Der Krieg in der Ukraine zerstört mehr als nur Gebäude
Die Resilienz der Ukraine verbirgt eine bittere Wahrheit: Der andauernde Krieg bringt viele psychisch an ihre Grenzen. Eine neue Studie offenbart die Dringlichkeit psychologischer Hilfe – und warum sie oft unerreichbar bleibt.
Die zerstörerischen Auswirkungen des russischen Krieges gegen die Ukraine sind offensichtlich: zerstörte Gebäude, beschädigte Infrastruktur, Stromausfälle, Vertreibung, Verletzungen und Tod. Dennoch werden die Ukrainer*innen oft als widerstandsfähiges Volk beschrieben, das unter Bedingungen weitermacht, die die meisten Menschen als unerträglich empfinden würden.
Im April 2024 führte das Institut für Verhaltensforschung der Amerikanischen Universität Kyjiw gemeinsam mit dem Forschungslabor Rating Lab eine Umfrage unter Erwachsenen durch, die in verschiedenen Regionen der Ukraine leben. Die vorübergehend von Russland besetzten Gebiete wurden dabei ausgeschlossen. Die Studie untersuchte den Stresspegel der Befragten und ihre Einstellung zu professioneller psychologischer Hilfe, die Hindernisse bei der Inanspruchnahme von Unterstützung sowie die Wege, wie Menschen versuchen, allein mit dem Stress umzugehen.
Die Studie ergab, dass hinter der Entschlossenheit der Ukrainer*innen eine Bevölkerung steht, die weit über ihre eigenen Grenzen hinausgeht. Die Bewältigungsressourcen sind erschöpft und professionelle Hilfe ist für diejenigen, die sie am dringendsten benötigen, unerreichbar. Die Kluft zwischen dem psychologischen Bedarf und der erhaltenen Betreuung ist bei den am stärksten gestressten Personen am größten. Dieses Bild wird in Erzählungen über Resilienz oft verschleiert.
Stress inmitten eines langwierigen Krieges
Die Ergebnisse der Studie zeigen, dass die Ukrainer*innen insgesamt eine hohe Stressbelastung aufweisen. Von den 1.323 Befragten fielen fast 70 Prozent in den Bereich „mäßiger Stress“, und ein weiteres Viertel in den Bereich „hoher Stress“. Stress beschränkt sich also nicht auf eine kleine, gefährdete Gruppe, sondern ist inmitten des langwierigen Krieges zu einem alltäglichen Zustand geworden.
Diejenigen, die aufgrund des Krieges größere Not erlebten, berichteten von höherem Stress. Hierbei spielt jedoch auch die Art der Not eine wichtige Rolle. Der größte Stress wurde nicht bei Menschen festgestellt, die Beschuss oder Gewalt miterlebt hatten, sondern bei jenen, die anhaltende Entbehrungen erlebt hatten: Hunger, Mangel an Trinkwasser, Kälte in der Wohnung oder der Verlust des Zuhauses. Chronische materielle Not kann psychisch ebenso schädlich sein wie die direkte Konfrontation mit Gefahr.
Die finanzielle Situation der Menschen hatte die größte Auswirkung auf den Stresszustand: Diejenigen, die ihre Grundbedürfnisse nicht decken konnten, berichteten von deutlich höheren Stressniveaus als diejenigen, die relativ gut situiert waren. Dieser Unterschied bestand unabhängig davon, wo in der Ukraine die Menschen lebten. Frauen und Arbeitslose waren zudem stärker gestresst.
Bewältigung ohne professionelle Unterstützung
Wenn professionelle Hilfe nicht in Reichweite ist, verlassen sich die Menschen auf das, was ihnen zur Verfügung steht. Unter denjenigen mit geringerem Stressniveau waren die häufigsten Strategien Gespräche mit der Familie oder engen Freund*innen, Arbeit oder Studium, körperliche Aktivität, die Erledigung von Hausarbeiten sowie Zeit mit den Kindern. Diese einfachen Routinen bieten Struktur, Verbindungen und ein Gefühl der Kontrolle. In der Gruppe mit hohem Stressniveau wurden die meisten dieser Strategien jedoch seltener genannt. Alkoholkonsum hingegen wurde mehr als doppelt so häufig genannt: Jede*r fünfte Befragte mit hohem Stress gab an, Alkohol zu konsumieren, um mit der Situation umzugehen. In der Gruppe mit niedrigem Stresslevel waren es weniger als jede*r Zehnte.
Diese Erkenntnisse deuten jedoch nicht darauf hin, dass stark gestresste Menschen aufgegeben haben. Sie weisen vielmehr auf etwas Beunruhigenderes hin: Starker Stress baut nach und nach die alltäglichen Ressourcen ab, auf die Menschen zurückgreifen, um damit umzugehen. Erschöpfte Menschen finden es schwieriger, Routinen aufrechtzuerhalten, soziale Kontakte zu pflegen oder körperlich aktiv zu bleiben.
