ihren Alltag vor dem Hintergrund von Krieg und massiver Abwanderung? Um ein Bild von ihrer Situation zu bekommen, führte ich qualitative Interviews mit Frauen über 60 in einer postindustriellen Stadt im Norden der Ukraine mit rund 60.000 Einwohner*innen durch. Auch die tägliche Sozialbetreuung in der Stadt liefert Erkenntnisse darüber, welche Aktivitäten den sozialen Zusammenhalt in einer alternden Stadtbevölkerung in der Krise aufrechterhalten.

Soziale Betreuungsnetzwerke

Ältere ukrainische Frauen sind nicht nur Empfängerinnen, sondern auch aktive Gebende von Fürsorgearbeit. Abgesehen von der nahen Familie kümmern sie sich um ihre Gärten, Haustiere, ehemaligen Kolleg*innen, Nachbar*innen und die erweiterte Familie. Die meisten sozialen Fürsorgenetzwerke dieser Frauen bestehen aus Menschen, mit denen sie gearbeitet haben oder in deren Nähe sie leben. Je nachdem, wer in der Nähe ist, ziehen Frauen bestimmte Beziehungen anderen vor – wenn beispielsweise zwei Frauen keine Familie in der Nähe haben, verlassen sie sich möglicherweise stärker aufeinander.

Die geleistete Sorgearbeit, die ich beobachtete, wurde von den Frauen selbst selten als Pflege, Hilfe oder Gefälligkeit beschrieben. Vielmehr wird diese Arbeit als bloßer Nebeneffekt von Kommunikation angesehen. Die Frauen bitten eher um einen Gefallen, wenn sie sich regelmäßig treffen oder gegenseitige Verantwortungen haben – es scheint schwer, immer wieder um Gefälligkeiten zu bitten, die nicht erwidert werden können. Für ältere Frauen ist ein Gefühl der Verbundenheit unerlässlich für den engen Kontakt, der zum Geben und Empfangen von Fürsorge führt.

Frauen sind sehr unterschiedlich dazu imstande, ihre sozialen Fürsorgenetzwerke aufrechtzuerhalten. Mit der Zeit, wenn Menschen schwerer zu erreichen sind oder sterben, schwächen sich diese Netzwerke ab. Bindungen aufrechtzuerhalten, erfordert regelmäßige gemeinsame Aktivitäten in einem geteilten physischen Raum, weshalb das Älterwerden und die Abwanderung von Familienmitgliedern bei älteren Frauen ein Gefühl der Leere hinterlassen. Dies verschärft die Herausforderungen, mit denen ältere Frauen ohnehin schon konfrontiert sind, wie Armut, finanzielle Abhängigkeit von ihren Familien, eingeschränkte Mobilität und ein Mangel an zugänglicher medizinischer Versorgung.

Die groß angelegte russische Invasion hat weitere Herausforderungen mit sich gebracht. Der Winter 2025–26 war besonders hart und schränkte die ohnehin begrenzte Mobilität insbesondere der älteren Frauen der Stadt weiter ein. Häufige Stromausfälle, eisige Temperaturen und die ausbleibende regelmäßige Straßenreinigung machten viele Orte für ältere Frauen vorübergehend unzugänglich und ihre eigenen Häuser ungemütlich.

Das Telefon ist unter diesen Umständen für fast alle älteren Frauen unverzichtbar geworden, vor allem für diejenigen, die an Mobilitätseinschränkungen leiden. Telefonate mit Nachbar*innen, ehemaligen Kolleg*innen und der erweiterten Familie sind für weniger mobile ältere Frauen die häufigste Art, in Kontakt zu bleiben.

Zu den Einrichtungen, die es den älteren Frauen der Stadt ermöglichen, ihre sozialen Netzwerke wieder aufzubauen oder aufrechtzuerhalten, gehören ein staatliches Sozialzentrum sowie eine gemeinnützige Organisation, die mit den Behörden, den Kirchen und den Bibliotheken zusammenarbeitet. Diese Einrichtungen bestehen zwar schon seit einiger Zeit, ihre gemeinnützige Arbeit hat jedoch seit der vollumfänglichen Invasion deutlich zugenommen. Einige der von ihnen geleiteten Initiativen sind aufgrund von Finanzierungsschwierigkeiten bereits wieder verschwunden. Dennoch haben diese Orte, wie mir Sozialarbeiter*innen dieser Initiativen berichteten, den Frauen geholfen, neue Kontakte zu knüpfen, von denen sich einige zu Freundschaften entwickelt haben.

An diesen Orten können die Frauen der Stadt Ratschläge und Erfahrungen austauschen, Zeit miteinander verbringen oder emotionale Unterstützung erfahren. „Sie sind wirklich meine Familie“, sagte eine Frau sowohl über die Nutzerinnen des Sozialzentrums als auch über das Bibliothekspersonal. Öffentliche Einrichtungen mit stabiler Grundversorgung wie Strom und Warmwasser werden zu Orten, an denen Frauen mit anderen in ähnlichen Lebensumständen Kontakte knüpfen können.

Die Bedeutung sozialer Bindungen

Soziale Fürsorge unter älteren ukrainischen Frauen ist eine Form sozialer Bindung, bei der es darum geht, Bedürfnisse auszugleichen und Beziehungen zu priorisieren. Fürsorge wird im Sinne von Gegenseitigkeit und dem Recht, versorgt zu werden, verstanden. Für viele steht die Familie an erster Stelle. Das bedeutet jedoch nicht, dass ältere Frauen sich nicht um Menschen außerhalb ihrer Familien kümmern; sie betrachten dies lediglich nicht als Fürsorgearbeit.

Die Frauen, mit denen ich sprach, unterschieden zudem zwischen Sorgearbeit als horizontalem Akt, der in der Regel Teil ihrer sozialen Bindungen ist, und Sorgearbeit als vertikalem Akt, der als Hilfe wahrgenommen werden kann. Wenn möglich verlassen sich die Frauen eher auf die horizontalen Bindungen untereinander, und erst wenn diese Beziehungen weniger werden, nehmen sie institutionalisierte Betreuungsmöglichkeiten in Anspruch. Das bedeutet nicht, dass vertikale Sorgearbeit nicht geschätzt wird; vielmehr deutet es auf eine Wahrnehmung von Fürsorge als Austausch hin, und in einer vertikalen Beziehung haben die Frauen nur begrenzte Möglichkeiten, Fürsorge zurückzugeben. Die Frauen ziehen es vor, untereinander gleichberechtigt zu bleiben, das Geben und Nehmen von Fürsorge auszugleichen, sich zu treffen, um miteinander zu reden, und gemeinsam einkaufen zu gehen.

Diese emotionalen und wechselseitigen Aspekte der sozialen Fürsorge müssen ernst genommen werden. Und es ist wichtig, den materiellen Strukturen Beachtung zu schenken, die sie ermöglichen. Ältere Frauen brauchen kostenlose öffentliche Orte, die regelmäßige gemeinsame Aktivitäten ermöglichen und die zu diesem Zweck mit Personal ausgestattet und instand gehalten werden. Da sie physisch von ihren Familien getrennt werden und nach und nach ihre Freund*innen verlieren, schätzen ältere Menschen regelmäßige soziale Kontakte zunehmend. Diese dienen als Grundlage, um soziale Fürsorgenetzwerke zu erweitern oder wieder aufzubauen.


Oleksandra Kokhan ist Soziologin und Sozialanthropologin. Seit September 2025 ist sie Fellow im Ukraine Research Network@ZOiS (UNET), das vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt gefördert wird.