„Russlandbilder sind ein opportunes Mittel, um Enttäuschung und Ärger zu bündeln“
In ihrem im Beck-Verlag erschienenen Buch „Russland – eine deutsche Erfindung. Warum so viele bei uns Putin falsch einschätzen“ stellt Gwendolyn Sasse den kulturgeschichtlichen Beschreibungen deutscher Russlandbilder eine sozialwissenschaftliche Untersuchung zur Seite. Mithilfe von Umfragedaten, Interviews und O-Tönen zeigt sie, dass sich in vielen dieser Denkräume weniger konkretes Wissen oder Erfahrungen mit Russland, als vielmehr eigene Ängste und Befindlichkeiten ausdrücken.
Du bist als Politikwissenschaftlerin eigentlich in der Osteuropaforschung verortet. Welche Beobachtung hat dich zum Schreiben des Buches motiviert?
Osteuropa beginnt ja nicht erst in der Ferne, sondern ist auch bei uns sehr präsent, nicht zuletzt über den öffentlichen Diskurs über Russlands Krieg gegen die Ukraine. Die zahlreichen Bezüge ostdeutscher Politiker*innen und der Medien auf die vermeintliche „Russlandnähe“ der Ostdeutschen, die als eine Tatsache akzeptiert zu werden scheint, haben mich seit Langem stutzig gemacht. Warum erscheint das vielen so logisch und wird so selten hinterfragt? Die Sowjetunion von damals ist nicht das Russland von heute. Und wie aus der einstigen Besatzungsmacht eine positive Erinnerung wird oder auf das heutige Verhältnis zu Russland übertragen wird, ist zumindest erklärungsbedürftig. Darüber hinaus beobachte ich auch, wie das öffentliche Interesse an der Ukraine und damit auch an der Kriegsrealität abnimmt. Hier wollte ich im letzten Teil meiner Studie besser verstehen, welche Rolle der Krieg in den Sicherheitswahrnehmungen der Menschen in Deutschland überhaupt spielt.
Was ist an historischen Erfahrungen als Erklärung für die von außen, teilweise auch selbst zugeschriebene Russlandnähe der Ostdeutschen dran?
Ost- und Westdeutschland sind heute sehr unpräzise Vergleichsgrößen, obwohl diese Gegenüberstellung gesellschaftspolitisch noch immer eine große Rolle spielt. Die These, dass sich Ost- und Westdeutschland in ihrer Sicht auf Russland historisch bedingt stark voneinander unterscheiden, ist ein Teil der Polarisierung, die bei Gefühlen wie Unsicherheit, Angst und Wut ansetzt. Der Ärger auf diverse Bundesregierungen wird politisch nutzbar gemacht: über den Umweg der Russlandprojektionen und indem persönliche Erinnerungen und Erfahrungen aus DDR- und Transformationszeit neugeordnet werden. Die Russlandbilder sind ein opportunes Mittel, um Enttäuschung und Ärger zu bündeln. Bei einer genauen Analyse von Umfragedaten bleibt bei Fragen zu Russland eine Ost-West-Differenz, aber Geschlecht, Parteienaffinitäten und persönliche Kontakte nach Russland spielen eine Rolle. Nur eine Minderheit hat diese Kontakte – vor 2022 etwa 14 Prozent, seitdem viel weniger – und sie sind auf die jüngere Generation und nicht auf Ostdeutschland konzentriert. In Fokusgruppen und zahlreichen Interviews mit ganz verschiedenen Menschen konnte ich sehen, dass sich die Russlandbilder in den östlichen und westlichen Bundesländern in der Substanz ähneln, aber der historische Weg zu ihnen ein anderer war. Die fehlende Unterscheidung zwischen der Sowjetunion und Russland und der damit verbundene blinde Fleck in Bezug auf die Ukraine, Belarus und andere Staaten Osteuropas, ein positives Bild von Gorbatschow, das bis heute den Blick auf Russland rosa einfärbt, eine latente Attraktivität eines autoritären Führungsstils, und bekannte Stereotype ziehen sich durch die gemeinsamen Bilder.
Eine rechtsextreme Partei wie die AfD sucht rhetorisch, aber auch auf der Ebene von Personen die Nähe des russischen Staates. Welches Russlandbild wird hier bespielt?
