Die öffentliche Haltung zur katholischen Kirche in Polen ändert sich

ZOiS Spotlight 45/2020 von Agnieszka Halemba (09.12.2020)

Krakau, 10. November 2020. Protest nach der Veröffentlichung eines Filmes, der die Vertuschung von sexuellem Missbrauch innerhalb der Kirche durch Kardinal Stanisław Dziwisz aufdeckt. Auf dem Schild steht: „Ich habe nichts gesehen, ich habe nichts gehört, ich war beschäftigt“. © imago images / Eastnews

Am 10. November 2020 trat das Staatssekretariat des Heiligen Stuhls mit einem Bericht an die Öffentlichkeit. In dem Schriftstück wurde offengelegt, was innerhalb der kirchlichen Institutionen über die sexuellen Vergehen des früheren US-amerikanischen Kardinals Thomas Edgar McCarrick bekannt war, und wie die Entscheidungsträger der Kirche mit dem Fall umgingen. Anstatt auf die Aussagen der Opfer und die Beweise, auf die sich die Vorwürfe stützen, konzentrierte sich der Bericht auf die Frage, welches Wissen es in der Kirche von den Vorfällen gab – kurz gesagt: wer seit wann von McCarricks Taten wusste, und wie sie davon erfuhren.

Ein Großteil des Berichts betraf die Amtszeit von Papst Johannes Paul II. Dies sorgte in Polen für Aufsehen, da der ehemalige Papst dort nicht nur als Heiliger verehrt wird, sondern auch am Umsturz des kommunistischen Regimes beteiligt war. Dem polnischen Philosophen Jan Hartman und dem Theologen Stanisław Obirek zufolge hat der Kult um Johannes Paul II. in Polen nahezu pathologische Züge angenommen: Hunderte Denkmäler sind ihm gewidmet, und unzählige Schulen, Straßen, Gebäude und Institutionen wurden nach ihm benannt. Noch vor relativ kurzer Zeit war es so gut wie unmöglich, eine kritische Diskussion über die theologischen Lehren und kirchenpolitischen Entscheidungen des früheren Papstes zu führen.

Vertuschung sexuellen Kindesmissbrauchs und anderer Verbrechen

Mittlerweile scheint ein solches gesellschaftliche Klima mehr und mehr der Vergangenheit anzugehören. Daran lässt sich ablesen, wie stark sich die Stellung der katholischen Kirche in der polnischen Gesellschaft momentan wandelt. Einen Tag, bevor der Bericht des Vatikans veröffentlicht wurde, strahlte der private Fernsehsender TVN24 den Dokumentarfilm „Don Stanislao: Das zweite Gesicht des Kardinals Dziwisz“ des Journalisten Marcin Gutowski aus. Der Protagonist des Films, Kardinal Stanisław Dziwisz, spielt im Bericht des Vatikans eine wichtige Rolle. Er war lange Zeit Sekretär und enger Vertrauter von Papst Johannes Paul II.

Aus dem Bericht geht deutlich hervor, dass Dziwisz von Fällen sexuellen Missbrauchs in der Kirche wusste und die Täter schützte. Auch der Film von Gutowski präsentiert Dokumente und Zeugenaussagen, die nahelegen, dass er über eine Vielzahl von pädophilen Vorfällen Bescheid wusste, die ihm berichteten Fälle jedoch vertuschte. Wieviel der Papst von all dem wusste, ist unklar. Manche Kommentator*innen sind aber der Meinung, dass er gut informiert gewesen sein müsse.

Es ist nicht das erste Mal, dass die Autorität der katholischen Kirche in Polen derart unter Druck steht. Besonders über Vorwürfe des Kindesmissbrauchs wurde seit Beginn dieses Jahrhunderts immer wieder – mal mehr und mal weniger intensiv – berichtet. Die Filme „Sag es niemandem“ und „Versteckspiel“ von Tomasz und Marek Sekielski sind die bekanntesten Beispiele investigativer Berichterstattung zu diesem Thema. Außerdem wurden das politische Engagement der Kirche, ihre rückständigen Ansichten zur Gleichstellung der Geschlechter und den Rechten sexueller Minderheiten, sowie ihre Finanzierung kritisiert.  

