Resilience Reconsidered: Lessons From Ukraine’s Response to War
Zusammenfassung
"Der Begriff "Resilienz" prägt die Debatten über den zivilen und militärischen Widerstand der Ukraine." Er spricht die Emotionen der Menschen an und hat eine mobilisierende Wirkung im In- und Ausland. Gleichzeitig können bestimmte Annahmen über Resilienz zu blinden Flecken und ineffektiver Unterstützung führen. Dieser ZOiS Report untersucht die Spannungen zwischen Stabilität und Veränderung – Bewältigung, Anpassung, Transformation –, die der Resilienz eigen sind. Anhand von Erkenntnissen aus den Bereichen Dezentralisierung, Pflege, Trauma und wirtschaftliche Entwicklung wird gezeigt, wie sich Individuen, Gemeinschaften und Institutionen in Kriegszeiten anpassen, während strukturelle und persönliche Herausforderungen bestehen bleiben oder neu entstehen. Der ZOiS Report möchte eine differenziertere, politikrelevante Debatte über verschiedene Pfade der Resilienz anstoßen. Die wichtigsten Erkenntnisse lauten wie folgt:
Eine einheitliche ukrainische Resilienz gibt es nicht
Verschiedene Regionen, Sektoren und soziale Gruppen erleben Schocks auf unterschiedliche Weise und verfügen über unterschiedliche Kapazitäten zur Anpassung oder Transformation. Resilienz als einheitliches Phänomen zu betrachten, verschleiert ungleiche Vulnerabilitäten und birgt außerdem die Gefahr fehlgeleiteter politischer Entscheidungen, insbesondere im Zusammenhang mit dem Wiederaufbau.
Lokale Regierungsführung ist entscheidend – Kapazitäten variieren erheblich
Die Dezentralisierung hat es lokalen Gemeinschaften ermöglicht, während der vollumfänglichen Invasion schnell und effektiv zu handeln. Zugleich zeigt sich:
- Städtische Hromadas mit starken administrativen und finanziellen Kapazitäten bewältigen die Herausforderungen des Krieges besser als ländliche oder an der Front gelegene.
- Personalmangel, Budgetbeschränkungen, ungleicher Zugang zu Fördergeldern und begrenzte Möglichkeiten voneinander zu lernen vergrößern diese Unterschiede.
- In Kriegszeiten gibt es Tendenzen zur Rezentralisierung. Sie bergen die Gefahr, dass die lokale Autonomie und Innovationskraft während des Wiederaufbaus geschwächt werden.
Pflegesysteme funktionieren aufgrund von Überstrapazierung, nicht aufgrund ihrer Robustheit
Das Gesundheits- und Sozialwesen bleibt nicht aufgrund seiner stabilen Strukturen funktionsfähig, sondern durch den unermüdlichen Einsatz unterbezahlter, erschöpfter Arbeitskräfte.
- Viele Hromadas sind nicht in der Lage, das gesetzlich vorgeschriebene Minimum an Sozialleistungen zu erbringen.
- Gleichzeitig steigt die Nachfrage stark an (Kriegsveteran*innen, Menschen mit Behinderungen, ältere Menschen, Vertriebene).
- Ohne umfassende Reformen wird das Pflegesystem nicht in der Lage sein, den künftigen Bedarf zu decken.
Psychische Traumata sind weit verbreitet, werden aber politisch zu wenig thematisiert
Zwischen einem Viertel und einem Drittel der Zivilbevölkerung – einschließlich Vertriebener – erfüllt die diagnostischen Kriterien für eine posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) oder eine komplexe PTBS, dennoch sind Traumata nach wie vor ein sensibles Thema.
- Die mittel- und langfristigen Auswirkungen psychischer Traumata auf das soziale Vertrauen, Einstellungen (z. B. demokratische Präferenzen) und die politische Partizipation sind besonders ungewiss.
- Die Traumabehandlung wird sowohl auf nationaler als auch auf internationaler Ebene zu wenig priorisiert.
- Damit Traumata behandelt werden können, sind bessere Daten erforderlich, die mithilfe validierter Forschungsinstrumente erhoben werden müssen. Es braucht interdisziplinäre Forschung, die klinischen Psycholog*innen, Fachärzt*innen der Psychiatrie und Sozialwissenschaftler*innen einbezieht, um die gesellschaftlichen Auswirkungen von Trauma zu verstehen. Der Aufbau von Kapazitäten zur sofortigen und mittelfristigen Traumabehandlung müssen als zentrales Element von Recovery von der der EU und anderen Gebern unterstützt werden.
Die Wirtschaft passt sich an – strukturelle Schwachstellen bleiben jedoch bestehen
Trotz massiver Zerstörungen hat die Ukraine dank ausländischer Unterstützung und nationaler Maßnahmen bislang einen wirtschaftlichen Zusammenbruch vermeiden können. Gleichwohl zeigt sich:
- Die Ukraine ist in globale Wertschöpfungsketten vorwiegend über Produkte geringer Wertschöpfung eingebunden (vor allem Rohstoffe, Getreide und geringfügig verarbeitete Produkte). Das begrenzt ihre Fähigkeit, künftige Schocks abzufedern.
- In Vorbereitung auf den EU-Beitritt ist strategische Unterstützung erforderlich, um die Technologie zu erneuern, die Exporte zu diversifizieren und die inländische Wertschöpfung zu stärken.
- Auf der Grundlage früherer EU-Erweiterungsprozesse und neuer Instrumenten der EU-Industriepolitik kann die EU sowohl die Widerstandsfähigkeit der Ukraine als auch den Zusammenhalt der Union stärken.
Positive Narrative blenden die Kosten der Resilienz aus
Resilienz ist mit emotionalen, finanziellen und institutionellen Belastungen verbunden. Bei kritischer Betrachtung werden die individuellen und gesellschaftlichen Kosten, die Erschöpfung und die strukturelle Fragilität sichtbar. Unterstützung sollte darauf ausgerichtet sein, Ressourcen gerecht zu verteilen und strukturelle Reformen einzuleiten, damit Resilienz nicht mehr davon abhängt, wie anpassungsfähig einzelne gesellschaftliche Gruppen und Individuen sind.
Hinweis: Die Daten für Teile des Reports wurden im Rahmen des Forschungsverbundes KonKoop erhoben.
