Meet the Author | Leandra Bias

„Feminismus wird regelrecht als militärische Strategie dargestellt“

06.08.2026

In ihrem neuen Buch „Under Authoritarian Eyes“ untersucht die Politologin Leandra Bias, wie Regime in Russland und Serbien Gender als Machtinstrument nutzen und warum Aktivistinnen die Idee des bevormundenden Westens ablehnen.

Mehrere schwarz gekleidete Personen befinden sich auf einem Platz. Zwei von ihnen liegen am Boden und zwei weitere im Hintergrund halten Protestplakate.
Protest gegen Gewalt an Frauen: Aktivistinnen von „Women in Black" liegen auf dem Republic Square in Belgrad, während andere Demonstrantinnen Plakate halten – Belgrad, Serbien, 18. Mai 2016. IMAGO / Anadolu Agency

Sie nahmen ursprünglich an, dass sich die Aktivistinnen in Russland und Serbien von westlichen Feministinnen bevormundet fühlen. Warum widersprachen sie Ihnen vehement?

In erster Linie, weil diese Annahme zu dem Zeitpunkt völlig veraltet war. Sie widersprachen und waren zum Teil sogar extrem verärgert. Denn die Idee eines bevormundenden Westens ist genau das, was die einzelnen Regime die ganze Zeit propagieren – insbesondere in Bezug auf die Gleichstellung. Sie stellen Gleichstellung, Feminismus und queere Rechte nicht als etwas dar, das auch in Russland und Serbien existiert und wofür dort gekämpft wird – sondern als etwas, das der Westen aufdrängt. Es handelt sich also um zwei verschiedene Diskurse und Handlungsfelder: den allgemeinen politischen Diskurs des Regimes gegenüber dem Westen und den spezifischen Diskurs innerhalb der feministischen Theorie, der von westlicher Vormachtstellung spricht. Zwischen beiden Feldern gibt es aber eine Resonanz: „Das will der Westen, er unterdrückt uns und bringt uns zum Verstummen.“ Genau deshalb widersprechen die Feministinnen so vehement – denn diese Resonanz kann von den Regimen instrumentalisiert werden, um Kritik an ihrer Politik als fremdgesteuert abzutun. In einer Zeit, in der sich der Autoritarismus radikalisierte, ging es den Feministinnen vor allem darum, dem Diskurs des Regimes Widerstand zu leisten und ihm nicht noch mehr Auftrieb zu geben.

Autoritäre Regierungen stellen Gleichberechtigung oft als „fremde Ideologie“ dar, um gegen den Westen zu mobilisieren. Warum eignet sich das Thema Geschlechterrollen so gut als Werkzeug, um Macht zu festigen und Feindbilder aufzubauen?

In den Fällen Russland und Serbien würde ich das eine Art „Einstiegsdroge“ nennen, weil es am Anfang so harmlos wirkt. Man zielt auf das, worauf viele Menschen nach wie vor instinktiv reagieren: „Das betrifft die Familie, und wer ist schon gegen die Familie?“ Die Erzählung des Regimes geht dann weiter: „Hier will der ‘Westen‘ unsere Gesellschaft unterminieren, indem er die Scheidungsraten hoch- und die Geburtenraten runtertreibt“. Feminismus wird regelrecht als militärische Strategie dargestellt – so weit geht das in Russland. Gleichzeitig funktioniert die Erzählung aber auch über einen entgegengesetzten Mechanismus: Und doch denken viele instinktiv, mich betrifft das nicht. Am Anfang glaubt man, das betrifft nur Extremist*innen, die queere Rechte vertreten wollen, meine eigenen Rechte greift das nicht an. Bis man an einen Punkt kommt wie jetzt in Russland: Das Abtreibungsrecht, jahrzehntelang kaum umstritten, wird angegriffen und betrifft inzwischen sehr viele Frauen. Am Anfang dringt aber nur durch: „Es geht um Familie und ihren Schutz, dagegen kann man doch gar nicht sein. Das muss etwas Gutes sein.“

Serbien will in die EU, Russland lehnt sie ab – und doch nutzen beide ähnliche Methoden gegen den Feminismus. Was verbindet den Kampf für Frauenrechte in beiden Ländern trotz dieser völlig verschiedenen politischen Ziele?