Warum Menschen in Not nicht immer Hilfe suchen
Das auffälligste Ergebnis der Umfrage ist die Kluft zwischen dem Bedarf an psychologischer Unterstützung und der tatsächlich erhaltenen Hilfe. Unter den Befragten mit dem höchsten Stressniveau gaben 88 Prozent an, Hilfe zu benötigen, während 62 Prozent diese nicht erhielten. Die Menschen, die am meisten litten, erhielten am seltensten Unterstützung.
Die Daten zeigen mehr als nur ein einfaches Zugangsproblem. Höherer Stress erhöhte zwar die Wahrscheinlichkeit, dass Menschen Hilfe in Anspruch nehmen wollen, führte aber gleichzeitig dazu, dass sie diesen Wunsch weniger konsequent umsetzten. Den Bedarf zu erkennen und entsprechend zu handeln sind zwei verschiedene Dinge, und die Kluft zwischen ihnen vergrößert sich dort, wo der Druck am größten ist. Wenn Menschen erschöpft und überfordert sind, werden die nötigen Schritte, um psychologische Hilfe zu finden und in Anspruch zu nehmen, immer schwieriger.
Die zuvor genannten Hindernisse spiegeln dieses Bild wider. Die Kosten waren das am häufigsten genannte Hindernis (71 Prozent). Fast ebenso verbreitet war die Überzeugung, dass psychologische Hilfe eigentlich nicht wirken würde: 67 Prozent gaben zu, dass es Probleme gibt, die ein Psychologe nicht lösen kann. Auch die Orientierung im System stellte eine große Hürde dar: Fast zwei Drittel gaben an, dass die Suche nach und die Kontaktaufnahme mit einem Anbieter ein komplizierter Prozess sei. Die Gruppe mit hohem Stressniveau gab am häufigsten Hindernisse an, was darauf hindeutet, dass diejenigen mit dem größten Bedarf für Hilfe auch den meisten Hindernissen gegenüberstehen.
Implikationen für die psychosoziale Unterstützung
Seit Februar 2022 hat die Zahl der Initiativen zur psychischen Gesundheit und psychosozialen Unterstützung in der Ukraine erheblich zugenommen. Die Studienergebnisse deuten darauf hin, dass dies zwar notwendig, aber nicht ausreichend ist.
Das Kernproblem besteht nicht darin, dass die Menschen nicht wissen, dass psychologische Hilfe existiert. Unter den Befragten mit dem höchsten Stresslevel erkannten 88 Prozent, dass sie Unterstützung benötigten. Der Engpass liegt zwischen dem Erkennen des Bedarfs nach Hilfe und der Fähigkeit, entsprechend zu handeln. Der Ausbau von Dienstleistungen und die Sensibilisierung werden nur begrenzte Wirkung zeigen, wenn diese Lücke nicht direkt angegangen wird.
Die Ergebnisse weisen auf zwei Probleme hin, die unterschiedliche Antworten erfordern. Das erste ist praktischer Natur: Die Kosten und die Komplexität der Suche nach einem Anbieter, der Kontaktaufnahme und der Abwicklung des Prozesses sind für Menschen, die bereits erschöpft sind, nicht zu stemmen. Für diese Gruppe stehen Erschwinglichkeit, vereinfachter Zugang und proaktive Kontaktaufnahme im Vordergrund, um den Aufwand für die Inanspruchnahme von Hilfe zu verringern. Das zweite Problem ist schwieriger zu bewältigen: Zwei Drittel derjenigen mit ungedecktem Bedarf bezweifelten, dass psychologische Unterstützung ihnen überhaupt helfen würde. Dies ist ein Vertrauens- und Glaubwürdigkeitsproblem, das sich nicht dadurch lösen lässt, dass Dienstleistungen leichter auffindbar gemacht werden.
Beide Probleme treffen die Gruppe mit dem höchsten Stressniveau am stärksten: Dieselben Menschen sind gleichzeitig am deutlichsten benachteiligt, haben die geringsten Bewältigungsressourcen und sind mit den meisten Hindernissen konfrontiert. Um sie zu erreichen, sind Dienstleistungen erforderlich, die auf die Realität zugeschnitten sind – insbesondere darauf, wie sich schwerer und anhaltender Stress auf die Fähigkeit der Menschen auswirkt, sich Hilfe zu suchen.
Dr. Volodymyr Vakhitov ist Wirtschaftswissenschaftler und Direktor des Instituts für Verhaltensforschung an der Amerikanischen Universität Kyjiw.
Dr. Natalia Tsybuliak ist außerordentliche Professorin an der Staatlichen Pädagogischen Universität Berdjansk.
Natalia Zaika ist stellvertretende Direktorin am Institut für Verhaltensforschung der Amerikanischen Universität Kyjiw.
Alle Autor*innen sind oder waren Fellows des Ukraine Research Network@ZOiS, das vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt finanziert wird.