Zivilbevölkerung in der Ukraine: Fast jede*r Dritte erfüllt Kriterien einer posttraumatischen Belastungsstörung
Eine vom Netzwerk KonKoop initiierte Studie eines internationalen Forschungsteams liefert erstmals belastbare, landesweit repräsentative Daten zur psychischen Belastung von Zivilist*innen in der Ukraine.
Eine landesweite Umfrage unter Menschen, die in der Ukraine leben, liefert eine der bislang deutlichsten Einschätzungen zu den psychischen Auswirkungen des andauernden Krieges. Die heute im „European Journal of Psychotraumatology“ veröffentlichte, im Peer-review-Verfahren begutachtete Studie analysierte Daten aus einer repräsentativen Umfrage unter der Bevölkerung, die in von der Regierung kontrollierten Regionen der Ukraine leben. Sie liefert neue Schätzungen zur posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) und zur komplexen PTBS (KPTBS) und kommt zu dem Ergebnis, dass 31,2 % der Befragten die Kriterien für eine dieser psychischen Erkrankungen erfüllten.
Menschen, die in Konfliktgebieten leben, sind einem erhöhten Risiko traumatischer Erlebnisse ausgesetzt, wie beispielsweise körperlicher Gewalt, Zwangsvertreibung und dem Verlust von Angehörigen. Eine PTBS kann sich nach dem Erleben oder Miterleben eines Traumas entwickeln und anhaltende Symptome wie intrusive Erinnerungen, Angstzustände, Reizbarkeit und Schlafstörungen verursachen. Die KPTBS ist eine verwandte, aber schwerwiegendere Erkrankung, die typischerweise auf ein langanhaltendes oder wiederholtes Trauma folgt, wie beispielsweise chronischer Missbrauch oder Gefangenschaft.
Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass PTBS und KPTBS unter in der ukrainischen Zivilbevölkerung, die einen aktiven und andauernden Krieg durchlebt, weit verbreitet sind.
„Ein Jahrzehnt russischer Aggression, gefolgt von einer groß angelegten Invasion ab Februar 2022, hat die Bevölkerung psychisch schwer belastet. Viele Menschen sind in ihrem Alltag der Gefahr von Beschuss, Vertreibung, Tod und Unsicherheit ausgesetzt, was die dringende Notwendigkeit einer nachhaltigen psychologischen Betreuung unterstreicht. Was bei diesen Ergebnissen am meisten auffällt, ist das schiere Ausmaß der Traumatisierung“, sagt die an der Studie beteiligte Expertin Dr. Deirdre MacManus, Consultant Forensic Psychiatrist und Associate Professor am King’s College London (KCL).
Mitautor der Studie, Professor Volodymyr Kulyk vom Fachbereich Sozialwissenschaften der Kyiv School of Economics, fügt hinzu: „Es ist wichtig zu berücksichtigen, dass PTBS und KPTBS nicht auf Veteranen oder Menschen in der Nähe von Kampfgebieten beschränkt sind, sondern auch unter anderen, vom Krieg stark betroffenen Personengruppen weit verbreitet sind, wie zum Beispiel Binnenvertriebenen, Menschen, die unter Raketen- und Drohnenangriffen auf ihre Städte und Ortschaften weit entfernt von der Front gelitten haben, sowie denjenigen, die sich um Verwundete oder traumatisierte Menschen kümmern.“
Die Studie stellte – wie die Autor*innen es selbst beschreiben – „eine ungewöhnliche Zusammenarbeit“ von Forschenden aus den Bereichen mentale Gesundheit und Sozialwissenschaften dar. Alle hatten ein besonderes Interesse an den Auswirkungen psychologischer Traumata in der Ukraine, sowohl auf die psychische Gesundheit als auch auf gesellschaftspolitische Folgen.
Neben den Forschenden des KCL und der Kyiv School of Economics gehörten dem Expert*innenteam Wissenschaftler*innen der George Washington University, der University of Manchester; des Zentrums für Osteuropa- und internationale Studien (ZOiS); sowie von Combat Stress, der führenden britischen Wohltätigkeitsorganisation für psychische Gesundheit von Veteran*innen. Die Studie wurde vom Forschungsnetzwerk „Conflict and Cooperation in Eastern Europe“ (KonKoop) initiiert, das von Professorin Gwendolyn Sasse (ZOiS) geleitet und vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt finanziert wird.