Das war das Spannende an der Forschung: Die Unterschiede, die auf den ersten Blick größer wirken, sind in Wirklichkeit viel kleiner. Der entscheidende Unterschied ist nur, dass der Autoritarismus in Russland weiter fortgeschritten war als in Serbien. Die Feministinnen in Serbien haben aber wegen der Kriegserfahrungen der Neunzigerjahre schon viel früher auf Autoritarismus und Antigenderismus reagiert als ihr russisches Gegenüber. Das Verbindende ist: An der Oberfläche will Serbien zwar nach wie vor der EU beitreten, aber das ist eine Täuschung – und genau das haben die Feministinnen gemerkt. Die Regierung instrumentalisiert Geschlechtergerechtigkeit, um zu sagen: „Wir glauben schon irgendwie daran“, stellt sich ihr aber gleichzeitig proaktiv in den Weg. Was beide Fälle verbindet, ist, dass Feministinnen sehr schnell erkannt haben, dass es sich um eine politische Strategie handelt. Deshalb haben sie es schnell zur Priorität gemacht, dem Regime diskursiv Widerstand zu leisten – statt sich in „Scheinkämpfen“ um Machtpositionen zwischen West- und Ostfeminismus zu verlieren. Das hatte in diesem Kontext keine Priorität mehr.

Öffentlicher Protest wird in Russland weitgehend unterdrückt, in Serbien zumindest teilweise geduldet. Welche Formen des Aktivismus finden Feministinnen in beiden Ländern trotz der Repression und Einschüchterung?

Ich muss vorab einschränken, dass meine Feldforschung 2017 endete. Die Aussagen zu Russland, aber auch zu Serbien, sind also nicht mehr aktuell. Meine Daten zeigen aber, warum die diskursive Dimension so wichtig wurde: Sie war einer der wenigen verbliebenen Spielräume. Schon bei den ersten Interviews 2014 war Repression die größte Sorge russischer Feministinnen. Schon damals fürchteten sie sich vor sogenanntem „Offline-Aktivismus“. Im Laufe meiner Forschung wurden alle drei noch existierenden Zentren für Geschlechterforschung in Russland geschlossen. Die Arbeit verlagerte sich stattdessen auf dienstleistungsorientierte Aktivitäten, etwa mit Opfern sexualisierter und häuslicher Gewalt, sowie auf Kunst und Literatur. Nur sehr wenige gingen noch auf die Straße.

In Serbien war das eher möglich, aber auch dort erlebte ich einen der einschneidendsten Momente meiner Feldforschung: Bei einem Protest gegen Vergewaltigung als Kriegswaffe wurden etwa 20 schweigend protestierende Aktivistinnen – die Women in Black – von der doppelten Anzahl an Polizist*innen eskortiert und komplett von der Bevölkerung abgeschirmt. Rechtsextreme Aktivist*innen machten Nahaufnahmen von uns und legten uns einen Grabstrauß vor die Füße, obwohl die Polizei anwesend war. Für mich zeigt das: Die Polizeieskorte soll der EU freie Meinungsäußerung signalisieren, bietet aber keinen effektiven Schutz. Die Spielräume sind in Serbien zwar deutlich größer als in Russland, trotzdem kenne ich mehrere Aktivistinnen, die wegen solcher Einschüchterungsversuche ausgestiegen sind.

Sie beschreiben die vollumfassende Invasion der Ukraine als „tragischen Höhepunkt“ einer jahrelangen Entwicklung im Inneren Russlands. Wie hängt dieser Krieg mit Frauen- und LGBTQ+-Rechten zusammen?

Mit „tragischem Höhepunkt“ meine ich nicht, dass der Krieg unvermeidbar war. Ich möchte damit die Logik des Regimes nachzeichnen: Man stellt Gleichstellung zunächst als westliche Erfindung dar, dann als militärisches Werkzeug zur Unterwanderung der Nation und macht ihre Bekämpfung im letzten Schritt zu einem außen- und sicherheitspolitischen Ziel. Das Regime will diese westlich aufgezwungene Geschlechtergerechtigkeit, den „Gender-Gaga“, wie sie es nennen, zurückdrängen und abwenden. Diese Logik findet sich dann in sicherheitspolitischen und außenpolitischen Strategien wieder. Sie ging so weit, dass die vollumfängliche Invasion auch im Namen dieser Abwehr des „Gender-Gagas“ gestartet wurde. Putin selbst hat gesagt, es gehe darum, diese Pseudowerte abzuwenden. Sie stünden quasi schon vor der Tür in der Ukraine und müssten jetzt präventiv bekämpft werden, denn kämen sie herüber, bedeute das das Ende der Nation. Der Krieg wird damit zu einem existenziellen Krieg stilisiert.

Das Interview führte Angelika Markowska, Volontärin am ZOiS.


Dr. Leandra Bias ist Seniorforscherin und SNSF Ambizione-Stipendiantin am Departement für Europastudien und Slavistik, Universität Freiburg, Schweiz. Ihre Forschung liegt an der Schnittstelle zwischen Politikwissenschaft und Geschlechterforschung zu Themen wie Autoritarismus, Anti-Gender-Politik, Außenpolitik und feministische Widerstände.

Bias, Leandra. Under Authoritarian Eyes: Feminist Solidarity and Resistance in Russia and Serbia. Oxford University Press, 2026 (Open Access).