Kooperation mit der Bundeszentrale für politische Bildung

Das Ende der Sowjetunion: ein Videoglossar

In Zusammenarbeit mit der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb)

Im Dezember 1991 hörte die Sowjetunion auf zu existieren. Die drei baltischen Republiken hatten sich zu diesem Zeitpunkt bereits unabhängig erklärt, die russische, ukrainische und belarussische Teilrepublik beschlossen per Abkommen die Auflösung der UdSSR und erhielten hierfür die Zustimmung der Mehrheit der verbleibenden 12 Republiken. Das Ende der Sowjetunion war für die postsowjetischen Staaten gleichzeitig ein Aufbruch und löste wirtschaftliche, politische und soziale Veränderungen aus. Dreißig Jahre nach dem Umbruch erklären Wissenschaftler*innen in unserem Videodossier 15 Schlüsselbegriffe rund um den Zerfall der Sowjetunion und zeigen, wie sie uns noch heute helfen können, aktuelle Ereignisse im postsowjetischen Raum zu verstehen. Das Videoglossar erscheint bis Ende des Jahres in wöchentlicher Folge in den Mediatheken der Bundeszentrale für politische Bildung und auf Youtube.

Videoglossar

13 Umwelt

Verseuchung durch Pestizide, Industrieanlagen und Rohstoffgewinnung ohne jeden Schutz: Spätestens in den 50er-Jahren des 20. Jahrhunderts waren auch in der Sowjetunion die Folgen des Raubbaus an der Natur nicht mehr zu übersehen. Doch erst während der Perestroika-Zeit entstanden angestoßen durch Tschernobyl in vielen Unionsrepubliken Umweltbewegungen. Einige spielten eine Rolle auf dem Weg in die Unabhängigkeit, verloren jedoch bald danach wieder an Bedeutung. Die schwierige wirtschaftliche Lage in den neuen Staaten ließ nach dem Ende der Sowjetunion erneut die Natur ins Hintertreffen geraten. Heute kommen mit den Folgen des Klimawandels neue Probleme hinzu. Doch es gibt auch erste Hoffnungszeichen.

12 De-facto-Staaten

Nach dem Zerfall der Sowjetunion bildeten sich neue Staaten. Viele davon auf der Grundlage von Nationalitäten. Die erstarkten Nationalbewegungen in verschiedenen postsowjetischen Ländern führten auch dazu, dass sich bestimmte Minderheiten teilweise nicht mehr repräsentiert sahen und daher eine eigene Staatlichkeit anstrebten. Da die Abspaltungen von den Mutterstaaten nicht im gegenseitigen Einvernehmen stattfanden, werden die De-facto-Staaten international nicht anerkannt. Ihre Errichtung war immer mit militärischen Auseinandersetzungen verbunden. De-facto-Staaten haben zumeist einen Patron-Staat, der sie politisch, militärisch und ökonomisch unterstützt. Das Verhältnis von De-facto-Staaten und Mutterstaaten reicht von pragmatischen Lösungen im Umgang miteinander bis hin zu radikalen Abgrenzungsbestrebungen, durch die physische Grenzen gezogen und Infrastrukturen getrennt werden.

 

11 Die Sprachenfrage

Im sowjetischen Vielsprachenstaat war Diskriminierung aufgrund der Sprache verboten, eine offizielle Amtssprache gab es nicht. Als „Sprache zur Kommunikation zwischen den Völkern“ spielte Russisch de-facto aber dennoch diese Rolle. Nach dem Zerfall der Sowjetunion verlor es seinen Sonderstatus und die Sprachenfrage wurde erneut zum Politikum, denn in den unabhängigen Staaten wurde nun beispielsweise die lettische, armenische oder ukrainische Sprache als Teil der nationalen Identität verstanden. Die Russische Föderation betrachtet die russische Sprache bis heute als wichtiges Instrument, um die Verbindung mit den ehemaligen Sowjetrepubliken aufrechtzuerhalten. Als Reaktion auf Moskaus Vereinnahmung der Russischsprechenden wird in einigen Staaten versucht, den Einfluss des Russischen zurückzudrängen, etwa im Bildungswesen, der Verwaltung oder im Kulturbereich, was wiederum auf Ablehnung bei den russischen Minderheiten stößt. Doch nicht alle möchten sich vom russischen Staat vereinnahmen lassen und einige fordern, die russische Sprache als Ausdruck einer Vielfalt russischer Kulturen wahrzunehmen.

