ZOiS Spotlight 10/2026

Die paradoxen Internetsperren in Russland

Von Gregory Asmolov 20.05.2026

Die Eingriffe des Kremls in das Internet sind längst keine Notfallmaßnahmen mehr. Sie offenbaren einen strategischen Wandel hin zu einer breiten Kontrolle der digitalen Infrastruktur. Doch die Kritik selbst loyaler Gruppen wächst.

Mehrere Personen sitzen in einem U-Bahn Wagon und sehen auf ihre Smartphones.
Smartphone-Nutzer*innen in der Metro in Moskau: Die russische Regierung kontrolliert zunehmend den Zugriff auf Internetdienste. IMAGO / Anadolu Agency

Im Jahr 2019 schalteten die russischen Behörden das Internet ab, um die Vernetzungsmöglichkeiten für Protestierende einzuschränken, die in Moskau gegen die Regierung auf die Straßen gingen. Diese konventionelle Form der Internetblockade mit einer klaren taktischen Logik ist unter autoritären Regimes weit verbreitet. Jüngste Beispiele aus dem Iran bestätigen dies: Hier haben Abschaltungen die Koordination von Protesten stark eingeschränkt, den Informationsfluss behindert, die Transparenz über staatliche Gewalt verringert und damit die Ziele des Regimes unterstützen können.

Im März 2026 wurde das mobile Internet in Moskau erneut abgeschaltet, dieses Mal fast drei Wochen lang. Auch in anderen Regionen wurden ähnliche Einschränkungen verhängt. Die Gründe für diese umfassenderen Ausfälle sind weitaus weniger klar. Russlands Internetsperren scheinen sich von Ausnahmefällen der Zensur zu einem routinemäßigeren Instrument der Kriegsführung gewandelt zu haben. Die russischen Behörden greifen zunehmend auf vorübergehende Einschränkungen zurück, insbesondere in Zeiten erhöhter Sicherheitsbedenken, bei Drohnenangriffen oder bei politisch sensiblen Ereignissen wie den jährlichen Feierlichkeiten zum Tag des Sieges.

Weitreichende Störungen

Offiziell stellt Moskau diese Maßnahmen als notwendig dar, um zu verhindern, dass ukrainische Drohnen Mobilfunknetze nutzen. Doch die Ausfälle deuten auch auf einen möglichen Wechsel von der Blacklisting- zur Whitelisting-Praxis hin. Bei früheren russischen Internetkontrollen sperrte der Staat hauptsächlich bestimmte Plattformen, Websites oder Informationsquellen. Bei einem Whitelist-Modell kehrt sich die Logik um: Die Konnektivität ist standardmäßig eingeschränkt, während nur ausgewählte und genehmigte Dienste zugänglich bleiben. In diesem Sinne sind Abschaltungen möglicherweise nicht nur Notfallmaßnahmen gegen Drohnenbedrohungen, sondern auch Experimente für ein souveräneres und selektiveres Internet, in dem der Staat bestimmt, welche Formen der Konnektivität weiterhin erlaubt sind.

Die Auswirkungen waren einerseits praktischer Natur, andererseits aber auch sozial und politisch. Berichte beschreiben Störungen bei Zahlungen, Taxis, Geldautomaten, Bankgeschäften, Lieferdiensten, der Navigation, Online-Arbeit und alltäglichen Kommunikation. Der Anstieg beim Verkauf gedruckter Stadt- und Landkarten während der Verbindungsausfälle verdeutlicht, wie tief digitale Plattformen in den Alltag eingebettet sind. Abschaltungen schaden auch kleinen Unternehmen und Unternehmer*innen. Russische Entwickler*innen haben die Beschränkungen als nutzlos und wirtschaftsschädigend bezeichnet.

Diese Störungen führen zu Frust – auch unter sozialen Gruppen, die nicht unbedingt oppositionell sind und keine Absicht bekundet haben, gegen den Kreml zu protestieren. Selbst loyale Persönlichkeiten aus dem Technologiesektor haben davor gewarnt, dass übermäßiger digitaler Druck Widerstand hervorrufen könnte – nicht bei politischen Aktivist*innen, sondern bei gewöhnlichen Menschen, deren Alltag gestört wird. Einige loyale Politiker*innen und Militärblogger*innen haben die radikalen Einschränkungen kritisiert und davor gewarnt, dass sie dem Internet selbst schaden und die Koordination des Krieges auf Plattformen wie Telegram untergraben könnten. Trotz dieser Kritik argumentierte der Sprecher des russischen Präsidenten, dass alle Einschränkungen legal und unerlässlich seien, um die Sicherheit der Bürger*innen zu gewährleisten, was angeblich oberste Priorität habe.

Von Zensur zu Kontrolle

An dieser Stelle wird der russische Fall besonders paradox. Laut dem russischen Sozialindex für Angst ist die Regulierung des Internets mittlerweile der Hauptgrund für Ängste unter den Russ*innen. Drohnenangriffe liegen an zweiter Stelle, doch das Ausmaß der Angst, die sie auslösen, ist etwa fünfmal geringer als das durch digitale Einschränkungen verursachte.

