ZOiS Spotlight 3/2026

Lebensrealitäten junger männlicher Geflüchteter aus der Ukraine

Von Inna Volosevych 11.02.2026

Seit die Ausreisebestimmungen für junge ukrainische Männer im August 2025 gelockert wurden, ist die Zahl der männlichen Geflüchteten deutlich gestiegen. Neue Umfragen geben Einblicke in die Gründe für ihre Flucht, ihre Lebenssituation in den Aufnahmeländern und ihre Rückkehrabsichten.

Ein Mann läuft mit Taschen bepackt an einem Bahnsteig in der Ukraine neben einem stehenden blau-weißen Zug.
Der Krieg ist der Hauptgrund der Befragten für ihre Ausreise aus der Ukraine, gefolgt von Angst vor Mobilmachung und mangelnden Perspektiven. IMAGO / Anadolu Agency

Seit dem 28. August 2025 dürfen ukrainische Männer im Alter von 18 bis 22 Jahren ihr Land verlassen. Zuvor war dies Männern zwischen 18 und 60 Jahren aufgrund des nach der umfassenden Invasion Russlands im Jahr 2022 verhängten Kriegsrechts untersagt. Im Dezember 2024 und Dezember 2025 führte das Forschungsinstitut Info Sapiens im Auftrag des Centre for Economic Strategy Umfragen unter ukrainischen Geflüchteten durch. Vergleicht man die Ergebnisse beider Umfragen, wird deutlich, welche Auswirkungen diese Gesetzesänderung auf junge ukrainische Männer und ihre Ansichten hat.

Insgesamt verzeichnete die noch nicht veröffentlichte Umfrage von 2025 einen Anstieg der Zahl junger männlicher Geflüchteter um 25 Prozent gegenüber 2024. Etwa jeder vierte der Ende 2025 befragten jungen Männer gab an, die Ukraine in diesem Jahr verlassen zu haben. Was ihre Verteilung in Europa angeht, folgen die Befragten ähnlichen Mustern wie ukrainische Geflüchtete im Allgemeinen: Etwa ein Fünftel ging nach Deutschland, ebenso viele nach Polen und jeder Zehnte in die Tschechische Republik. Allerdings war die Wahrscheinlichkeit, dass junge Männer in die USA gingen, doppelt so hoch wie bei Geflüchteten insgesamt.

Gründe für die Ausreise

Alle befragten jungen Männer nannten den andauernden Krieg als Motivation für ihre Ausreise aus der Ukraine. In der Umfrage von 2025 gaben 70 Prozent russische Militäraktionen in oder in der Nähe ihres Heimatortes oder dessen Besetzung durch Russland als Grund an. Die übrigen gaben an, dass sie zwar weit entfernt von der Front lebten, aber dennoch Angst vor Beschuss hatten, von dem die gesamte Ukraine betroffen ist.

Der zweithäufigste Grund für die Auswanderung war die Angst vor einer Mobilmachung. Auch der Wunsch, im Ausland zu studieren sowie mangelnde Perspektiven in der Ukraine spielten eine Rolle, gefolgt vom Mangel an Strom, Heizung und Wasser aufgrund der Bombardierungen. Letzteres Problem verschärfte sich im Januar und Februar 2026 katastrophal, sodass die Geflüchtetenzahlen weiter anstiegen.

Lebensbedingungen und Anpassung

Die meisten der befragten jungen Männer fühlten sich von ihren Aufnahmegemeinden nicht diskriminiert oder stigmatisiert, weil sie die Ukraine verlassen hatten. Im Jahr 2025 gaben 72 Prozent an, dass die Lokalbevölkerung ihnen gegenüber eine positive Einstellung hatten – ein Anstieg gegenüber 67 Prozent im Jahr 2024. Nur 4 Prozent empfanden die Einstellung als „eher negativ”, und keiner erlebte eine völlig negative Einstellung (Grafik 1).

Grafik 1

Die befragten jungen Männer zeigten auch ein hohes – und steigendes – Maß an Anpassung an ihre Gastländer. Im Jahr 2025 hatten 81 Prozent Freund*innen unter der Lokalbevölkerung. Über Grundkenntnisse in der Sprache des Aufnahmelandes verfügten zumindest 77 Prozent und 30 Prozent gaben an, die jeweilige Sprache fließend zu beherrschen. Diese Zahlen lagen alle über denen von 2024.

Ebenso stieg das Wohlbefinden der geflüchteten Ukrainer deutlich an. Im Jahr 2025 gaben 42 Prozent an, dass sie genug Geld für alle Bedürfnisse hatten – außer sehr teuren Anschaffungen wie etwa dem Kauf einer Wohnung (im Vergleich zu 28 Prozent im Vorjahr). Nur 4 Prozent hatten nicht genug Geld für ihre Grundbedürfnisse (gegenüber 8 Prozent im Vorjahr).

