Meet the Author | Gwendolyn Sasse

„Der Krieg beginnt nicht erst im Februar 2022“

13.10.2022
Erbeutete russische Militärfahrzeuge in Kyjiw. IMAGO / ZUMA Wire

In ihrem Buch „Russlands Krieg gegen die Ukraine“ ordnet Gwendolyn Sasse die Ereignisse, die sich im Februar 2022 überstürzten, in ihren politischen und gesellschaftlichen Zusammenhang ein. Aus sozialwissenschaftlicher Sicht erklärt sie, welche Entwicklungen in der Ukraine dem russischen Angriff vorausgingen und analysiert auch, welche Rolle die Ukraine für das immer autoritärer regierte Russland spielt.

Gwendolyn Sasse Annette Riedl

Wie ist es als Politikwissenschaftlerin zu einem Zeitpunkt ein Buch zu schreiben, wo der Krieg, um den es geht, noch andauert?

Die Erwartung kann nicht sein, dass man das Kriegsgeschehen im Einzelnen einordnet oder gar über das Kriegsende spekuliert. Es geht um eine sozialwissenschaftliche, auch zeitgeschichtliche Einordnung der Vorgeschichte, wie es zu diesem Krieg kommen konnte, und welche Dynamiken wir jetzt im Krieg sehen. Dabei geht es mir vor allem auch um gesellschaftliche Dynamiken, also: Warum gibt es zum Beispiel diesen großen militärischen und zivilen Widerstand in der Ukraine?

Sie schreiben in der Einleitung, dass es auch darum geht, ein weitverbreitetes lückenhaftes Bild der Ukraine zu korrigieren. Welche Aspekte fehlen in dem Bild?

Besonders wichtig war mir aufzuzeigen, dass der Krieg eben nicht im Februar 2022 beginnt, sondern 2014 mit der Annexion der Krim, sich dann im Donbas-Krieg fortsetzt, wo Russland bereits eine Schlüsselrolle spielt, und dann in der diesjährigen Invasion und dem Angriff auf die gesamte Ukraine seit Februar dieses Jahres kulminiert. Darüber hinaus ist mir auch wichtig zu zeigen, dass wir eigentlich schon viel mehr hätten wissen können über den ukrainischen Staat und die ukrainische Gesellschaft. Vieles von dem, was jetzt wie eine Überraschung wirkt, konnten wir schon über einen längeren Zeitraum beobachten: Nämlich insbesondere, dass sich in der Ukraine längst ein gesellschaftlicher Konsens entwickelt hatte, der hinter einer Demokratisierung und einer westlich orientierten Politik steht, und auch eine Identität, die die Diversität der Ukraine aufnimmt und auf einen inklusiven Staat konzentriert ist.

Zu einem Hintergrund oder zu einem Erklärungsansatz des Krieges gehört ja auch eine Analyse der Politik Russlands, überspitzt gefragt: Welche Bedeutung hat die Ukraine für Putin?

Die Ukraine spielt eine sehr große Rolle im Selbstverständnis des russischen Systems und damit auch für Wladimir Putin als den Präsidenten dieses autoritären Staates. Mit der Orientierung der Ukraine gen Westen und der Transformation in ein demokratisches System birgt die Ukraine ein Risiko für Russland, das eben ein ganz anderes Staatsmodell, ein anderes politisches Modell verkörpert. Meiner Ansicht nach, und darum geht es auch in dem Buch, steht hinter diesem Krieg auch seit 2014 Russlands Sorge, dass das ukrainische politische Modell auf Russland zurückwirken könnte und damit natürlich auch die imperialen Machtansprüche Russlands begrenzt.

Welche Themen fehlen Ihnen in der öffentlichen Debatte über den Krieg, wie sie hier in Deutschland geführt wird? Welche Fehleinschätzungen gab es im Rückblick?

Einerseits ist ganz verständlich, dass die Debatte bei uns sich natürlich auch um Deutschland und die Folgen des Krieges bei uns dreht, aber ich habe das Gefühl, dass mitunter zum einen die Vorgeschichte, die gesellschaftlichen Bedingungen in der Ukraine nicht genügend berücksichtigt werden und andererseits auch der Blick auf Russland zu sehr verengt ist auf die Staatsspitze. Wir müssen auch in Russland die Gesellschaft mitdenken, wie wir gerade dieser Tage infolge der russischen Mobilisierung sehen. Wichtig ist mir auch, dass wir Begrifflichkeiten überdenken, mit denen wir Entwicklungen in der Ukraine, in Russland, aber auch in diesem Krieg kommentieren oder analysieren. Wir verwenden häufig Begriffe wie „Ukraine-Krieg“, vorher war es immer die „Ukraine-Krise“. Das erweckt den Eindruck, als ginge es hier um Entwicklungen und Konflikte innerhalb der Ukraine. Man sollte die Dinge aber klar benennen und von Russlands Krieg gegen die Ukraine sprechen und das spiegelt sich auch im Titel des Buches wider. Wir sehen in der westlichen Politik, auch in der deutschen Politik rückblickend auf jeden Fall Versäumnisse und auch Fehleinschätzungen der russischen Politik. Der Westen und auch insbesondere Deutschland hat in der Annahme, es durch wirtschaftliche Verflechtungen zu managen, das politische Risiko, das von Moskau ausgehen könnte, völlig unterschätzt. Zu spät ziehen wir auch diese Lehre aus diesem Krieg: Eine derartig große Energieabhängigkeit von einem autoritären System birgt große Gefahren.

Der Eindruck, dass mit dem 24. Februar 2022 nichts mehr so sein würde wie zuvor, war ja sehr verbreitet. Lassen sich jetzt schon Schlüsse ziehen, wie dieser Wandel aussieht?

Momentan erahnen wir, dass wir an einer Zäsur stehen und ich glaube, auch dieses Gefühl von Unsicherheit, das über die Ukraine und Russland hinaus weit verbreitet ist, drückt das aus. Ganz klar sehen wir schon, dass sich die westliche Perspektive ändert. Es bahnt sich ein differenzierterer Blick auf Osteuropa und Ostmitteleuropa an, und insbesondere die Ukraine ist in unserer Wahrnehmung angekommen. Es ist natürlich tragisch, dass das erst durch so einen Krieg in diesen Dimensionen passiert. Wir sehen auch, dass Russland sich weiter verändern wird, wir wissen noch nicht in welche Richtung, verschiedenes ist möglich: Es kann eine noch stärkere Autokratisierung geben, aber das System könnte auch aufbrechen. Inmitten des Krieges sehen wir zudem sehr deutlich, wie global verflochten die Welt ist. An verschiedenen Orten ist der Krieg sehr präsent, wie wir insbesondere durch die Nahrungsmittelkrise sehen. Auch die Positionierung verschiedener Länder und Regionen in Bezug auf den Westen und seine Sanktionen, oder eben auf Russland, ist auf keinen Fall so eindeutig, wie man das hätte erwarten können. Es ordnen sich also auch Machtverhältnisse global neu.

Das Gespräch führte Stefanie Orphal, Leiterin der Kommunikationsabteilung des ZOiS.


Prof. Dr. Gwendolyn Sasse ist  die wissenschaftliche Direktorin des ZOiS sowie Einstein-Professorin für Vergleichende Demokratie- und Autoritarismusforschung an der Humboldt-Universität zu Berlin

Gwendolyn Sasse: Der Krieg gegen die Ukraine. Hintergründe, Ereignisse, Folgen. C.H.Beck, 2022.