Über die Besuche von AfD-Politker*innen in Russland werden die direkten Verbindungen zu russischen und globalen autoritären Netzwerken greifbar. In Deutschland holen die AfD, das BSW und, in Teilen, die Linke ihre Wähler*innen über Emotionen ab, die in den Russlandbildern angelegt sind. Wer wünscht sich zum Beispiel keinen Frieden? Aber der Ruf nach „Frieden jetzt“ und Diplomatie zeigt keinen konkreten Weg zu diesem Ziel auf. Es geht also um die Mobilisierung von Gefühlen und nicht um die Formulierung eines klaren politischen Programms, wie die Ukraine und Europa zu einem abgesicherten Frieden kommen können. Ebenso fällt es leicht, die Investition in die militärische Verteidigungsfähigkeit Deutschlands und der NATO gegen die Sozialpolitik auszuspielen. Einzelne AfD-Politiker*innen setzen in ihren Reden und Schriften auf altbekannte Topoi von Russland als einer Alternative zum Westen. Diese Denkmuster gab es schon im 19. Jahrhundert und sie stoßen auch heute noch auf Resonanz. Sie sind deckungsgleich mit der staatlichen Rhetorik Russlands. In etwas abgeschwächter Form knüpfen sie darüber hinaus an das Bild von Russland als Partner und Freund an, das vor 2022 die deutsche Russlandpolitik dominierte und sich stark mit der vermeintlichen Notwendigkeit von Rohstofflieferungen aus Russland verbindet. Der Wunsch nach niedrigeren Energiepreisen und auch die Sorge vor einer Eskalation des Krieges werden hier angesprochen.
Inwieweit lassen sich auch Fehler in der deutschen Russlandpolitik durch bestimmte Vorstellungen von Russland erklären?
Die deutsche Russlandpolitik wird in der Regel mit Blick auf die politischen Entscheidungsträger*innen diskutiert. In den letzten Jahren haben investigative Recherchen zu einem besseren Verständnis der Annahmen und Entscheidungen in der Russlandpolitik der letzten Jahrzehnte beigetragen. Sie haben vor allem gezeigt, dass bewusste Entscheidungen getroffen wurden, die nicht auf einen Mangel an Informationen über Putin und das politische System in Russland zurückzuführen sind, sondern sich über vorhandene Informationen und Zweifel hinwegsetzten. Dabei ist es wichtig zu betonen, dass Politik im Zusammenspiel mit der Gesellschaft entsteht, die Ideengeber und Resonanzraum zugleich ist. Diese Perspektive „von unten“ fehlt bisher und hier setzt mein Buch an. Die Bilder, die Menschen von Russland haben, wie sie über Russland sprechen und ob Russland überhaupt eine Rolle in ihren Wahrnehmungen spielt, wird von der Politik aufgegriffen und kann instrumentalisiert werden, wie uns die letzten Wahlkämpfe auf Länderebene gezeigt haben.
Welche Rolle Desinformation spielt und wie wirkmächtig sie ist, ist im Zusammenhang mit Russland eine häufig gestellte Frage. Welche Schlüsse ziehst du aus deiner Forschung für den Umgang mit russischer Desinformation?
Desinformation setzt inmitten von Krisen und Kriegen beim Gefühl der Unsicherheit an und verstärkt dieses bewusst. Es geht nicht unbedingt um die Verbreitung einer einzigen Sichtweise, sondern genau darum, verschiedene Behauptungen gleichzeitig zu verbreiten und damit den Eindruck zu verstärken, dass es immer verschiedene Perspektiven auf ein Thema gebe und die Faktenlage insgesamt ungewiss sei. In meiner Forschung zu den Russlandbildern habe ich gesehen, wie groß das Unwissen über und, was vielleicht noch wichtiger ist, das Desinteresse gegenüber Russland ist. Auch wurde deutlich, in welchem Ausmaß viele Menschen unangenehme Nachrichten verdrängen und beispielsweise ihren Medienkonsum bewusst drosseln. All dies bietet eine willkommene Vorlage für Desinformation von innen wie von außen. Neben dem steten Versuch, Falschinformationen öffentlich zu entlarven, geht es also auch darum, Interesse an politischen Themen – in diesem Fall an Russland als politischem System – zu wecken, Medienkompetenzen auszubauen und, wo möglich, von staatlicher Seite Angriffe klar zu attribuieren und nicht vage von „Kräften“ zu sprechen, die den deutschen Staat bedrohen. Die Bilder, die wir uns von anderen machen, in diesem Falle von Russland, haben genau wie das Weggucken politische Konsequenzen.
Das Interview führte Stefanie Orphal, sie leitet den Bereich Kommunikation am ZOiS.
Gwendolyn Sasse die wissenschaftliche Direktorin des ZOiS und Einstein-Professorin für Vergleichende Demokratie- und Autoritarismusforschung an der Humboldt-Universität zu Berlin.