Die Verbreitung von Erinnerungsgesetzen und die Rückkehr der Nation

Die Verbreitung von Erinnerungsgesetzen und die Rückkehr der Nation

IMAGO / Ukrinform

in Kooperation mit Dr. George Soroka (Harvard University)

Dieses Projekt erhält eine Förderung des „Stipendienprogramms für Postdoktoranden“ der Daimler und Benz Stiftung. Es ist dem Forschungsschwerpunkt „Gesellschaften zwischen Stabilität und Wandel“ zugeordnet.

Projektbeschreibung

Wie über historische Ereignisse gesprochen werden kann, hat häufig auch eine rechtliche Komponente. Diese ist Gegenstand der Geschichts- und Rechtswissenschaft, wobei das Thema innerhalb der Sozialwissenschaften gemieden wurde, was angesichts der unbestreitbaren politischen und gesellschaftlichen Relevanz von Erinnerungsgesetzen, überrascht. Viele mittel- und osteuropäische Länder haben in den letzten Jahren Gesetze verabschiedet, die die Geschichtsforschung und den öffentlichen Diskurs über die Vergangenheit regeln sollen. Der Zweite Weltkrieg spielt eine entscheidende Rolle bei diesen Versuchen, Erinnerung qua Gesetz festzuschreiben. Derartige Gesetzgebungsinitiativen sind bezeichnend für Versuche der Nationsbildung durch staatlich geschaffene historische Erzählungen, die Normen darüber etablieren möchten, wie die Vergangenheit zu betrachten ist. Sie illustrieren des Weiteren die schwierigen Nationsbildungsprojekte in vielen osteuropäische Ländern.

Das gegenwärtige Russland nutzt beispielsweise Erinnerungsgesetze für die Zwecke der Nationsbildung. Ein Gesetz aus dem Jahr 2014 wird häufig verwendet, um Aussagen zu bestrafen, die von der offiziellen Haltung zur Geschichte abweichen. Aber weder existieren solche Gesetze nur in Russland, noch sind sie ein ausschließliches Merkmal autoritärer Regime. Stattdessen haben so unterschiedliche Länder wie Polen, die Ukraine, Frankreich, Spanien, Deutschland, Chile oder einige Bundesstaaten in den USA gesetzliche Bestimmungen, die festlegen, was in der Öffentlichkeit über die Vergangenheit eines Landes gesagt werden kann.

Dieses Projekt erforscht die politischen Dynamiken hinter dieser Präsenz der Geschichte und ihrer weiteren gesellschaftlichen Auswirkungen. Durch Forschungsmittel der Daimler und Benz Stiftung wurde eine Datenbank zur Erinnerungsgesetzgebung für Europa, Nord- und Südamerika erstellt, die ebenfalls Einträge zu den wichtigen politischen Dynamiken im Kontext solcher Gesetze beinhaltet. Die Forschung hat darüber hinaus neue Umfragedaten in Russland, der Ukraine und Deutschland generiert. Dafür wurden neue Ansätze der Umfrageforschung verwendet, um die gesellschaftlichen Auswirkungen von Erinnerungsinitiativen politischer Eliten abschätzen zu können. Im Rahmen des Forschungsprojekts werden qualitative und quantitative Methoden eingesetzt. Die politischen Dynamiken um Erinnerungsgesetze werden vornehmlich qualitativ analysiert, wohingegen die Umfragen mit statistischen Methoden ausgewertet werden. In der Zusammenschau ermöglichen sie ein Verständnis der Produktion und Rezeption von Erinnerungen in unterschiedlichen politischen Kontexten.

Kernfragen

  • Welche Arten von Erinnerungsgesetzen gibt es und welche innenpolitischen bzw. zwischenstaatlichen Auswirkungen haben diese?
  • Welche gesellschaftliche Relevanz haben die Erinnerungsnarrative politischer und kultureller Eliten?
  • In welchem Zusammenhang stehen politische Einstellungen und Sichtweisen auf Geschichte?

Projektleitung