Europavorstellungen in europäischen Erinnerungsdiskursen

Dr. Félix Krawatzek

in Kooperation mit Dr. Gregor Feindt (Leibniz-Institut für Europäische Geschichte, Mainz), Dr. Friedemann Pestel (Albert-Ludwigs-Universität Freiburg), Dr. Rieke Trimçev (Universität Greifswald)

Die derzeitige Krise der EU hat Vorstellungen von „Europa“ grundlegend in Frage gestellt. Was Gesellschaft, Politik und Wissenschaft von Europa erwarten, hat sich mit der Flüchtlingskrise, der anhaltenden wirtschaftlichen und finanziellen Instabilität, dem Brexit und aufkommendem Populismus drastisch verschoben. Es ist jedoch wenig darüber bekannt, was „Europa“ im Laufe der Zeit zwischen verschiedenen Akteuren innerhalb und zwischen europäischen Ländern bedeutet hat. Dieses Forschungsprojekt untersucht Europavorstellungen anhand der vielschichtigen Diskurse über „europäische Erinnerung“, die das europäische Integrationsprojekt seit den 1990er Jahren untermauern. Derartige Debatten stellen einen wichtigen normativen Hintergrund für die politische und wirtschaftliche Integration dar. Auch heutige Aussagen über die Zukunft Europas, Krisendiagnosen sowie Forderungen zur weiteren Entwicklung verwenden vielfach konkurrierende und manchmal widersprüchliche Bilder einer europäischen Vergangenheit.

Dieses Projekt verwendet unterschiedliche Methoden der qualitativen und quantitativen Diskursanalyse, um die Europäisierung nationaler Erinnerungsdiskurse – und ihre Infragestellung – in den letzten zehn Jahren systematisch zu analysieren. Als zentrale Fallstudien dienen sechs große europäische Länder (Deutschland, Frankreich, Italien, Spanien, Polen und das Vereinigte Königreich). Forschungsleitende Fragen sind wie folgt:

  • Welche historischen Erfahrungen werden in Europavorstellungen mobilisiert?
  • Welche politischen Forderungen artikulieren Akteure in Zusammenhang mit Europavorstellungen?
  • Welche Logiken der Öffentlichkeit manifestieren sich in Diskursen zu „europäischer Erinnerung“?
  • Welche Europabilder entstehen jenseits normativer Europavorstellungen bei einer Analyse polyphoner Erinnerungsdiskurse?