“Unterstützung für Putin hat mehr mit dem Sozialleben der Russ*innen zu tun als mit Politik“

26.03.2020

In ihrem Buch „Putin v. the People: The Perilous Politics of a Divided Russia” beleuchten die Politikwissenschaftler Samuel A. Greene und Graeme B. Robertson die Beziehung zwischen dem russischen Volk und ihrem Präsidenten. Auf der Grundlage einer Vielzahl von Umfragen versuchen sie mithilfe eines Bottom-up-Ansatzes zu erklären, warum die Unterstützung für Putin so hoch ist.

Samuel Greene © Grigory Burtsev

Der Buchmarkt scheint von Literatur über Russland im Allgemeinen und Putin im Speziellen überflutet zu sein. Inwiefern gibt Ihr Buch dem Thema einen neuen Dreh?

Ich glaube, dass es einen guten Grund dafür gibt; es zeigt, dass Russland die Menschen beschäftigt. Es war ein Land, dem man nicht so viel Aufmerksamkeit geschenkt hat, wie man es hätten tun sollen. Ziel unserer Arbeit war es, den Fokus zu verschieben, und zwar weg von der Wahrnehmung Putins als dem Drahtzieher hinter allem, was sich in der russischen Politik abspielt. Wir wollten erzählen, warum wir unsere Aufmerksamkeit auf alles andere richten sollten als darauf, was sich vermeintlich in Putins Kopf abspielt. Wir wollten die Sache umdrehen und uns auf die gesellschaftlichen Faktoren konzentrieren, die seine Macht ermöglichen.

Welche Attraktivität besitzt Putin oder besser gesagt das System, das er erschaffen hat, für die Menschen in Russland?

Als wir kurz vor Putins Wiederwahl die letzte Runde ausführlicher Interviews führten, hatten nahezu alle, mit denen wir sprachen, vor, ihn zu wählen. Gleichzeitig war es unmöglich, jemanden zu finden, der wirklich zufrieden damit war, wie das Land regiert wurde. In den letzten 30, 40 Jahren hat ein Prozess stattgefunden, in dem die Russ*innen gelernt haben, ohne den Staat zu leben. Die Präsenz von jemandem wie Putin ist in ihrem Leben viel mehr symbolisch als faktisch. Einwohner*innen, die sich als ökonomisch bessergestellt empfinden, wählen mit einer höheren Wahrscheinlichkeit den jeweiligen Amtsinhaber. Das war bei Jelzin und bei Putin der Fall, aber Putins Zustimmungswerte waren am höchsten nach der Annexion der Krim. Zu diesem Zeitpunkt waren die Realeinkommen der Russ*innen zehn Prozent niedriger als vor der Annexion, und trotzdem waren Putins Zustimmungswerte die meiste Zeit sehr hoch.

Die Krise in der Ukraine 2014 hat für Russland in vielerlei Hinsicht einen Wendepunkt dargestellt. Wie hat sich Ihrer Meinung nach die russische Gesellschaft danach verändert?

Die Menschen haben infolge der Annexion der Krim mehr Fernsehen geschaut, insbesondere die Nachrichten, die sich zu dieser Zeit viel stärker um die Ukraine drehten, nicht nur um die Krim, sondern auch um den Krieg im Donbass. Sie begannen, sich mit ihren Verwandten und Freund*innen mehr über Politik zu unterhalten. Diese Kombination aus Medienberichterstattung und den Gesprächen im sozialen Umfeld hat Emotionen erzeugt, die den Blick der Menschen auf alles, auch auf Putin, veränderten.

Wir haben nur vier Monate vor der Annexion der Krim und drei Monate danach Umfragen durchgeführt, bei denen genau dieselben Menschen befragt wurden. Nicht nur war deren Unterstützung für Putin gestiegen, sie waren auch optimistischer hinsichtlich der wirtschaftlichen Lage, obwohl die Wirtschaft sich tatsächlich rückläufig entwickelte. Sie hatten das Gefühl, es gäbe weniger Korruption, obwohl es dafür keinerlei Belege gab. Sie dachten sogar positiver über die Vergangenheit, und zwar über die 1990er-Jahre, die für die meisten Russ*innen eine sehr schwierige Zeit war. Irgendetwas passierte, das das Verhältnis der Menschen zu Russland als politische Gemeinschaft emotionaler werden ließ, und Putin wurde infolgedessen als Symbol dieser Gemeinschaft deutlich positiver gesehen.

Sie schreiben, dass Menschen mit bestimmten Persönlichkeitsmerkmalen mit einer höheren Wahrscheinlichkeit Putin unterstützen. Welche Rolle spielt Psychologie in der russischen Politik?

Eines der Persönlichkeitsmerkmale, das viele Menschen teilen, ist Verträglichkeit. Psycholog*innen beschreiben diese als eine Art der Sensibilität. Es geht darum, die soziale Reibung auf ein Minimum zu begrenzen, und mit den Menschen um einen herum gut auszukommen. Wir haben eine klare Verbindung zwischen Verträglichkeit und der Unterstützung Putins festgestellt. Dieses Merkmal prägt die medialen Vorlieben der Menschen. Der Grund, warum die meisten von uns die Nachrichten lesen oder Fernsehen schauen, ist, dass wir wissen möchten, worüber die Leute sprechen. Verträglichere Menschen schauten eher russisches Staatsfernsehen, weil die meisten anderen Menschen das ebenfalls taten. Dadurch übernahmen sie die Botschaften, die der Kreml verbreitete. Die entscheidende Verbindung ist hier jedoch nicht die zwischen den verträglichen Russ*innen und Putin, sondern vielmehr zwischen ihnen und anderen Russ*innen. Die Faktoren, die Putin Rückhalt geben, haben viel mehr mit dem Sozialleben der Russ*innen zu tun als mit irgendetwas intrinsisch Politischem.

Putin hat das System um seine Person herum aufgebaut, weshalb viele sich die Frage stellen, was nach ihm kommen könnte. Könnte es jemals einen zweiten Wladimir Putin geben?

Putins Rolle im System hat zwei Aspekte – erstens die Beziehung zur Elite zu regeln, und zweitens die Beziehung zwischen dem System und dem Volk zu steuern. Keine dieser Eliten, das sind namentlich die Oligarch*innen und Bürokrat*innen, wird von der einfachen Bevölkerung unterstützt. Diese sieht sie als Diebe und Parasiten. Das System brauchte beide, um zu überleben, und Putin stellt die politische Verbindung zwischen ihnen her. Sollte er einmal weg sein, müsste das System versuchen jemand zu finden, der mit beiden Gruppen richtig umgehen kann. Putin hat einen Weg gefunden, zu regieren, ohne Präsident zu sein. Er hat viele der formalen Institutionen der russischen Politik untergraben und sie in seiner Person vereinigt. Es gibt keine Garantie dafür, dass ein*e Nachfolger*in tatsächlich das Vertrauen der Elite genießen würde oder eine Wahl gewinnen könnte. Ich denke, dass sich das Vertrauen der Elite und der Bevölkerung, solange Putin gesund und verfügbar bleibt, weiterhin auf ihn richten wird, auch wenn er nicht Präsident ist.


Dr. Samuel Greene ist Direktor des Russland-Instituts am King's College London und ein gefragter Kenner der russischen Politik.

Samuel A. Greene, Graeme B. Robertson (2019): Putin v. the People: The Perilous Politics of a Divided Russia Yale University Press