Spotlight on Ukraine 20

Dezentralisierung und sozialer Zusammenhalt in der Ukraine

Die Stärkung der Kommunen in der Ukraine hat erheblich zur gesellschaftlichen Resilienz während des Krieges beigetragen. Doch sozialer Zusammenhalt entsteht nicht allein durch politische Reformen. Er entwickelt sich dann, wenn Menschen im Alltag zusammenarbeiten und lokale Behörden bürgernah handeln.

Eine Personengruppe steht vor einem haltenden Zug und entlädt gemeinsam Gepäckteile.
Mukatschewo, Region Transkarpatien, Januar 2026: Freiwillige helfen den ankommenden Passagier*innen eines Evakuierungszugs. IMAGO / Ukrinform

Die Ukraine gilt als ein Land, in dem die Menschen wenig Vertrauen in Institutionen haben. Eine wichtige lokale Dynamik wird dabei jedoch häufig übersehen: Die Gemeinden der Ukraine sind zu Orten geworden, an denen soziales Vertrauen entsteht – selbst unter dem Druck von Krieg, Vertreibung und zunehmender sozialer Vielfalt.

Diese Dynamik wurde maßgeblich durch die Dezentralisierungsreform der Ukraine geprägt. Dadurch wurde die Rolle der Kommunen als wichtige Orte des täglichen Miteinanders und der gemeinsamen Problemlösung gestärkt. Sozialer Zusammenhalt in ukrainischen Gemeinden ist ein gelebter Prozess, der durch den kontinuierlichen Austausch zwischen lokalen Behörden, zivilgesellschaftlichen Akteur*innen, religiösen Gruppen, Unternehmen, Freiwilligen und Einwohner*innen entsteht – auch wenn unsichtbare Barrieren oder Spannungen bestehen bleiben.

Dezentralisierung und die Voraussetzungen für sozialen Zusammenhalt

Die Dezentralisierung führte nicht automatisch zu mehr sozialem Zusammenhalt. Sie veränderte aber die Bedingungen dafür grundlegend, indem lokale Akteur*innen konkrete Instrumente erhielten. Die Zentralregierung übertrug Finanzmittel und Entscheidungsbefugnisse an die Kommunen. Dadurch rückten diese ins Zentrum des Alltagslebens der Bürger*innen. Die Einwohner*innen verbinden Governance heute stärker mit sichtbaren, lokalen Ergebnissen und weniger mit ferner Politik.

Die Menschen sehen, wie Entscheidungen vor Ort getroffen werden – von Infrastrukturreparaturen über die Bereitstellung von Dienstleistungen bis hin zu Krisenreaktionen. Das fördert ihr praktisches Vertrauen in die lokalen Behörden, selbst wenn das allgemeine Vertrauen in die Politik abnimmt. Neu geschaffene Institutionen wie Verwaltungsdienstleistungszentren und Kommunikationsabteilungen machen die lokalen Behörden zugänglicher und reaktionsfähiger.

Krisen haben diesen Wandel noch verstärkt. Während der Covid-19-Pandemie und später während der vollumfassenden russischen Invasion brauchte die Ukraine schnelle lokale Lösungen. Die Gemeinden organisierten Evakuierungen, verteilten humanitäre Hilfe, unterstützten das Militär und halfen Vertriebenen. Diese Erfahrungen stärkten die Wahrnehmung der lokalen Behörden als kompetente Partner und nicht als entfernte Verwaltungsinstanzen.

Untersuchungen zeigen, dass die Bürger*innen sozialen Zusammenhalt selten direkt mit der Dezentralisierungsreform verbinden. Stattdessen heben sie die verbesserte Interaktion, Transparenz und Rechenschaftspflicht auf lokaler Ebene hervor. Die Dezentralisierung schuf zwar günstige Bedingungen, aber der soziale Zusammenhalt entstand vor allem durch alltägliche Erfahrungen und Interaktionen zwischen verschiedenen Gruppen.

Zusammenhalt zwischen verschiedenen Gruppen

In Fokusgruppen und Interviews aus neun Gemeinden beschrieben die Befragten konkrete Formen der Zusammenarbeit zwischen Veteranen, Binnenvertriebenen, religiösen und ethnischen Gemeinschaften und Anwohner*innen. Diese Interaktionen, so die Teilnehmenden, seien entscheidend für das Maß an Vertrauen in einer Gemeinde.