10 Rückkehr der Religion

In der Sowjetunion stand Religion als „Opium für das Volk“ im Widerspruch zur kommunistischen Ideologie. Religiöses Leben wurde vom Staat verfolgt, kontrolliert oder instrumentalisiert. Schon unter Gorbatschow wurden diese Repressionen zurückgefahren, doch zu einer tatsächlichen Rückkehr der Religion kam es erst nach dem Zerfall der Sowjetunion. Neben der Wiedergeburt der Orthodoxie in Russland und anderen Staaten kamen auch andere Religionen aus dem Untergrund zurück: der Islam besonders in Zentralasien und im Kaukasus, der Buddhismus im Fernen Osten, das Judentum, die katholische Kirche und die Baptisten, aber auch die Zeugen Jehovas. Hinzu kamen neue Gruppierungen aus dem Ausland. Diese neue Vielfalt führte auch zu Konflikten, in deren Folge viele Staaten wieder stärker in das religiöse Leben eingriffen. Religion wurde auch zu einem politischen Instrument und ist in einigen Ländern ein Teil der nationalen Identität.

9 Oligarchen

In vielen postsowjetischen Staaten sind Politik und Wirtschaft eng miteinander verwoben. Ein herausstechendes Merkmal dieser Beziehung sind die Oligarchen. Diese Unternehmer konnten vor allem im Zuge der Privatisierung von Staatsbetrieben sehr viel Besitz anhäufen und damit politischen Einfluss nehmen. Diese sogenannte Kaperung des Staates prägte in Russland die 1990er Jahre. Doch auch Wladimir Putin schränkte die Macht der Oligarchen später nur teilweise ein, indem er einige verfolgte, andere kontrollierte und Schlüsselstellen in Staatsbetrieben durch Vertraute aus dem Sicherheitsapparat ersetzte. Anders als in Russland stehen die Oligarchen in der Ukraine in Konkurrenz zueinander und unterstützen unterschiedliche politische Parteien. Auch ihr politischer Einfluss konnte bis heute nicht vollständig zurückgedrängt werden.

8 Homo Sovieticus

Ein „neuer Mensch“ als Leitidee gehörte zur sozialistischen Bewegung sowie zum sowjetischen Staat. Dieser Mensch sollte freier, besser und kreativer werden und dem Kollektiv zugewandt sein. 1991 veröffentlichte eine Gruppe von Sozialwissenschaftler*innen um Juri Lewada eine Studie zum „einfachen sowjetischen Menschen“ in der sie versuchten, die Vorstellungen des „Homo Sovieticus“ als analytisches Werkzeug zu benutzen. Aus Umfrageergebnissen leiteten sie einen Menschentypus ab, der sich durch Staatsgläubigkeit, Konformismus und einen zur Schau getragenen Kollektivismus auszeichnet, aber im Wesentlichen das Wohl der Seinen im Sinn hat. Man dachte, dass der Homo Sovieticus als ein Produkt vor allem der totalitären Sowjetzeit unter den neuen Bedingungen aussterben würde. Dreißig Jahre später wird das Konzept noch immer bemüht, um politische Passivität und autoritäre Entwicklungen zu erklären. Daran gibt es auch Kritik.

7 Raubtierkapitalismus

Ein ungezügelter Markt ohne Einschränkungen und Regeln, durch den wenige ihren Profit auf Kosten der Mehrheit maximieren – ein solches System, in dem Kriminalität und Korruption zum Alltag gehörten, prägte die 1990er Jahre in Russland, aber auch der Ukraine und anderen postsowjetischen Staaten. Insbesondere in Russland hat sich diese Zeit als „die Wilden 1990er“ ins kollektive Gedächtnis eingebrannt, weil sie von tiefgehenden und radikalen Umbrüchen in Politik, Gesellschaft und Wirtschaft gekennzeichnet ist. Einerseits erlangten die Menschen in dieser Zeit politische Freiheiten und Rechte. Anderseits, und diese Erinnerung ist bis heute prägend, gehörten Rechtlosigkeit, Armut und Kriminalität zum Alltag. In Russland dient der Raubtierkapitalismus bis heute als Legitimation für den autoritären Kurs des Präsidenten.

6 Warschauer Pakt

Der Warschauer Pakt, eigentlich Warschauer Vertrag, war ein Militärbündnis sozialistischer Staaten unter Führung der Sowjetunion. Gegründet als Reaktion auf die Wiederbewaffnung der Bundesrepublik Deutschland und den NATO-Betritt diente es im Kalten Krieg auch der Durchsetzung der Interessen Moskaus in den Ländern des sogenannten Ostblocks. So intervenierten Truppen des Warschauer Paktes 1956 gegen den Ungarischen Volksaufstand und 1968 gegen den Prager Frühling in der Tschechoslowakei. Die Auflösung des Warschauer Paktes am 31. März 1991 war aus sowjetischer Perspektive ein enormer Vertrauensvorschuss gegenüber dem Westen. Im Zuge des Zerfalls der Sowjetunion kam es auch zu einer Neuorientierung vieler ehemaliger Bündnisstaaten, die die Ost-West-Beziehungen bis heute prägt.

