Unsichtbare Verbindungen: Pendeln zwischen den besetzten Gebieten der Ukraine und der Außenwelt
Reisen in die und aus den von Russland besetzten Gebieten der Ukraine sind schwierig, aber möglich. Neue Forschungsergebnisse geben Aufschluss über die Menschen, die diese Reisen immer wieder auf sich nehmen, über ihre Beweggründe und Routen.
Durch die russische Besetzung ukrainischer Gebiete sind seit 2014 hunderttausende Ukrainer*innen auf der Krim sowie in Teilen der Regionen Luhansk und Donezk eingeschlossen, seit 2022 auch in Teilen der Regionen Cherson und Saporischschja. In den acht Jahren vor Februar 2022 waren bestimmte Formen der Mobilität über die Waffenstillstandslinie im Donbas hinweg möglich. Die Menschen konnten diese überqueren, um Familienangehörige zu besuchen, Dienstleistungen in Anspruch zu nehmen oder auf der anderen Seite informelle Geschäfte zu tätigen. Doch Russlands vollumfassende Invasion und die radikale Russifizierung der Gesellschaft in den besetzten Gebieten setzten diesen Möglichkeiten ein Ende. Heute werden Reisen in die oder aus den vorübergehend besetzten Gebieten im Allgemeinen als endgültige Flucht aus der von Russland kontrollierten Ukraine oder – seltener – als Rückkehr dorthin betrachtet. Für manche Ukrainer*innen ist die Mobilität in die und aus den besetzten Gebieten jedoch eher etwas Wiederkehrendes. Ihre komplizierten Pendelwege dienen dazu, Familienangehörige zu unterstützen oder Heimatorte aus der Vorkriegszeit zu besuchen. An ihnen zeigt sich, wie Menschen sich an geopolitische Brüche anpassen und sie werfen Fragen nach Zugehörigkeit auf.
Meine ethnografische Feldforschung von 2025 und 2026 in Warschau und Athen sowie online zeigt, was Verwaltungsdaten nicht aufzeigen können: Tausende Menschen begeben sich trotz Gefahren, Stigmatisierung und wechselnden Rechtsordnungen auf grenzüberschreitende Reisen durch Russland, Belarus, die baltischen Staaten oder entlang der Schwarzmeerküste. Indem sie diese Hürden überwinden, erhalten sie unsichtbare, aber reale Verbindungen zwischen Europa, der freien Ukraine und ihren vorübergehend besetzten Gebieten aufrecht.
Die praktischen Aspekte: Wie Menschen feindliche Grenzen überqueren
Die von mir untersuchten Reisen zeigen, dass logistische Verbindungen über geopolitische Trennlinien und Frontlinien hinweg bestehen bleiben. Wer zu oder von Zielen in den besetzten Gebieten reist, muss mindestens drei Grenzen überqueren. Viele Reisende sind auf informelle Transportanbieter sowie auf etabliertere Unternehmen angewiesen, die ursprünglich aus der Ukraine und aus Russland stammen und auf Telegram und Facebook auf Russisch und Ukrainisch werben. Im besetzten Mariupol oder Donezk versprechen diese Unternehmen, Reisende von zu Hause abzuholen und in einer reibungslosen 40-stündigen Fahrt in EU-Länder zu bringen. Werbevideos loben die gute Musik und die häufigen Toilettenpausen. Ein telefonischer Kundendienst in Russisch, Ukrainisch und manchmal auch Deutsch oder Polnisch berät Reisende zu Barzahlung, Gepäckbeschränkungen, Haustieren und sich ändernden Transitvorschriften. In Warschau – einem beliebten Abfahrtsort für Ukrainer*innen aus ganz Europa und der Ukraine in die besetzten Gebiete – starten Minibusse oder gelegentlich ein Reisebus mit 42 Sitzplätzen. Alle Fahrzeuge tragen belarussische Kennzeichen und fahren von zufälligen Standorten an Tankstellen und Einkaufszentren ab, die sich kurzfristig ändern. Bei der Abreise aus Europa fahren Inhaber*innen nicht-russischer Reisepässe nach Minsk und fliegen von dort nach Moskau. Am Flughafen Scheremetjewo führen Grenzschutzbeamte und Agenten des russischen Inlandsgeheimdienstes (FSB) eine willkürliche Sicherheitskontrolle (filtratsia) durch. Wer diese Kontrolle erfolgreich besteht, wird am Flughafenausgang von russischen Fahrer*innen abgeholt, die sie zu ihrem endgültigen Zielort bringen. Die filtratsia schließt jedoch weitere Befragungen an anderen Kontrollpunkten auf dem Weg in die besetzten Gebiete nicht aus. Und auf ihrer Rückreise nach Europa müssen die Passagier*innen dasselbe Verfahren durchlaufen.
Die Passfrage und sich wandelnde Grenzregelungen
Der Reisepass bestimmt über die Kosten, die gewählte Route und das Risikoniveau. Ukrainer*innen, die sowohl über einen ukrainischen als auch – unter dem Druck der erzwungenen Passpflicht – über einen russischen Reisepass verfügen, haben vielfältige Reisemöglichkeiten. Sie können EU-, ukrainische und russische Grenzübergänge nutzen. Ukrainer*innen ohne russischen Pass, die in die besetzten Gebiete reisen möchten, müssen auf kostspielige Flüge über Minsk, Belgrad, Jerewan oder Istanbul zurückgreifen und sich am Flughafen Scheremetjewo einer filtratsia unterziehen: Befragungen, Provokationen und manchmal tagelanges Warten unter Androhung von Abschiebung oder Haft. Eine junge Frau bezeichnete das Prozedere als „psychologische Vergewaltigung“.
