Kinderbücher in Kriegszeiten
Kinderbuchverlage in der Ukraine werden zerstört, verlieren Personal und stehen unter wirtschaftlichem Druck. In Russland sind sie dagegen zunehmend staatlich kontrolliert und international isoliert. Und wie lässt sich der Krieg überhaupt angemessen literarisch für Kinder thematisieren?
Jedes Jahr am 2. April wird der Internationale Tag des Kinderbuchs am Geburtstag des Märchenschriftstellers Hans Christian Andersen gefeiert, um Kinder zum Lesen anzuregen und durch Kinderbücher die internationale Verständigung zu fördern. In Europa steht die jährliche Feier seit der umfassenden Invasion Russlands in der Ukraine im Jahr 2022 im Schatten eines Krieges, der verheerende Folgen für Kinder und Jugendliche hat. Der Krieg hat Millionen von Kindern aus der Ukraine vertrieben, ihnen ihre Grundrechte entzogen und ihre Bildung unterbrochen. Zudem setzt die Militarisierung der Kindheit eine Generation in Russland und in den besetzten Gebieten der Ukraine der Indoktrination an öffentlichen Schulen aus.
Spezialverlage für ukrainische Kinderliteratur haben mit der Zerstörung ihrer Druckereien, Büros und Lagerhäuser, mit wirtschaftlichem Druck, gestörten Vertriebswegen, Personalmangel und vor allem mit der Abwanderung ihrer Kernzielgruppe zu kämpfen. In Russland hingegen sehen sich Kinderbuchverlage mit verschärfter politischer Kontrolle, überhöhten Preisen und einer gesunkenen Kaufkraft ihrer Leserschaft konfrontiert. Dazu kommt die Isolation vom internationalen Buchmarkt und ein nicht wiedergutzumachender Schaden an ihrem symbolischen Status als kulturelle Akteur*innen.
Vor diesem Hintergrund untersucht eine Forschungsgruppe an der Universität Aarhus in Dänemark, wie ukrainische und russische Kinderbuchverlage in Kriegszeiten arbeiten und wie die entstehenden Bücher die Erfahrungen der Kinder mit Krieg und Vertreibung verarbeiten.
Dilemma bei der Veröffentlichung von Kriegsliteratur für Kinder
Neben den schwierigen materiellen Bedingungen für Kinderbuchverlage in Kriegszeiten schilderten die befragten ukrainischen Verleger*innen ihre ethischen und literarischen Dilemmata bei der Vermittlung des Themas Krieg an ein junges Publikum. Einige hatten Bedenken hinsichtlich der Angemessenheit für vom Krieg betroffene Kinder und befürchteten, ihre jungen Leser*innen erneut zu traumatisieren. Andere stellten jedoch fest, dass Kinder selbst Erwachsene baten, ihnen die Situation zu erklären. Zwar entzieht sich der Krieg jedem narrativen Versuch, ihn zu verstehen – dennoch schaffen Autor*innen und Illustrator*innen auch während der Zerstörung weiterhin Kinderbücher über den Krieg. Sie wollen Kinder in der Gegenwart unterstützen und den andauernden Krieg für künftige Generationen dokumentieren.
Im zunehmend polarisierten politischen Klima Russlands ist die Produktion von Kinderliteratur zum Thema Krieg zu einem innerstaatlichen Konfliktfeld geworden. Eine kleine, lautstarke Gruppe regimetreuer Kriegsbefürworter*innen fordert die Veröffentlichung weiterer „heroischer“ Kinderbücher. Häufiger meiden Verlage das Thema schlichtweg – wohl eher zum Schutz ihrer Marke als zum Schutz ihrer jungen Leser*innen. Eine andere Gruppe von Verleger*innen hält dagegen: Fachleute, die mit Kindern und Jugendlichen arbeiten, hätten die Pflicht, vor den Kriegsfolgen zu warnen und auf der Veröffentlichung entsprechender Werke zu bestehen – auch wenn sie dies zunehmend aus dem Exil tun.
