ZOiS Spotlight 13/2024

Der Krieg in der Ukraine und Lettlands russischsprachige Community

Von Inta Mieriņa 26.06.2024

Russlands Krieg hat den Menschen in der Ukraine unfassbares Leid gebracht. Weit weniger ist über seine Folgen für russischsprachige Communitys außerhalb Russlands bekannt. Lettlands ethnisch russische Bevölkerung ist seit Februar 2022 zunehmend isoliert – mit bedenklichen Folgen für den sozialen Zusammenhalt.

Das Siegesdenkmal in Riga zur Erinnerung an die Rückeroberung Sowjet-Lettlands von der deutschen Besatzung 1944 wurde im August 2022 abgerissen. IMAGO / ITAR-TASS

Aus dem Englischen übersetzt von Armin Wolking.

Ethnische Russ*innen machen etwa 25 Prozent der lettischen Bevölkerung aus. Bei den meisten handelt es sich um Nachkommen von Arbeiter*innen, die während der Sowjetzeit von Russland nach Lettland zogen. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion fiel es vielen russischsprachigen Menschen schwer, ihren Platz in Lettlands Projekt nationaler Identitätsbildung zu finden, das, wie der US-amerikanische Soziologe Rogers Brubaker argumentiert hat, in erster Linie auf ethnokultureller Zugehörigkeit basierte. Sie entwickelten eine eigene soziale Identität, in deren Mittelpunkt die russische Sprache und Kultur sowie die gemeinsame sowjetische Vergangenheit standen. Der mediale Raum ist in Lettland über die Jahre hinweg ethnisch getrennt geblieben. Viel genutzte russische Staatsmedien haben kulturelle Narrative propagiert, nach denen russischsprachige Identitäten fester Teil der „russischen Welt“ seien. In Lettland leben viele Russ*innen in russischsprachigen Städten im Osten des Landes und haben, obwohl sie sich dem Land verbunden fühlen, nie die lettische Sprache gelernt. Das hat zur Entstehung einer „Parallelwelt” beitragen, bewohnt von Menschen mit einem anderen Verständnis der Vergangenheit Lettlands und anderen Vorstellungen von seiner zukünftigen geopolitischen Orientierung.

Lettlands russischsprachige Community als Sicherheitsrisiko

Der Krieg in der Ukraine hat polarisierende historische Erinnerungen an Lettlands eigene Geschichte, das Leid während des Zweiten Weltkriegs und die Unterdrückung durch die Sowjets wachgerufen. Das erklärt die Welle der Solidarität mit den Ukrainer*innen. Es erklärt auch, warum der Anteil der lettischsprachigen Menschen, die in Russland eine Bedrohung für die Unabhängigkeit Lettlands sehen, Umfragen des lettischen Forschungsinstituts SKDS zufolge seit Februar 2022 von 38 auf 69 Prozent gestiegen ist. Vor diesem Hintergrund wird auch die russischsprachige Community in Lettland zunehmend als ein Sicherheitsrisiko betrachtet. Schon nach Russlands Annexion der Krim und der Besetzung von Teilen des Donbas 2014 warnten viele Analyst*innen, dass Russland die ethnisch-russische Community in Städten wie Daugavpils, wo Russ*innen etwa 70 Prozent der Bevölkerung ausmachen, instrumentalisieren könnte, um Lettlands Sicherheit zu untergraben. Die kürzlichen Aufrufe des ehemaligen Präsident*innen Dmitrij Medwedew an Russ*innen im Ausland, aktiv zu werden, um dem Westen „maximalen Schaden“ zuzufügen, machen deutlich, dass diese Warnungen nicht unbegründet sind.

