Spotlight on Ukraine 25

Die Entscheidung zu bleiben: Frauen in der Ukraine während des Krieges

Warum bleiben Menschen im Krieg, obwohl sie fliehen könnten? Eine neue Studie unter ukrainischen Frauen zeigt: Bleiben ist oft keine Notlösung, sondern eine bewusste Entscheidung – mit Folgen für Politik und Wiederaufbau.

Zwei Frauen sitzen mit dem Rücken zur Kamera auf einer Bank und blicken auf eine Stadt mit einigen Hochhäusern.
Zwei Frauen im Park des Ewigen Ruhms in Kyjiw. IMAGO / SOPA Images

Großflächige Vertreibung ist eine der sichtbarsten Folgen eines jeden Krieges. Sie zieht daher erhebliche Aufmerksamkeit von politischen Entscheidungsträger*innen, internationalen Organisationen und Forscher*innen auf sich. Doch in vielen Konflikten machen diejenigen, die fliehen, nur einen kleinen Teil der betroffenen Bevölkerung aus. Stattdessen bleiben viel mehr Menschen in Gebieten zurück, die Gewalt und Unsicherheit ausgesetzt sind. Trotz ihrer Zahl werden diejenigen, die nicht flüchten, weitaus weniger erforscht – eine Lücke, die oft als „Mobilitätsverzerrung“ bezeichnet wird.

Warum bleiben Menschen in Kriegszeiten? Ist ihre Entscheidung auf mangelnde Mittel zurückzuführen? Haben sie die Risiken unterschätzt? Oder handelt es sich um eine bewusste Entscheidung? Und unter welchen Umständen würden sie sich letztendlich entschließen, doch zu gehen? Forscher*innen verfügen nach wie vor über zu wenige und – was noch wichtiger ist – nicht repräsentative Antworten auf diese Fragen. Doch ohne diese Antworten lässt sich nicht einschätzen, wann neue große Vertreibungswellen eintreten könnten. Ebenso ist es ohne dieses Wissen kaum möglich, den Bedürfnissen derjenigen gerecht zu werden, die bleiben.

Mehr als vier Jahre nach Beginn der groß angelegten Invasion Russlands in die Ukraine bleiben Millionen Ukrainer*innen trotz anhaltender Angriffe, zerstörter Infrastruktur und wirtschaftlicher Unsicherheit im Land. Während Männern im wehrfähigen Alter die Ausreise erschwert wird, haben Frauen mehr Entscheidungsfreiheit. Im Januar 2025 befragte das Institut für Verhaltensforschung der American University Kyiv gemeinsam mit dem Center for Economic Strategy 2.018 in der Ukraine lebende Frauen im Alter von 18 bis 60 Jahren, um mehr über ihre Beweggründe und Absichten zu erfahren. Das Verständnis dafür, warum viele Frauen bleiben, ist für die humanitäre Politik, den sozialen Schutz und den künftigen Wiederaufbau von großer Bedeutung.

Eigene Entscheidung oder Zwang?

Die Umfrageergebnisse stellen die Annahme in Frage, dass Menschen in Kriegsgebieten bleiben, weil sie nicht weggehen können. Von den befragten Frauen gaben 79 Prozent an, dass es ihnen wichtig sei, in der Ukraine zu bleiben. Auf die Frage nach ihren Zukunftsplänen antworteten 72 Prozent, dass sie einen langfristigen Umzug ins Ausland nicht in Betracht zögen.

Ältere, verheiratete und einkommensstärkere Befragte sowie diejenigen ohne vorherige Vertreibungserfahrung gaben am häufigsten an, bleiben zu wollen. Jüngere und einkommensschwächere Befragte sowie diejenigen, die bereits Zeit im Ausland verbracht hatten, zogen es eher in Betracht, wieder wegzugehen – hauptsächlich auf der Suche nach einem besseren Lebensstandard und mehr Sicherheit.

Mehrere Einflussfaktoren spielten eine geringere Rolle, als oft angenommen wird. Frauen mit Kindern dachten nicht häufiger über einen Umzug ins Ausland nach als Frauen ohne Kinder. Gleiches galt für arbeitslose Frauen, Binnenvertriebene und Frauen, deren Häuser zerstört worden waren oder unter Besatzung standen. Diese Erfahrungen sind schwerwiegend, führen jedoch nicht automatisch zu Plänen für eine Auswanderung.

Gründe, zu bleiben

Der häufigste Grund für den Verbleib in der Ukraine war die Familie: 91 Prozent der Befragten gaben an, sie hätten bei Verwandten und ihnen nahestehenden Menschen bleiben wollen. Fast ebenso viele, nämlich 88 Prozent, sagten, sie seien geblieben, weil die Ukraine ihr Heimatland sei. Auch die Wohnsituation spielte eine Rolle: 72 Prozent nannten eine eigene Wohnung als Grund, nicht wegzugehen. Weniger Befragte blieben, weil sie einen guten Arbeitsplatz hatten oder in der Ukraine einen besseren Lebensstandard erreichen konnten als im Ausland.