Russland wird oft als eine Form des „Service-Autoritarismus“ beschrieben, insbesondere für die städtische Mittelschicht: Die Bürger*innen geben Freiheiten und Privatsphäre im Austausch für Stabilität, Komfort und digitale Dienste auf. Internetabschaltungen untergraben diesen Kompromiss. Sie führen zu einer infrastrukturellen Unzufriedenheit: Die Menschen lehnen nicht unbedingt die Zensur ab oder verteidigen die Informationsfreiheit, sondern reagieren auf die Störung der Verbindungssysteme, die den Alltag erst möglich machen.

Das zentrale Rätsel besteht darin, dass die russischen Internetsperren die unmittelbaren politischen Risiken offenbar nicht verringern. Im Gegenteil, sie könnten diese sogar erhöhen, indem sie loyale und unpolitische Bürger*innen, Wirtschaftskreise und Teile der Elite entfremden. Die Bedrohung durch Drohnenangriffe mag real sein, doch viele Russ*innen erleben den Krieg unmittelbarer, wenn ihre Internetverbindung unterbrochen wird. Vor diesem Hintergrund erscheinen die Abschaltungen politisch inkonsequent.

Eine der Erklärungen ist institutioneller Natur. Die Kontrolle über die Internetregulierung scheint zunehmend vom Sicherheitsapparat geprägt zu sein, der den digitalen Bereich in erster Linie als Schwachstelle betrachtet. Der russische Präsident Wladimir Putin, der als konservativer Nichtnutzer digitaler Dienste bekannt ist, sieht diese Schwachstelle als etwas an, das eingeschränkt und reguliert werden muss. Die Kombination aus sicherheitsorientierter Regulierung und einem Staatschef, der das Internet als Bedrohung ansieht, kann also zu Maßnahmen führen, die aus der Perspektive derjenigen, die in ihrem Alltag auf digitale Infrastruktur angewiesen sind, irrational erscheinen.

Russische Internetabschaltungen mögen politisch kontraintuitiv erscheinen, da sie die Bürger*innen entfremden und frustrieren. Aus Sicht der Behörden dienen die Ausfälle jedoch nicht nur dazu, unmittelbare Sicherheitsrisiken zu verringern. Der Staat testet damit auch seine Fähigkeit, die Konnektivität auszusetzen, und versucht, die Gesellschaft an einen bedingten Internetzugang zu gewöhnen.

Diese Abschaltungen markieren daher einen Wandel von plattformspezifischer Zensur hin zu infrastruktureller Kontrolle. Der Staat blockiert nicht nur bestimmte Websites oder Nachrichten, sondern setzt die Konnektivität selbst vorübergehend aus. In diesem Sinne können die jüngsten Internetsperren als Ausdruck einer „Disconnective Power“ gesehen werden: der strategischen Nutzung von Abschaltungen, um Risiken zu bewältigen, die Gesellschaft zu disziplinieren und Souveränität über die digitale Umgebung zu behaupten. Das Regime akzeptiert diffuse Unzufriedenheit als Preis für die Verringerung von Risiken, die es als dringend und existenziell wahrnimmt.

Die Logik der Abschaltung

Russlands groß angelegte Invasion der Ukraine im Jahr 2022 hat ein seit langem bestehendes Projekt beschleunigt, Russland von einem offenen, global integrierten System in ein geschlossenes und kontrollierbares zu verwandeln. Im Laufe der Jahre hat der Kreml eine Politik verfolgt, die darauf abzielt, politische Risiken im Zusammenhang mit Offenheit zu verringern. Dies geschieht unter anderem, indem er die Abhängigkeit Russlands von der globalen Finanzinfrastruktur verringert, ausländische Technologieplattformen reguliert und heimische Alternativen fördert. Derlei Bemühungen spiegeln eine zunehmende Logik der Abkoppelung innerhalb des politischen Systems wider: die Überzeugung, dass geringerer Kontakt zu transnationalen Netzwerken die autoritäre Widerstandsfähigkeit stärken kann.

Diese Logik der Abkoppelung ist zu einer dominierenden Kraft für die Entwicklung Russlands geworden. Die zunehmende Abhängigkeit des Regimes von Internetblockaden kann als Teil dieses Trends gesehen werden. Doch da die strategische Abschottung das Alltagsleben der meisten Russ*innen zunehmend erschwert, wird eines deutlich: Das Gleichgewicht zwischen der politischen Sichtweise, dass diese Abschottung für die Widerstandsfähigkeit des autoritären Regimes unerlässlich ist, und den destabilisierenden Auswirkungen dieser Taktik, erscheint zunehmend fragil.


Dr. Gregory Asmolov ist Dozent für Global Digital Politics am King’s College London. Zu seinen Forschungsinteressen zählen die Auswirkungen von Internetregulierung auf soziale Resilienz, digitale Abschottung, digitale Souveränität sowie Propaganda, Desinformation und digitaler Autoritarismus.