Bis vor Kurzem wurde jedoch selbst den schwersten Vorwürfen mit zwei Argumenten begegnet. Zum einen verdiene die katholische Kirche Schutz und Respekt, da sie eine wichtige Säule der nationalen Identität Polens darstelle. Zum anderen handele es sich bei allen Fällen von Fehlverhalten um individuelle Vergehen einzelner Mitglieder des Klerus, die keineswegs der Kirche als Ganzer angelastet werden könnten.

Ein neuer Diskurs über die Kirche

Für die Beziehungen weiter Teile der polnischen Gesellschaft zur katholischen Kirche stellen die Vorwürfe gegen Dziwisz – und, indirekt, gegen Johannes Paul II. – den Beginn eines neuen Kapitels dar. Darüber, dass Johannes Paul II. wahrscheinlich von den kriminellen Aktivitäten seiner Priester und Kardinäle wusste, sprachen bis vor kurzem nur die entschiedensten Kritiker*innen der Kirche. Sie waren auch die einzigen, die seine extrem konservativen Ansichten zur Rolle von Frauen in Kirche und Gesellschaft, zu Verhütung und zu den Rechten von LGBTQ thematisierten.

Die aktuelle Kritik geht jedoch über die Vergehen einzelner Priester oder Bischöfe hinaus. Stattdessen werden vor allem die Machtstrukturen innerhalb der Kirche kritisiert, der es in erster Linie darum gehe, ihren Zusammenhalt, ihre Ressourcen und die Loyalität ihrer Mitglieder zu bewahren.

Bezeichnend für diesen Wandel ist die Art und Weise, wie sich die Kritik an der Kirche während der jüngsten Protestwelle in Polen äußerte. Die Proteste richteten sich gegen ein kurz zuvor erlassenes, nahezu vollständiges Abtreibungsverbot, das Schwangerschaftsabbrüche selbst bei Missbildungen des Fötus unter Strafe stellt. Wiederholt drangen Demonstrant*innen in Kirchen ein und störten Gottesdienste, besprühten Kirchengebäude mit Parolen, und lieferten sich hitzige Debatten mit Mitgliedern des Klerus.

Jarosław Kaczyński, der Vorsitzende der regierenden PiS-Partei, rief seine Anhänger*innen dazu auf, die katholische Kirche zu verteidigen. Sie sei „das einzige Moralsystem, das in Polen allgemein anerkannt ist“. Daraufhin schränkten die Demonstrant*innen ihre direkten Angriffe auf Kirchengebäude ein, um Provokationen und Konfrontationen mit denjenigen zu vermeiden, die Kaczyńskis Aufruf gefolgt waren. Dass die Kirche aber überhaupt solchen unmittelbaren Angriffen ausgesetzt ist, deutet auf einen Wandel innerhalb der polnischen Gesellschaft hin. Die neuen Mittel der Kritiker*innen, ihrer Unzufriedenheit über die Rolle der Kirche im heutigen Polen Ausdruck zu verleihen, stehen in starkem Kontrast zu den bisherigen, zurückhaltenden und respektvollen Formen der Kritik.

Über Jahrzehnte hinweg schien es für viele Beobachter*innen selbstverständlich, dass der katholische Glauben einen zentralen Teil der polnischen Identität darstellt. Wohl aus diesem Grund haben sich die Vertreter*innen der meisten politischen Parteien bemüht, in ihren Programmen, öffentlichen Auftritten und Wahlversprechen auf die Wünsche der Kirche, traditionellen christlichen Werte und sogar die katholischen Rituale Rücksicht zu nehmen. Möglicherweise wird jedoch die Annahme, dass der katholische Glaube ein untrennbarer Teil der polnischen Identität ist, infolge der aktuellen Ereignisse und öffentlichen Kritik an der Kirche zunehmend an Glaubwürdigkeit verlieren.


Agnieszka Halemba ist Professorin am Institut für Archäologie und Ethnologie an der Polnischen Akademie der Wissenschaften.