In mehreren Gemeinden wiesen die Befragten auf Spannungen zwischen bestimmten Gruppen hin, insbesondere bei der Verteilung humanitärer Hilfe, beim Zugang zu Dienstleistungen oder aufgrund unterschiedlicher Erwartungen an die lokalen Behörden. Diese Spannungen wurden durch informelle Vereinbarungen unter Beteiligung lokaler Führungskräfte oder Aktivist*innen oder durch persönliche Kontakte zwischen den Einwohner*innen bewältigt.

Horizontale Praktiken spielen in diesem Prozess eine wichtige Rolle und wurden von den Befragten durchweg als entscheidend für den Zusammenhalt der Gemeinschaft angesehen. Zu diesen Praktiken gehören gemeinsame kulturelle Veranstaltungen, Freiwilligeninitiativen, schulische Aktivitäten, lokale Traditionen und das gemeinsame Gedenken an gefallene Soldat*innen. Besonders deutlich zeigt sich dies in Gemeinschaften, die viele Binnenvertriebene aufgenommen haben. Dort wurde die Freiwilligenarbeit oft zum ersten Ort der Interaktion, indem Bürger*innen gemeinsam Tarnnetze für das Militär webten, Hilfsgüter sammelten oder an humanitären Initiativen teilnahmen. Die Befragten stellten fest: Nicht formelle Integrationsprogramme, sondern gemeinsame Aktivitäten verringerten die soziale Distanz zwischen denen, die schon lange dort wohnten, und denen, die neu ankamen.

Wie Bürger*innen mit den lokalen Behörden interagieren, erwies sich als ebenso bedeutsam. Die Befragten betonten: Wenn lokale Behörden offen kommunizieren, regelmäßig im Austausch bleiben und bereit sind, auf Konflikte zu reagieren, verringern sich die Spannungen in den Gemeinden erheblich. Regelmäßige Treffen mit den Einwohner*innen, Konsultationen und dass Bürger*innen an Entscheidungen beteiligt werden, förderten das Gefühl, gemeinsam für das Leben in der Gemeinschaft verantwortlich zu sein.

Diese Beispiele zeigen, dass sozialer Zusammenhalt in Gemeinschaften nicht durch ein einzelnes Instrument oder einzelne Akteur*innen entsteht. Er entwickelt sich, indem alltägliche Praktiken, informelle Mechanismen und lokale Verwaltung zusammenwirken. In diesem Ökosystem übernehmen lokale Behörden eine koordinierende Rolle, Aktivist*innen initiieren und moderieren Begegnungen, Unternehmen leisten materielle Unterstützung, Religionsgemeinschaften schaffen Vertrauen und Bürger*innen beteiligen sich durch konkrete gemeinsame Aktionen.

Zusammenhalt in schwierigen Zeiten

Der Fall der Ukraine zeigt, dass sozialer Zusammenhalt nicht allein durch institutionelle Reformen erreicht werden kann. Die Dezentralisierung schuf zwar strukturelle Voraussetzungen und Ressourcen, die die lokale Verwaltung stärkten. Doch der Zusammenhalt selbst entstand, weil verschiedene Gruppen im Alltag miteinander interagierten, verhandelten und zusammenarbeiteten. Gemeinschaften halten nicht dann zusammen, wenn Unterschiede verschwinden, sondern wenn lokale Institutionen Spannungen schlichten, Beteiligung fördern und gemeinsames Handeln ermöglichen können. Ukrainische Gemeinden zeigen, wie sozialer Zusammenhalt sich auch unter schwierigen Bedingungen aufrechterhalten lässt – wenn Menschen den Institutionen wenig vertrauen, Krieg herrscht und die Gesellschaft vielfältig ist. Das bietet wichtige Erkenntnisse für andere Gesellschaften, die unter unsicheren Bedingungen den lokalen Zusammenhalt stärken wollen.

Dieses Spotlight stützt sich auf Ergebnisse des Forschungsprojekts „Dezentralisierung und Unterschiede in der Ukraine”, das von der Kyiv School of Economics in Zusammenarbeit mit dem Center for Governance and Markets der University of Pittsburgh und mit Unterstützung der John Templeton Foundation durchgeführt wurde. Die Feldforschung wurde zwischen April und Mai 2025 durchgeführt.


Tetiana Lukeria ist Soziologin und Wissenschaftlerin an der Kyiv School of Economics und Dozentin an der National University of Kyiv-Mohyla Academy.

Dr. Oleksandra Keudel ist außerordentliche Professorin und Vizedekanin für Wissenschaft in der Abteilung für Sozialwissenschaften sowie Gründungsdirektorin des Center for Democratic Resilience an der Kyiv School of Economics.

Beide Autorinnen sind Fellows des Ukraine Research Network@ZOiS (UNET), das vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt gefördert wird.