ZOiS Spotlight 9/2022

Alltagsentscheidungen im Krieg in der Ukraine

Von Sabine von Löwis Irina Mützelburg 09.03.2022
Menschen suchen Zuflucht vor Bombenangriffen in der Metro in Kyjiw. IMAGO/NurPhoto

Während über den Krieg in der Ukraine oft mit einem Fokus auf politische Entscheidungen berichtet wird, beleuchten wir den Alltag und die Lebensentwürfe der Menschen, insbesondere der Frauen, im Krieg. Das Kriegsgeschehen bestimmt die räumlichen und zeitlichen Planungshorizonte der Menschen. Erst im September 2021 haben wir ein Projekt begonnen, in dem wir untersuchen wollten, wie die Menschen in Moldau und der Ukraine mit andauernder struktureller Unsicherheit umgehen. Wir hatten nicht erwartet, dass die Unsicherheit durch einen Krieg sich plötzlich derart verschärfen würde. Wir stehen über Chat, Anrufe und Email in engem Kontakt mit Freunden und Bekannten in der Ukraine, die wir in den vergangenen Jahren während verschiedener Feldforschungsaufenthalte kennengelernt haben, und erleben ihre Entscheidungen zwischen Bleiben und Flüchten mit.

Dabei erscheint die Diskrepanz zwischen den Entscheidungen der Regierungen und dem alltäglichen Planungshorizont der Menschen noch größer als zuvor. Während russische Panzer auf ukrainische Städte zurollen und in den Hauptstädten anderer Länder die Regierungen weitreichende Beschlüsse zu Energieversorgung, Geldflüssen oder militärischer Aus- und Aufrüstung treffen, schrumpft der Entscheidungsspielraum der Menschen in der Ukraine. Sowohl die Entscheidungen der ukrainischen Bevölkerung als auch die der politischen Führungen verschiedener Staaten sind von Unsicherheit geprägt, sollen aber Sicherheit in einer zunehmend unkontrollierbaren Situation herstellen.

Wir erleben, wie die Entscheidung unserer Freunde und Bekannten, zu bleiben oder zu gehen, jeden Tag neu getroffen wird, wobei die meisten, je länger der Krieg dauert, zunehmend zur Flucht tendieren. Dabei sind es überwiegend die Frauen, die überhaupt noch eine realistische Möglichkeit zu haben scheinen, an einen anderen Ort, in ein anderes Land zu fliehen.

Bleiben

Menschen im Krieg sind gezwungen, pausenlos existentielle Entscheidungen zu treffen. Geht man beim Angriffsalarm in die Metrostation, den Keller, das unterirdische Parkhaus oder bleibt man in der Wohnung? Kann man noch die Suppe in der Nähe des Fensters fertig kochen oder sollte man sich besser in den Flur ohne Fenster verkriechen?  Sollte man das Haus verlassen, um Trinkwasser für die nächsten Tage zu besorgen, oder ist das Risiko, während dieser Suche verletzt oder getötet zu werden, zu groß?

Die Menschen hängen im Jetzt. Einige berichten, dass ihr Schlafrhythmus durch die Attacken in der Nacht durcheinandergeraten ist und sie mehrmals täglich schlafen. Das Leben der Menschen unter Beschuss spielt sich auf den sich pausenlos aktualisierenden Nachrichtenportalen, in sozialen Medien, Einzel- und Gruppenchats, im Austausch mit Familie und Freunden ab. Viele berichten von der Unfähigkeit, auch nur für wenige Minuten aufzuhören, die Nachrichten zu verfolgen, deren Zuverlässigkeit aber nicht überprüft werden kann und die damit weiter zur Verunsicherung beitragen. Einige versuchen, dem Schrecken, zum Beispiel mit Handy- oder Brettspielen, vorübergehend zu entfliehen.

Manche stellen sich darauf ein, ihren zeitlichen und räumlichen Entscheidungsradius zu beschränken. So harren sie in ihrem jeweiligen Schutzraum aus, wo sie mitunter die Kämpfe unterstützen, zum Beispiel durch Herstellen von Molotowcocktails, der Versorgung der Soldat*innen in ihren Camps mit Wasser, Nahrung und Gütern des täglichen Bedarfs oder durch Bekämpfung russischer Informationsmedien und Propaganda im Internet. Viele schöpfen Hoffnung durch Videos und Nachrichten auf sozialen Netzwerken, die die Verteidigungsfähigkeiten der ukrainischen Kämpfer*innen oder den Mut von Zivilist*innen darstellen und zumindest kurzzeitig die Hoffnung auf eine längerfristige, wünschenswerte Zukunft in der Ukraine ermöglichen.