Diese Antworten zeigen, dass das Bleiben weder rein wirtschaftlich noch rein emotional motiviert ist. Die Entscheidung zu bleiben beruht auf einem Leben, das nach wie vor Struktur hat: familiäre Bindungen, Zugehörigkeit, Wohnraum, Routinen, Arbeit und eine Zukunft in der Ukraine. Deshalb stimmten zwei Drittel der Befragten der Aussage „Ich will einfach nirgendwo hingehen“ zu. Für viele bedeutet das Bleiben nicht das Fehlen eines Plans. Es ist der Plan.

Zu bleiben bedeutet auch nicht, dass die Frauen die damit verbundenen Gefahren unterschätzen. Nur 39 Prozent der Befragten hielten den Verbleib in der Ukraine für relativ sicher. Die meisten Befragten waren sich bewusst, dass die Risiken ernst waren. Ihre Entscheidung lässt sich nicht auf Fehlinformationen oder Verleugnung zurückführen.

Voraussetzungen für eine Ausreise

Die Studie wurde während eines andauernden Krieges durchgeführt. Daher möchten die Menschen vielleicht derzeit im Land bleiben, doch Veränderungen ihrer Situation – in Bezug auf Sicherheit, Lebensbedingungen, Arbeit usw. – könnten sie in Zukunft zur Flucht zwingen. Auf direkte Nachfrage gaben 15 Prozent der Befragten an, dass sie bereits über eine Ausreise nachgedacht hätten. Frühere Studien zur Arbeitsmigration legen nahe, dass die Zahl der potenziellen Migrant*innen grob durch 10 geteilt werden kann, um die tatsächliche Zahl der Migrant*innen zu schätzen. Dies bedeutet, dass selbst im schlimmsten militärischen Szenario keine große Fluchtwelle aus der Ukraine zu erwarten ist.

Um diese Erkenntnis zu überprüfen, haben wir mithilfe eines experimentellen Designs untersucht, welche Arten von Verschlechterungen Frauen dazu bewegen würden, ihre Heimat zu verlassen. Wir testeten sechs Faktoren: eine Verschlechterung der Sicherheitslage, der Verlust der Wohnung, Einkommensverluste, lange Strom- und Heizungsausfälle, eine politische Krise oder der Rückgang internationaler Hilfe sowie die Abreise von Freund*innen.

Eine sich verschlechternde Sicherheitslage war mit Abstand der größte Auslöser. Doch nur eine erhebliche Eskalation, wie etwa die Gefahr einer Besetzung, würde die Wahrscheinlichkeit, dass Frauen ins Ausland gehen, deutlich erhöhen. Schwere Strom- und Heizungsausfälle, eine politische Krise und ein starker Rückgang der internationalen Hilfe würden ebenfalls die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass die Befragten ins Ausland ziehen. Diese Faktoren fielen jedoch nur halb so stark ins Gewicht wie direkte Sicherheitsbedrohungen.

Der Verlust der Wohnung und der vollständige Verlust des Einkommens spielten ebenfalls eine Rolle, veranlassten Frauen jedoch häufiger dazu, innerhalb der Ukraine umzuziehen, als ins Ausland zu gehen. Dies deckt sich mit den Ereignissen im Winter 2026, als diejenigen, die blieben, aufgrund der Bombardierung ziviler Infrastruktur unter anhaltenden Unterbrechungen der Heizungs-, Strom- und Wasserversorgung litten, es jedoch zu keiner größeren Migrationswelle kam.

Soziale Bindungen spielen ebenfalls eine Rolle, wenn auch in geringerem Maße. Die Befragten würden die Ukraine eher verlassen, wenn die meisten ihrer Freund*innen ihre Heimatstadt oder das Land verlassen hätten. Dies war jedoch der am wenigsten wichtige Faktor unter den sechs von uns untersuchten.

Insgesamt wird die Zukunft der Vertreibung aus der Ukraine weniger von allmählichen Einstellungsänderungen als vielmehr von einschneidenden Ereignissen abhängen. Nur wenn sich die Sicherheitslage drastisch verschlechtert, werden Frauen wahrscheinlich eine Ausreise in Betracht ziehen. Solange das Leben in der Ukraine weitergeht, werden viele weiterhin bleiben.

Für die ukrainische Regierung und internationale Organisationen lautet die wichtigste Erkenntnis, dass die Unterstützung nicht nur auf Evakuierung, Vertreibung oder Rückkehr ausgerichtet sein sollte. Sie sollte sich auch auf die Unterstützung derjenigen konzentrieren, die sich dafür entscheiden, zu bleiben. Wenn das Bleiben für viele Frauen eine aktive Entscheidung ist, sollten politische Maßnahmen dazu beitragen, diese Entscheidung nachhaltig zu gestalten.


Natalia Zaika ist stellvertretende Direktorin am Institut für Verhaltensforschung der American University Kyiv. Sie war Fellow im Ukraine Research Network@ZOiS, das vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt gefördert wird

Dr. Volodymyr Vakhitov ist Wirtschaftswissenschaftler und Direktor des Instituts für Verhaltensforschung an der American University Kyiv. Er ist Fellow beim Ukraine Research Network@ZOiS, das vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt gefördert wird.

Dr. Hanna Vakhitova ist Politikökonomin und Professorin an der Kyiv School of Economics.