Auch die Beschäftigungsquote junger ukrainischer Männer stieg von 41 Prozent im Jahr 2024 auf 49 Prozent im Jahr 2025. Insbesondere der Anteil derjenigen, die in ihrem Aufnahmeland arbeiten, stieg von 29 auf 45 Prozent, während die Zahl derjenigen, die aus der Ferne in der Ukraine beschäftigt sind, von 12 auf 4 Prozent sank. Im Allgemeinen ist das Bildungsniveau der jungen Männer hoch: 2025 hatte etwas mehr als die Hälfte zumindest einen höheren Bildungsabschluss, während 9 Prozent über eine berufliche Qualifikation verfügten. Dies macht sie zu einer wertvollen Ressource für die Aufnahmeländer.

Gleichzeitig stieg jedoch der Anteil der Arbeitssuchenden von 19 auf 27 Prozent. Gerade das hohe Bildungsniveau ist ein Faktor, der die hohe Arbeitslosenquote erklärt: Viele junge Männer finden keine Arbeit, die ihren Qualifikationen entspricht. Außerdem sank die Zahl derjenigen, die in ihrem Aufnahmeland studierten von 61 auf 49 Prozent, während der Anteil derjenigen, die in der Ukraine Fernunterricht nahmen mit 18 Prozent stabil blieb.

Trotz der hohen Arbeitslosenquote sind die Hauptprobleme junger männlicher Geflüchteter aus der Ukraine nicht materieller, sondern psychologischer Natur. Im Jahr 2025 gab etwas mehr als ein Drittel an, psychische Probleme zu haben, und ebenso viele sagten, sie empfinden Traurigkeit und Angst um die Ukraine; 31 Prozent litten unter der Trennung von Freund*innen und Angehörigen, während 27 Prozent Unsicherheit über die Zukunft verspürten.

Bemerkenswert ist, dass junge Männer trotz ihrer hohen Anpassungsfähigkeit fast doppelt so häufig wie Geflüchtete insgesamt unter psychischen Problemen litten. Da dies in der Ukraine nach wie vor ein stigmatisiertes Thema ist, insbesondere unter Männern, könnte die tatsächliche Zahl sogar noch höher liegen.

Rückkehrabsichten

Aufgrund der Angst vor einer Mobilmachung und der hohen Anpassung an ihre Aufnahmeländer zeigen die Befragten wenig Absicht, in die Ukraine zurückzukehren: Im Jahr 2025 planten nur 31 Prozent eine Rückkehr – im Vergleich zu 43 Prozent aller Geflüchteten, während 53 Prozent dies nicht vorhatten – gegenüber 38 Prozent aller Geflüchteten (Grafik 2).

Grafik 2

Von denjenigen, die eine Rückkehr planen, möchten 62 Prozent zunächst ein Ende des Krieges abwarten, während 38 Prozent eine Rückkehr noch vor Beendigung der Feindseligkeiten in Betracht ziehen.

Die größten Hindernisse für eine Rückkehr sind die Angst vor dem Krieg, vor einer Mobilmachung und vor Arbeitslosigkeit in der Ukraine sowie der höhere Lebensstandard in den Aufnahmeländern. Zu den wichtigsten Faktoren, die die geflüchteten Männer zur Rückkehr motivieren würden, gehören das Ende des Krieges, die Möglichkeit der freien Ein- und Ausreise aus der Ukraine, keine drohende Mobilmachung, ein höherer Lebensstandard in der Ukraine und Beschäftigungsmöglichkeiten.

Insbesondere die Freizügigkeit für junge männliche Geflüchtete aus der Ukraine wäre eine starke Motivation für ihre Rückkehr, obwohl eine solche Politik erst nach Kriegsende möglich sein wird. Auch Programme zur Unterstützung bei der Wohnungs- und der Arbeitssuche würden einige Geflüchtete zur Rückkehr ermutigen. Angesichts der hohen Arbeitslosigkeit könnten schließlich mehr Möglichkeiten für Fernarbeit in der Ukraine für einige der jungen männlichen Geflüchteten des Landes ein Anreiz sein.


Inna Volosevych ist Soziologin und stellvertretende Direktorin des ukrainischen Meinungsforschungsinstituts Info Sapiens.

Die Autorin dankt dem Centre for Economic Strategy für die Erlaubnis, die Daten vor der Veröffentlichung der Umfrage zu verwenden. Die seit 2022 jährlich von Info Sapiens für das Centre for Economic Strategy durchgeführte Umfrage unter ukrainischen Geflüchteten umfasst 1.000 Befragte im Alter von 18 Jahren und älter. Sie basiert auf einer zufälligen Auswahl von Mobiltelefonnummern in allen Aufnahmeländern (mit Ausnahme von Russland und Belarus) im Verhältnis zur Gesamtzahl der Geflüchteten in jedem Land.