Die Zusammenstellung eines wirklich interdisziplinären Teams ermöglichte unter den gegenwärtigen Umständen einen seltenen Zugang zu einer robusten, national repräsentativen Stichprobe, bei der (im Rahmen einer telefonischen Umfrage) das Ausmaß traumatischer Belastungen, inklusive aber nicht begrenzt auf kriegsbedingte Traumata, und Symptome traumabedingter psychischer Erkrankungen erfasst wurden.
Aus der Gesamtstichprobe von 2.504 Erwachsenen ergaben sich folgende Ergebnisse:
- Die Mehrheit der Teilnehmenden gab an, in hohem Maße traumatischen Ereignissen im Lebensverlauf und kriegsbedingten traumatischen Ereignissen ausgesetzt gewesen zu sein, darunter Explosionen, Beschuss, durch den Krieg verursachte Zerstörungen sowie Verletzungen, Vertreibung, das Verschwinden oder der Tod von Familienangehörigen oder anderen nahestehenden Personen.
- 31,2 % der Befragten erfüllten die Kriterien für eine PTBS oder eine komplexe posttraumatische Belastungsstörung (KPTBS)
Genauer aufgeschlüsselt:
- 25,2 % erfüllten die Kriterien für eine PTBS
- 6 % für eine KPTSD.
Zu den Faktoren, die mit einer höheren Wahrscheinlichkeit für eine PTBS oder KPTBS assoziiert waren, gehören dieser Studie zufolge das weibliche Geschlecht, ein höheres Alter, ein niedrigerer Bildungsstand, Militärdienst, kriegsbedingte Vertreibung sowie eine größere Anzahl von traumatischen Ereignissen im Laufe des Lebens und kriegsbedingten Stressoren. Der Familienstand „ledig“ war der einzige Faktor, der spezifisch mit einer KPTBS und nicht mit einer PTBS assoziiert war.
Da die bisher analysierten Daten zu einem Zeitpunkt während eines andauernden Kriegs erhoben wurden, stellen die Ergebnisse eher eine Momentaufnahme der psychischen Gesundheit der Bevölkerung dar als eine Darstellung der zeitlichen Entwicklung der Symptome.
Die Projektleiterin, Prof. Dr. Gwendolyn Sasse, Direktorin des in Berlin ansässigen ZOiS, fasst zusammen: „Als Forschungskonsortium waren wir uns der Notwendigkeit sehr bewusst, die Diskussion über Resilienz in Kriegszeiten auf fundierte empirische Forschung zum Thema Trauma auszuweiten.
Wir hoffen, dass unsere Ergebnisse dazu beitragen, auf internationaler und nationaler Ebene sowohl kurzfristige als auch langfristige Investitionen in psychische Gesundheitsdienste in der Ukraine zu priorisieren.“
„Traumazentrierte Behandlungen sind wichtig, doch unsere Ergebnisse unterstreichen auch den Wert von Unterstützungsangeboten durch die Gemeinschaft, soziale Bindungen und Initiativen zur psychischen Gesundheit auf Bevölkerungsebene. Angesichts des anhaltenden Krieges muss die Förderung des psychischen Wohlbefindens der Zivilbevölkerung eine Priorität im Bereich der öffentlichen Gesundheit sein“, betont Sasse
Einschränkend weisen die Autor*innen darauf hin, dass sich die Studie auf selbstberichtete Symptome stützte – diese können davon beeinflusst sein, wie die Teilnehmenden die Fragen des Fragebogens interpretierten.
Ein weiterer Aspekt, mit dem sie sich befassen, sind die potenziellen Auswirkungen von Traumata auf politische Einstellungen.
Die Pressemitteilung ist eine übersetzte und gekürzte Fassung der Pressemitteilung der Taylor and Francis Group, wo die Ergebnisse erschienen sind.
Publikation
Facer-Irwin, Emma; Short, Roxanna; Murphy, Dominic; Onuch, Olga; Hale, Henry E.; Kulyk, Volodymyr; Biscoe, Natasha; Sasse, Gwendolyn, MacManus, Deirdre. Prevalence of exposure to lifetime and war-related traumas, PTSD and complex PTSD in a sample from the Ukrainian general Population, European Journal Of Psychotraumatology, 2026, 17(1), doi.org/10.1080/20008066.2026.2697563.
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