5 Souveränität

In der Spätphase der Sowjetunion kam dem Begriff Souveränität eine besondere Bedeutung zu. Er umfasste hier noch nicht primär die staatliche Unabhängigkeit, sondern meinte einen Schritt in diese Richtung. Im November 1988 verabschiedete die Estnische Sowjetrepublik als erste ihre Souveränitätserklärung, mit der die nationale Gesetzgebung über die der Sowjetunion gestellt werden sollte. Das dahinterstehende Verständnis von Souveränität leitete sich aus der sowjetischen Verfassung ab, in der die Sowjetrepubliken als souverän definiert und sogar Austritte möglich waren. Die Umsetzung dieser Möglichkeit wurde vor allem von den baltischen Staaten immer weiter vorangetrieben, aber auch im Zentrum der Sowjetunion wurden Prozesse zur Erlangung der Souveränität angestoßen.

4 Nationalitäten

Die Nationalität war eine wichtige Kategorie in jedem sowjetischen Pass. Mit 129 Nationalitäten, die in fünfzehn national definierten Unionsrepubliken (und diversen Untereinheiten) lebten, verstand sich die Sowjetunion als Vielvölkerstaat. Die Nationalitätenpolitik der Bolschewiki konnte zwar nicht wie erhofft die Stabilität der Sowjetunion dauerhaft sichern, erwies sich aber durchaus als erfolgreich. Die Nationalität wurde zum wichtigsten Identitätsmarker und das ethnoterritoriale Prinzip ist in der Sowjetunion nie in Frage gestellt worden. In der zweiten Hälfte der 1980er Jahre entstanden in vielen Unionsrepubliken Unabhängigkeitsbewegungen, die sich letztlich durchsetzen konnten. Die Republiken erklärten sich in ihren bestehenden Grenzen für unabhängig, was das Ende der Sowjetunion besiegelte. Viele Konflikte, von den Tschetschenienkriegen über Nagorny-Karabach und Donbas bis zu den jüngsten Grenzkonflikten zwischen Tadschikistan und Kirgistan, sind ein Erbe der sowjetischen Nationalitätenpolitik.

3 Augustputsch

Der Augustputsch 1991, bei dem konservative kommunistische Kräfte versuchten, den Reformkurs von Gorbatschow umzukehren, markiert einen der wichtigsten Momente im sowjetischen Zerfallsjahr. Der Präsident der Sowjetunion, Michail Gorbatschow, wurde von Parteikollegen in seinem Ferienhaus auf der Krim festgehalten. Sie erklärten ihn für amtsunfähig und übernahmen in Moskau die Macht. Dagegen entstand sehr schnell starker Protest der Bevölkerung, an dessen Spitze sich der Präsident der russischen Teilrepublik Boris Jelzin stellte. Schon nach einem halben Tag begannen die ersten Angehörigen der Armee, sich mit den Protestierenden zu solidarisieren.

2 Glasnost & Perestroika

Als Michail Gorbatschow 1985 Generalsekretär der Sowjetunion wurde, setzte er der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Stagnation, die zuvor geherrscht hatte, ein Ende. Mit den Reformen von Glasnost (Transparenz) und Perestroika (Umstrukturierung) versuchte er die Krise, in der sich die Sowjetunion wirtschaftlich befand, und auch die grassierende Korruption zu bekämpfen. Die Reformen, die eine Veränderung der Sowjetunion anstrebten, entwickelten jedoch schnell eine eigene Dynamik, die letztlich zu ihrem Ende führte. Diese Reformen und mit ihnen Gorbatschow werden heute in Ost und West sehr unterschiedlich bewertet.

1 Warum zerfiel die Sowjetunion?

Im Rückblick ist es schwer nachvollziehbar, dass noch einige Jahre vor 1991 nur wenige den Zerfall der Sowjetunion und das Ende des Kalten Krieges vorausgesagt hatten. Die Frage, wie das, was jahrzehntelang unmöglich erschien, innerhalb eines kurzen Zeitfensters Realität wurde, ist im Nachhinein viel diskutiert worden. Zwei Prozesse gingen bei der Auflösung der Sowjetunion Hand in Hand: das Ende des sowjetisch geprägten sozialistischen Systems und das Modell des sowjetischen Föderalismus, der trotz seines Namens einer imperialen Ordnung entsprach. Dem formellen Ende der UdSSR ging ein längerer Auflösungsprozess voraus, bei dem verschiedene politische, wirtschaftliche und internationale Faktoren zusammenwirkten.

#30PostSovietYears

Im Jahr 2021 jährt sich das Ende der Sowjetunion zum 30. Mal. Aus diesem Anlass kooperieren das Zentrum für Osteuropa- und internationale Studien (ZOiS), die Körber-Stiftung, die Deutsche Gesellschaft für Osteuropakunde (DGO), das Deutsche Historische Institut Moskau, die Friedrich-Ebert-Stiftung in Russland und Memorial International im Rahmen des Themenjahrs #30PostSovietYears.

MEHR ERFAHREN