Literatur und Macht im postsowjetischen Raum

Projektkoordination: Dr. Nina Frieß

Die ehemalige Hauptstadt Almaty ist bis heute das literarische Zentrum Kasachstans. © Dagmar Schreiber

In dem Projekt Literatur und Macht im postsowjetischen Raum wird untersucht, welche Rolle russischsprachige Literatur in ausgewählten Ländern des postsowjetischen Raums heute spielt. Exemplarisch werden dafür Texte aus Belarus, Kasachstan und Lettland untersucht. Diese Länder haben seit der Auflösung der Sowjetunion sehr unterschiedliche politische und ökonomische Entwicklungen durchlaufen. Ihre Bevölkerungsstrukturen unterscheiden sich stark voneinander, ebenso das Verhältnis, in dem sie zu Russland als dem de facto Nachfolgestaat der Sowjetunion stehen. Die russische Sprache ist in all diesen Staaten weiterhin präsent - auch in Form von literarischen Texten. Insgesamt können die Entwicklungen in diesen Ländern als repräsentativ für die Entwicklungen im post-sowjetischen Raum betrachtet werden.

Gefragt werden soll zunächst, was für russischsprachige Texte es in den einzelnen Staaten heute überhaupt noch gibt. Von Interesse sind dafür weniger literarische Importe aus Russland, sondern vielmehr Texte, die von einheimischen Autor*innen stammen. Für diese ist zu fragen, welche Themen sie verhandeln und welche Funktion sie haben. Da es in einigen der zu untersuchenden Staaten heftige Konflikte zwischen der Nominalnation und der russischen bzw. russischsprachigen Minderheit gibt, in die auch die Russische Föderation immer wieder eingriff, wird zu untersuchen sein, ob sich in diesen Texten nicht so etwas wie ein Fortbestehen der russischen Dominanz im jetzt postsowjetischen Raum erkennen lässt. Stehen diese Texte in einer sowjetischen Tradition, in der Literatur (bzw. Kultur) ein staatliches Instrument der Machtsicherung war - inzwischen außerhalb der Landesgrenze? (Konzepte wie das des Russkij Mir sprechen dafür.) Oder nutzen die Autor*innen ihre Texte, um Kritik am russischen Regime zu äußern? Nach Abschluss der Einzelanalysen soll eine vergleichende Analyse Gemeinsamkeiten und Unterschiede der untersuchten Literaturen aufzeigen.

Neben der literaturwissenschaftlichen Analyse der Textinhalte soll durch Diskursanalysen und Experteninterviews auch die soziale Dimension der untersuchten Literatur erfasst werden.