Auch sich ändernde Vorschriften der EU und der Ukraine wirken sich auf Reiserouten und -bedingungen aus. Als Polen beispielsweise im Jahr 2025 für mehrere Wochen seine Grenzen zu Belarus schloss, wurden Busverbindungen von Warschau zum Flughafen Minsk über die baltischen Staaten umgeleitet. Als die Ukraine zu biometrischen Pässen zurückkehrte, die den Schengen-Vorschriften entsprechen und nur in der Ukraine oder von ukrainischen Botschaften im Ausland ausgestellt werden können, erschwerte dies die Einreise für Personen aus den besetzten Gebieten der Ukraine. Dasselbe gilt für Änderungen der Reisebestimmungen für wehrpflichtige Männer. Menschen ohne gültigen Reisepass können die Grenze nur über den humanitären Korridor Mokrany-Domanove zwischen Belarus und der Ukraine überqueren. Nach 2022 konnten Menschen aus den besetzten Gebieten der Ukraine, die nur über russische Pässe verfügten, eine Zeit lang über verschiedene Grenzübergänge an der Grenze zwischen Russland und den baltischen Staaten in die EU einreisen. Seitdem sind die Vorschriften verschärft worden.
Vielschichtige Beweggründe
Zu den Pendler*innen, die ich in Warschau und Athen getroffen habe, gehören Teenager, ältere Frauen, allein reisende Frauen und ganze Familien. Die meisten sind Frauen mittleren Alters.
Ihre zirkuläre Mobilität spiegelt ihre zentrale Rolle in den Netzwerken der Großfamilien wider, auch wenn ihre materiellen, emotionalen und moralischen Beweggründe komplex sind. Vor allem das „Pflegependeln“ in getrennten Familien dominiert: Eine ältere Frau erfüllt ihre „Pflichten als Großmutter“ und pendelt abwechselnd zwischen ihren beiden Töchtern, die eine lebt als Flüchtling in Bratislava, die andere in einem besetzten Dorf in der Nähe von Melitopol. Eine andere reist zweimal im Jahr aus einem Dorf in der Nähe von Cherson nach Kiew, um sowohl ihre Kinder als auch ihre Eltern zu unterstützen. Andere integrieren diese Reisen in ihren Alltag und besuchen Orte, die mit ihrer Vorkriegsvergangenheit verbunden sind. Eine Mutter steigt mit ihren beiden Töchtern im Teenageralter in Warschau in einen Bus. Sie bekräftigt ihr „Recht, nach Hause“ zu fahren – nach Donezk „für die Sommerferien“. Sorgen um Einkommen und Eigentum sind ein weiterer wichtiger Grund für die Rückkehr. Russland enteignet die Häuser ukrainischer Eigentümer*innen, die sich nicht persönlich registrieren lassen. Das veranlasste einen Bauarbeiter, in den Sommern 2024 und 2025 von Athen aus entlang des Schwarzen Meeres durch Georgien und Russland zu fahren, um sein Haus in Mariupol zu sichern und zu reparieren.
Doch selbst Reisende mit pragmatischen Gründen, in den besetzten Gebieten zu bleiben oder dorthin zu reisen, stehen dieser Entscheidung oft ambivalent gegenüber. Eine pensionierte Apothekerin aus Luhansk sagt, sie sei unter der Besatzung geblieben, um ihr „Zuhause“ zu behalten, leide aber unter dem Regime. Einmal im Jahr reise sie nach Lemberg zurück, um sich zu „entspannen“ und das „auf der Straße gesprochene Ukrainische“ zu genießen.
Pendeln als Ausdruck der Zugehörigkeit
Solche wiederholten, risikobehafteten Reisen sind keine außergewöhnlichen Ausnahmen vom Kriegsalltag, sondern Praktiken, die Reisende und Transportunternehmen in ihren Alltag integriert haben. Sie offenbaren die „anormale Normalität“ des Lebens inmitten gewaltsamer Konflikte. Durch Fürsorge, administrative und wirtschaftliche Abläufe sowie verkörperte Erinnerungen an die Heimat erschaffen Pendler*innen über feindliche Grenzen hinweg ein Gefühl der Zugehörigkeit. Andere verurteilen sie jedoch oft für ihre Entscheidungen, als würden sie sich beiden Seiten anpassen, von ihnen profitieren oder sie ausnutzen. Doch ihre Bereitschaft, sich willkürlichen russischen Kontrollen, instabilen Grenzregimen der EU und der Ukraine, informeller Transportlogistik und ambivalenten gesellschaftlichen Haltungen zu stellen – nicht nur einmal, sondern immer wieder –, drückt eine Verbindung zu besetzten Gemeinschaften aus, die ansonsten isoliert sind. Indem sie Beziehungen zu ukrainischen Institutionen (Reisepässen), Orten und Familien aufrechterhalten, bringen sie everyday citizenship (Alltagsbürgerschaft) zum Ausdruck und bekräftigen damit eine Form latenter und lebensnaher ukrainischer Souveränität.
Dr. Sophie Lambroschini ist wissenschaftliche Mitarbeiterin des ExilEst-Projekts am CERCEC-EHESS in Paris.