Unüberlegte Entrussifizierung

Das gesteigerte Gefühl der Bedrohung durch Russland hatte massive Einschränkungen der Einwanderung aus Russland sowie innenpolitische und gesellschaftliche Veränderungen zur Folge. Schon vorher bestehende Gräben zwischen lettisch- und russischsprachigen Menschen wurden weiter vertieft. Einer kurz nach Beginn der umfassenden Invasion durchgeführten Umfrage zufolge stimmten 40 Prozent der Einwohner*innen Lettlands zu, dass sich die Einstellungen gegenüber Russ*innen in Lettland seit Februar 2022 verschlechtert haben. Vor diesem Hintergrund fand eine Welle der Entrussifizierung statt, im Zuge derer Maßnahmen ergriffen wurden, um den Einfluss russischer Medien, Sprache und Kultur zu begrenzen, angeblich um eine „erfolgreichere Integration“ der russischsprachigen Bevölkerung Lettlands zu ermöglichen. Russische Staatsmedien wurden als Propagandawerkzeuge verboten und selbst die in Lettland früher so stark verbreitete russische Kultur wird stigmatisiert und gemieden. Auch der russischsprachige Unterricht an lettischen Schulen wird schrittweise eingestellt. Der öffentliche Raum wurde von Gedenkstätten befreit, die nicht nur für die Zeit der sowjetischen Besatzung standen, sondern auch das soziale Gedächtnis russischsprachiger Menschen repräsentierten. All dies geschah im Namen der Sicherheit, oftmals ohne dass die Öffentlichkeit in irgendeiner Weise einbezogen wurde. Kritik an diesen Maßnahmen vonseiten der russischsprachigen Minderheit wurde häufig als ein Zeichen mangelnder Loyalität und der Anbiederung an den Kreml verstanden und dazu genutzt, sie weiter zu entfremden.

Statt die Integration zu fördern, hat die Entrussifizierung unter den Mitgliedern der russischen Community ein noch stärkeres Gefühl der Isolation und des Zynismus gegenüber der lettischen Politik hinterlassen. Gleichzeitig gibt es aber auch Anzeichen dafür, dass die russische (und russophone) Community selbst heterogener wird und bestimmte Gruppen sich dazu entscheiden, sich von Russ*innen abzugrenzen. Meine eigene Analyse von Daten des Forschungsinstituts SKDS zeigt, dass die Popularität der russischen Sprache und Identität über die Zeit hinweg insgesamt gesunken ist.

Lettland als „ethnische Demokratie“

Nationalistische Einstellungen haben in den vergangenen Jahren in Lettland zugenommen. Um es in den Worten von Duvold & Berglund (2013) zu sagen, entwickelt sich Lettland immer mehr zu einer „ethnischen Demokratie“: einem politischen System, das einerseits demokratische Institutionen und grundlegende Freiheiten bietet, in dem andererseits aber die lettischsprachige Bevölkerungsmehrheit über einen privilegierten Status verfügt. In ethnischen Demokratien betrachten nationale Eliten es als ihre Aufgabe, die Nation vor vermeintlichen Bedrohungen und Unsicherheit zu „beschützen“. In diesen schwierigen Zeiten sollten sie die Herausforderung, den sozialen Zusammenhalt und die Solidarität sowohl mit Neuankömmlingen als auch mit etablierten ethnischen Minderheiten zu gewährleisten, ernster nehmen. Gesellschaftliche Gräben stellen ihrerseits ein Sicherheitsrisiko dar, weil sie nicht nur der Wirtschaft des Landes, sondern auch seinen demokratischen Prinzipien Schaden zufügen. Es ist wichtig, klar zwischen den Handlungen der russischen Führung und Russ*innen als Gruppe zu unterscheiden. Um den sozialen Zusammenhalt zu stärken, wäre es auch sinnvoll, sich stärker darauf zu konzentrieren, was die lettisch- und russischsprachigen Communitys im Hinblick auf ihre Geschichte – beide Gruppen litten unter Stalin –, ihre geteilten menschlichen Werte und ihre gegenwärtigen wirtschaftlichen Herausforderungen gemeinsam haben.


Prof. Dr. Inta Mieriņa ist Direktorin des Center for Diaspora and Migration Research an der University of Latvia.