ZOiS Report 2/2026

Estonia’s Fractured Social Landscape: Views on Security, Politics and History

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Zusammenfassung

Als ein greifbares Erbe der Sowjetzeit spricht mehr als ein Viertel der estnischen Bevölkerung Russisch. Politische Debatten über Sicherheit und gesellschaftliche Resilienz in Estland sind dadurch besonders kontrovers. Dass Russland sich anhaltend in die inneren Angelegenheiten des Landes einmischt, hat die Situation nicht verbessert.

Das vom Europäischen Forschungsrat finanzierte ZOiS-Forschungsprojekt MoveMeRU erhob neue quantitative und qualitative Daten zu entscheidenden Aspekten der estnischen Gesellschaft. In diesem Bericht vergleichen wir die Einstellungen zu nationaler Sicherheit, zum Krieg in der Ukraine sowie zur estnischen Politik und Geschichte zwischen Personen mit und ohne familiären Russlandhintergrund. Im Fokus steht insbesondere die Dynamik zwischen der jüngeren (18–34) und der älteren (35–65) Generation. Anstelle der selbst angegebenen ethnischen Zugehörigkeit oder Muttersprache konzentriert sich unsere Analyse auf den familiären Hintergrund – d. h. das Land, in dem die Familie einer Person aufgewachsen ist. Diese Wahl ist bewusst getroffen. In der aktuellen gesellschaftspolitischen Lage ist die selbst angegebene ethnische Zugehörigkeit und Muttersprache oft eng mit der politischen Identität einer Person verknüpft. Der familiäre Hintergrund wird der Tatsache gerecht, dass Est*innen, die Russisch als Muttersprache sprechen oder sich ethnisch als Russ*innen betrachten, eine vielfältige Gruppe bilden – mit familiären Wurzeln in Russland, aber auch anderswo.

Die wichtigsten Ergebnisse sind:

  • Die gesamte estnische Gesellschaft betrachtet Russland als größte Bedrohung für die nationale Sicherheit. Menschen mit familiärem Russlandhintergrund teilen diese Einschätzung jedoch weit seltener. Auch ihre Haltung zum Krieg Russlands gegen die Ukraine unterscheidet sich deutlich von der estnischen Bevölkerung ohne familiären Russlandhintergrund. Mehr als 50 Prozent der Befragten ohne familiären Russlandhintergrund stimmen voll und ganz zu, dass Russland allein für den Krieg verantwortlich ist. Unter den Befragten mit familiären Russlandhintergrund teilen diese Ansicht nur ein Viertel der Jüngeren und weniger als 20 Prozent der 35- bis 65-Jährigen.
  • Unsere Daten zeigen weitere signifikante Unterschiede in den Einstellungen zwischen Est*innen mit und ohne familiären Russlandhintergrund, besonders bei Sicherheit und Geschichte. Neben dem familiären Hintergrund spielt es eine Rolle, wie stark sich jemand mit anderen in Estland lebenden Menschen identifiziert. Wer sich stark mit russischsprachigen Menschen in Estland identifiziert, weicht bei Sicherheits- und Geschichtsfragen stärker von anderen Est*innen ab.
  • Weltweit ist die Demokratie unter Druck, und Estland bildet keine Ausnahme. Unabhängig vom familiären Hintergrund fühlt sich die jüngere Generation der Demokratie stärker verpflichtet. Gefragt nach ihrer Meinung zum Demokratieverständnis halten etwa ein Drittel der Est*innen ohne familiären Russlandhintergrund diese für eine sehr gute Regierungsform – bei jüngeren Personen liegen die Zustimmungswerte höher. Deutlich weniger Personen mit familiärem Russlandhintergrund teilen diese sehr positive Einschätzung.
  • Starke Meinungsunterschiede zeigen sich bei den Fragen, ob ukrainische Flüchtlinge in Estland bleiben sollten, welche langfristigen Perspektiven sie haben und ob Estland Personen aufnehmen sollte, die aus Russland fliehen. Jüngere Befragte befürworten im Allgemeinen eher die Aufnahme sowohl russischer als auch ukrainischer Flüchtlinge. Insgesamt neigen Befragte mit familiärem Russlandhintergrund dazu, aus Russland fliehende Menschen aufzunehmen und zu unterstützen. Befragte ohne familiären Russlandhintergrund lehnen dies ab, stehen aber weiterhin eher für die Aufnahme von ukrainischen Flüchtlingen. 
  • Historische Ereignisse werden oft sehr unterschiedlich gedeutet und diese unterschiedlichen Ansichten spiegeln heutige Sicherheitswahrnehmungen wider. Wir stellen fest, dass die meisten jüngeren Befragten mit familiärem Russlandhintergrund der in Estland vorherrschenden Interpretationen der Geschichte des 20. Jahrhunderts zustimmen. Ältere Befragte mit familiärem Russlandhintergrund betrachten den 9. Mai nach wie vor eher als sowjetischen Siegestag. Die jüngere Generation hingegen deutet diesen Gedenktag vor allem mit Blick auf die Opfer.
  • Verglichen mit anderen Est*innen führen Befragte mit familiärem Russlandhintergrund seltener politische Diskussionen mit ihren Familienmitgliedern. Zudem ist in diesen Familien eine stärkere politische Polarisierung zwischen den Generationen zu beobachten. In ihrem Arbeitsumfeld berichten Befragte mit familiärem Russlandhintergrund, insbesondere die jüngere Generation, dass sie sich häufig mit ihren Kolleg*innen über Politik uneinig sind oder das Thema ganz vermeiden.

Authors

Leitung Forschungsschwerpunkt
Jugend und generationeller Wandel
Ombudsperson für die Wissenschaft