Fliehen

Die Entscheidung darüber, auszuharren oder zu fliehen, wird ständig verworfen und neu getroffen. Meist findet sie auch in Etappen statt. Zuerst werden die Städte verlassen; die Menschen warten in kleineren Orten auf dem Land oder in der Westukraine in der Hoffnung zurückzukehren und entscheiden sich dann, weiter zu flüchten. Sie fürchten Gefahren während der Flucht, den Verlust ihrer Ressourcen, zum Beispiel ihres Netzwerks oder ihrer Immobilie, und die ungewisse Zukunft in einem fremden Land ohne Sprachkenntnisse und mit der Aussicht, „Flüchtlinge“ zu sein. Auch der schambesetzte Eindruck, ihr Land im Stich zu lassen, belastet sie. Frauen und Kinder müssen sich von ihren Partnern und Vätern trennen, da eine Ausreise von Männern zwischen 18 und 60 Jahren nicht mehr erlaubt ist – ein Abschied auf unbestimmte Zeit und mit unbestimmtem Ausgang. Ob der Weg zum Bahnhof oder zu einer der Grenzen gelingt, ist ebenso ungewiss wie das Schicksal der Zurückbleibenden.

Manche versuchen noch, sich an alte Strukturen, etablierte Prozesse und Regeln zu halten, wie beispielsweise Zugfahrkarten zu kaufen. Doch diese Fahrkarten sind eine Konvention aus der Ukraine vor dem Krieg. Sie haben keinen Einfluss mehr darauf, ob Menschen es schaffen, in den Zug einzusteigen. Wer flieht, kann oft allenfalls die nächste, noch greifbar scheinende Etappe anvisieren, ohne zu wissen, wohin die Flucht am Ende führen wird. Menschen stehen in überfüllten Zügen und wissen noch nicht, wohin sie nach Erreichen des nächsten Zielbahnhofs fahren werden. Sie navigieren auf Basis von Informationen aus Chatgruppen und sozialen Medien. Bei dem Versuch, zu entscheiden, wo und auf welche Art sie am schnellsten und sichersten eine Staatsgrenze übertreten können, stehen die Menschen einem Gewirr an teilweise widersprüchlichen Informationen und möglicherweise ständig wechselnden Rahmenbedingungen gegenüber.

Ankommen

Neben diesen Entscheidungen für die nächsten Stunden und Tage, treffen die Flüchtenden auch Entscheidungen für die Zukunft, ohne zu wissen, für wie lang. Ziehen sie in ein anderes Land für wenige Wochen oder für den Rest ihres Lebens? Sie fragen sich sowohl, an welchem Ort man ihnen unmittelbar am ehesten helfen würde, als auch, wo sie sich am besten eine berufliche Zukunft aufbauen könnten. Während sich viele gedanklich gegen die Vorstellung einer dauerhaften Emigration sträuben, denken sie auch weit in die Zukunft und versuchen noch während der überstürzten Flucht, die beste Wahl zu treffen, sollten sie nicht zurückkehren können.

Nachdem es Frauen, Kindern und älteren Menschen gelungen ist, über die Grenze eines sicheren Nachbarstaats zu gelangen, befinden sie sich jedoch nach wie vor in einer grundlegend unsicheren Situation. Zwar hat die EU als vorläufig sichere Nachbarregion eine privilegierte Aufnahme dieser Menschen und eine schnelle Anerkennung als Flüchtlinge beschlossen. Welche Sicherheit über einen vorerst gesicherten Aufenthalt hinaus dies den Menschen aber tatsächlich vermitteln kann, ist offen. Ohne Vorbereitung sind sie aus ihren sozialräumlichen Kontexten und Beziehungen gerissen und haben Orientierungspunkte, materielle Sicherheit und Zukunftsperspektiven verloren.


Dr. Sabine von Löwis ist wissenschaftliche Mitarbeiterin und Leiterin des Forschungsschwerpunkts "Konfliktdynamiken und Grenzregionen" am ZOiS.

Dr. Irina Mützelburg ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am ZOiS.