Drohende Eskalation im Iran? Auswirkungen auf Armenien und Aserbaidschan
Die innenpolitische Instabilität im Iran und die drohende Eskalation mit den USA beunruhigen auch die Nachbarländer Aserbaidschan und Armenien. Beide äußern sich bislang zurückhaltend – aus verschiedenen Gründen. Doch der Konflikt könnte auch Folgen für die politische Annäherung der beiden Länder haben.
Welche Rolle spielt der Iran in der Region Südkaukasus?
Als direktes Nachbarland und Regionalmacht nimmt der Iran eine ambivalente Rolle im Verhältnis zu Aserbaidschan und Armenien ein. Die Beziehung zwischen dem Iran und Aserbaidschan ist von Spannungen geprägt. Aus iranischer Perspektive stellt Aserbaidschans außenpolitische Ausrichtung ein Sicherheitsrisiko dar, insbesondere aufgrund der engen strategischen und militärischen Kooperation mit der Türkei, den USA und vor allem Israel. Die umfangreiche israelische Militärhilfe für Aserbaidschan im Krieg mit Armenien um Bergkarabach 2020 wird in Teheran als unmittelbare Bedrohung der nationalen Sicherheit wahrgenommen.
Anders verhält es sich mit den Beziehungen Armeniens zum Iran. Mit Blick auf die Isolation des Landes durch geschlossene Grenzen zur Türkei und zu Aserbaidschan aufgrund des Bergkarabach-Konfliktes fungiert der Iran als wichtiger transit- und energiepolitischer Partner. Die über drei Jahrzehnte gewachsenen bilateralen Beziehungen, insbesondere im Bereich der Energieversorgung, unterstreichen Irans Rolle als stabilisierender Akteur für Armenien.
Hinzu kommt die innenpolitische Dimension: Ein erheblicher Teil der iranischen Bevölkerung sind ethnische Aserbaidschaner*innen, die im Norden Irans leben. Zwar verfolgt Baku bislang eine äußerst zurückhaltende Linie und vermied offizielle Stellungnahmen zu den Anfang Januar 2026 vom iranischen Regime gewaltsam niedergeschlagenen Massenprotesten oder zum Schutz dieser Bevölkerungsgruppe, doch beobachtet Aserbaidschan die Lage im Nachbarland mit hoher Sensibilität. Regionale Expert*innen und Medien warnen vor sicherheitspolitischen Folgewirkungen der Konfliktsituation. Für die regionale Stabilität im Südkaukasus stellt das iranisch-aserbaidschanische Verhältnis damit einen latenten Risikofaktor dar. Angesichts der US-amerikanischen Drohungen, den Iran anzugreifen, sowie der geplanten Gespräche zwischen den USA und dem Iran ist Aserbaidschans Position ebenfalls zurückhaltend. Jedoch erklärte der aserbaidschanische Außenminister, das Territorium und der Luftraum seines Landes können für Angriffe auf den Iran nicht genutzt werden.
Welche Befürchtungen gibt es hinsichtlich der bedrohlichen Lage im Iran in Armenien und Aserbaidschan?
Trotz unterschiedlicher bilateraler Beziehungen zum Iran teilen Armenien und Aserbaidschan Sorgen über wirtschaftliche, politische und humanitäre Auswirkungen einer möglichen weiteren Eskalation in Teheran. Die Südkaukasus-Region erlebt derzeit eine Transformation der internationalen Beziehungen: Es entstehen neue politische und wirtschaftliche Allianzen mit Ländern der EU und Zentralasiens, wachsende Handels- und Transportverbindungen zu China und eine geringere Abhängigkeit von Russland.
Politische Unruhen oder gar militärische Auseinandersetzungen im Iran könnten diese Entwicklungen jedoch verkomplizieren, etwa durch Grenzunsicherheiten oder einer möglichen politischen Mobilisierung der in Armenien lebenden Iraner*innen. Beide Länder befürchten also, dass politische Krisen im Iran direkte Auswirkungen auf ihre nationale Sicherheit und regionale Positionierung haben könnten.
Wie hat der Friedensprozess zwischen Armenien und Aserbaidschan das Verständnis zum Iran verändert?
Eine Eskalation im Iran würde die Fortschritte im Friedensprozess zwischen Armenien und Aserbaidschan gefährden. Seit 2025 wurden erste konkrete Schritte zur Annäherung unternommen: Energie und weitere Güter gelangten erstmals wieder via Aserbaidschan nach Armenien. Beide Länder zeigen Interesse an der Umsetzung des TRIPP-Infrastrukturprojekts (Trump Route for International Peace and Prosperity), einer von den USA unterstützen Transitroute zwischen Armenien und Aserbaidschan. Als Teil der transregionalen Konnektivität zwischen Europa und Asienverstärkt diese nicht nur wirtschaftliche Verbindungen, sondern bindet die USA auch auf Entscheidungsebene ein. Der Iran sieht dieses Projekt kritisch, weil es seinen Zugang zu regionalen Verkehrswegen einschränken könnte. Insofern müssen beide Länder den Iran als regionalen Stakeholder in Friedens- und Infrastrukturprojekten berücksichtigen.