Ein breites Spektrum an Kinder- und Jugendliteratur zum Thema Krieg
Das Forschungsprojekt hat einen umfangreichen Korpus an Literatur zum Thema Krieg für Kinder und Jugendliche zusammengetragen. Die Titel sind auf Ukrainisch oder Russisch verfasst und erschienen seit der Annexion der Krim durch Russland und der teilweisen Besetzung der ukrainischen Donbas-Region im Jahr 2014. Zusammen dokumentieren die Bücher den andauernden Krieg durch bild- und textbasierte Darstellungen der oft marginalisierten Perspektiven von Kindern und Jugendlichen.
Die Titel decken ein breites Spektrum der Kinderkriegsliteratur ab. Die ukrainischen Werke reichen von lehrreichen Texten für sehr kleine Kinder, etwa Leitfäden zur Minensicherheit,
über Heldengeschichten mit patriotischem Inhalt bis hin zu therapeutischer Literatur über den Verlust von Heimat und Familie. Auch religiöse Widerstandsliteratur über Hoffnung, das Leben nach dem Tod, Gut und Böse sowie künstlerisch anspruchsvolle Bilderbücher, die auf internationalen Buchmessen und Festivals für ein erwachsenes Publikum erscheinen, gehören zum Kanon.
Große öffentliche Aufmerksamkeit erregte etwa die deutsche Übersetzung des Verlags Gerstenberg von „Als der Krieg nach Rondo kam“ des preisgekrönten Autoren- und Illustratorenpaares Romana Romanyschyn und Andrij Lessiw aus Lemberg. Durch die verbindende Sprache der Bilder erzählt das Buch eine universelle Geschichte von drei Freunden, deren friedliches Leben in einer Kleinstadt der Krieg auf den Kopf stellt. Die Freunde geraten in eine düstere, bedrohliche Situation, bis sie eine aufbauende Entdeckung machen. Das Buch macht Kindern Mut, dass sie selbst in scheinbar hoffnungslosen Zeiten nicht hilflos sind.
Auch ein russischsprachiger Titel, der unter den Pseudonymen Andrej Bulbenko und Marta Kajdanowskaja verfasst wurde, fand seinen Weg auf den deutschen Markt. „Elektrizität und Himmelsfische“ erzählt die Geschichte eines jungen Mädchens, das aus einem ungenannten Kriegsgebiet flieht. Die Stärke des Buchs liegt darin, die traumatischen Folgen von Krieg und Vertreibung für Leser*innen greifbar zu machen. 2025 wurde es für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert.
Die meisten ukrainischen Bücher im Korpus enthalten direkte Verweise auf den andauernden Krieg und nennen Orte von Gräueltaten, um künftigen Generationen von den heutigen Verbrechen zu berichten. Russische Bücher dagegen greifen häufig auf Metaphern, Allegorien sowie dystopische oder satirische Abenteuergeschichten zurück. Damit rücken sie den Krieg – den das russische Recht als „spezielle Militäroperation“ bezeichnet – in ein anderes Licht.
Die russischen Titel reichen von offener Kriegspropaganda – etwa Handbücher zur patriotischen Erziehung – über Exilliteratur, die sich mit Migration während des Krieges befasst, bis hin zu expliziten Antikriegswerken. Dass der Krieg in russischen Kinderbüchern weniger sichtbar ist, hängt auch mit der geografischen Distanz russischer Verlage und Autor*innen zum Kriegsgeschehen zusammen. Hinzu kommt ihre geringere moralische Legitimität, darüber zu schreiben.
Eine Kindheit jenseits des Krieges
Die befragten Verleger*innen berichteten, dass die Entscheidung für Kinderbücher über den Krieg nicht auf der Nachfrage beruhte. Eltern wünschten sich lieber Bücher, die ihre Kinder ablenken oder vor den Realitäten des Krieges schützen. Einige Verleger*innen sahen solche Literatur dennoch als Zeugnis für künftige Generationen, die den Vorteil haben, zeitlich oder räumlich mehr Abstand zu den geschilderten traumatischen Ereignissen zu haben. Schließlich betonten die meisten Verleger*innen, wie wichtig es ist, Hoffnung und lebensbejahende Erzählungen in der Kinderliteratur aufrechtzuerhalten – damit sich junge Leser*innen eine Kindheit jenseits des Krieges vorstellen können.
Birgitte Beck Pristed ist außerordentliche Professorin am Department of Global Studies der Universität Aarhus und Projektleiterin des Forschungsprojekts PUBLISH: Kinderbücher im Russland-Ukraine-Krieg.