Expert*innenstimme

Iran-Eskalation: Wie die Nahost-Krise Russlands Wirtschaft verändert

Von Sebastian Hoppe 04.03.2026

Bis zum US-amerikanisch-israelischen Angriff auf den Iran häuften sich die finanziellen Probleme für den Kreml. Doch die militärische Eskalation im Iran treibt die Energiepreise nach oben. Wie verändert der Krieg Russlands wirtschaftliche Lage? Und was bedeutet die Schwächung des Irans für die Ukraine?

Der Iran gilt als enger Partner Russlands. Welche ökonomischen Auswirkungen des Krieges auf Russland sind zu erwarten?

Der Krieg wird sich kurzfristig positiv auf die Exporteinnahmen Russlands auswirken. Noch vor ein paar Tagen befand sich der Kreml in einer wenig komfortablen Situation: Seit 2023 sanken strukturell die Weltmarktpreise für Öl und Gas, die finanziellen Reserven sind zusehends erschöpft und im Haushalt klafft eine gewaltige, kriegsbedingte Finanzierungslücke. Die verbliebenen großen Handelspartner wie Indien und China waren nicht gewillt, Russland über Gebühren Öl abzunehmen. Mit Beginn des Jahres wurden zudem wenig populäre Steuern für Unternehmen und die Bevölkerung erhöht, um den Krieg gegen die Ukraine weiterfinanzieren zu können.

Der US-amerikanische und israelische Angriff auf den Iran und dessen Gegenschläge in der gesamten Region haben den Ölpreis innerhalb weniger Tage um zwölf Prozent steigen lassen. Mit Katar fällt zudem der größte Flüssiggas-Produzent der Welt aus, was sich bereits in höheren europäischen und asiatischen Gaspreisen niederschlägt. Ein Fünftel der globalen Öllieferungen wird durch die vom Iran kontrollierte Straße von Hormus verschifft, die von Frachtern derzeit gemieden und von Versicherern mit hohen Risikozuschlägen belegt wird. Ein länger andauernder Krieg könnte die regionale Öl- und Gasförderung beeinträchtigen und Seehandelsrouten unterbrechen. Für Russland würde dies kurzfristig neue finanzielle Spielräume sowie Möglichkeiten der diplomatischen Rehabilitierung schaffen. Indien erwägt bereits umfangreichere Ölimporte aus Russland. Und auch China, das mehr als 80 Prozent des iranischen Öls abnimmt, könnte die Lieferausfälle durch russische Importe kompensieren. Die strukturellen Probleme der russischen Wirtschaft verschwinden dadurch jedoch nicht.

Was sind die politischen Rückwirkungen des Todes von Irans oberstem Führer Ali Khamenei und eines Großteils der iranischen Führung auf Russland?

Wie bereits im Fall der Gefangennahme des venezolanischen Präsidenten Nicolás Maduro durch US-Truppen im Januar 2026 zeigt sich auch im Falle des Iran, dass Russland nicht über die Mittel verfügt, seine strategischen Partner militärisch und politisch zu stützen. Moskau hatte die Ausschaltung Khameneis in der Vergangenheit immer wieder als rote Linie bezeichnet, blieb nun aber tatenlos und beschränkt sich auf diplomatische Vermittlungsversuche. Die gezielte Tötung hochrangiger iranischer Führungsmitglieder schafft für Russland zudem Unsicherheit, wenngleich Moskaus Netzwerke in der Region tief und weit verzweigt sind. Sollte es nicht zu einem umfassenden Regimewechsel kommen, ist davon auszugehen, dass Russland ein enger Partner des Irans bleibt.

Schwerer dürfte das von der US-Führung erklärte Ziel wiegen, das iranische Atomprogramm vollständig auszuschalten. Erst im September 2025 hatten Teheran und Moskau eine strategische Vereinbarung über 25 Mrd. US-Dollar unterzeichnet, die vorsah, dass das russische Staatskonglomerat Rosatom vier neue Kernreaktoren für die zivile Nutzung der Atomenergie im Iran baut. Auch wenn der letztendliche Gesamtschaden der US-amerikanischen und israelischen Luftschläge noch nicht abzusehen ist, wird der Ausbau der zivilen Kernenergienutzung im Iran auf Jahre zurückgeworfen – womit auch Russland Einnahmen und Einfluss entgehen.

Was bedeutet der militärische Konflikt in der Region für Russlands Krieg gegen die Ukraine?

Die Situation im Iran und im Nahen und Mittleren Osten wird keine unmittelbaren Auswirkungen auf das Kriegsgeschehen in der Ukraine haben. Russlands boomende Rüstungsindustrie ist nicht mehr abhängig von Waffenlieferungen aus dem Iran. Denn dessen Drohnen werden massenweise direkt in Russland produziert. Für die Ukraine hingegen untermauert der umfassende Kriegseintritt der USA in einer anderen Weltregion die Schlussfolgerung, dass man bei neuen Waffenlieferungen auf absehbare Zeit nicht auf Washington setzen kann – weil die US-Vorräte begrenzt sind. Die EU wiederum sieht sich erneut mit den politischen Rückwirkungen steigender Energiepreise sowie mit einem Partner in Washington konfrontiert, der sich diplomatisch und militärisch von Europa wegorientiert. Russland wird versuchen, politische Gräben in der EU durch gezielte Angebote von Energielieferungen an kremlfreundliche Akteure zu vertiefen und gleichzeitig den Krieg gegen die Ukraine fortzuführen.

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