Ukrainische Resilienz: Neuer ZOiS Report führt hohen Preis vor Augen
Die ukrainische Resilienz angesichts des russischen Angriffskriegs ist kein Mythos. Doch es gibt eine Tendenz, sie als unerschütterlich und einheitlich darzustellen. Ein neuer Report untersucht, wie sich Resilienz in verschiedenen Bereichen manifestiert und gibt Empfehlungen, wie sie in der Gegenwart gestärkt und für den Wiederaufbau genutzt werden kann.
Während des seit vier Jahren andauernden vollumfänglichen Angriffs auf die Ukraine fällt häufig der Begriff Resilienz, wenn es darum geht, den Widerstand der ukrainischen Bevölkerung zu erklären und die Anpassungsfähigkeit an kriegsbedingtes Leid und Entbehrungen zu beschreiben. Wer diese Resilienz als gegeben hinnimmt, übersieht jedoch, wie sie sich nach Ort und Zeit unterscheidet und welche realen Kosten sie fordert. Der erste ZOiS Report dieses Jahres ist ein kritischer Beitrag zur Debatte über die ukrainische Resilienz. Er schärft den Blick auf den Begriff und fordert uns auf, „Resilienzen“ in vier verschiedenen Bereichen zu betrachten: Lokale Verwaltung, Sozialfürsorge, Traumata und Wirtschaft. Anhand konkreter Beispiele zeigen die Autorinnen, woraus sich Resilienz in der Praxis speist, wo sie an ihre Grenzen stößt und wie die Politik Unterstützung gestalten müsste, um sie zu stärken.
Ein Mosaik lokaler Resilienzen
Dem 2014 eingeleiteten Dezentralisierungsprozess wird zugeschrieben, dass er die ukrainischen Gemeinden – die Hromadas – reaktionsfähiger und damit widerstandsfähiger gegenüber den Auswirkungen des Krieges gemacht hat. Dies verläuft jedoch lokal nicht einheitlich. Maryna Rabinovych zeigt, dass sich die Resilienz der lokalen Selbstverwaltungen in Charakter und Grad signifikant unterscheidet. Sie beschreibt sie daher als ein „Mosaik multipler ‚lokaler‘ Resilienzen“. Städtische Hromadas mit größeren administrativen und finanziellen Ressourcen haben einen klaren Vorteil gegenüber ärmeren ländlichen. Um diese Ungleichheiten zu beseitigen, empfiehlt Rabinovych eine bessere Koordinierung zwischen den verschiedenen Regierungsebenen, den Aufbau von Kapazitäten sowie Mechanismen, die sicherstellen, dass die Hromadas an Entscheidungen über Wiederaufbaugelder mitwirken können.
Gesundheitssystem vor dem Zusammenbruch
Durch den russischen Angriffskrieg wurde das ohnehin schon überstrapazierte ukrainische Pflegesystem noch zusätzlich belastet. Die chronischen Engpässe bei finanziellen Ressourcen und Arbeitskräften, die es schon vor der Vollinvasion gab, werden nun gerade zu einem Zeitpunkt akut, an dem der Bedarf an institutioneller Pflege so groß ist wie nie. Trotz dieser Probleme haben die Gesundheits- und Sozialsysteme der Ukraine weiter funktioniert. Nataliia Lomonosova warnt jedoch davor, Durchhaltevermögen mit Resilienz zu verwechseln. Die Realität sieht so aus, dass die meisten Hromadas in der Ukraine derzeit nicht einmal die gesetzlich vorgeschriebenen Mindestsozialleistungen erbringen können. Das Abstellen auf Resilienz verschleiert zudem die Tatsache, dass gewöhnliche Pflegekräfte sich bis zur Erschöpfung überarbeiten, um die Defizite des Systems auszugleichen. Lomonosova fordert eine grundlegende Reform, um diese strukturellen Probleme anzugehen und sicherzustellen, dass Pflegekräfte für den Wiederaufbau erhalten bleiben.
Trauma und Resilienz
Trauma während eines anhaltenden Krieges zu erforschen ist schwierig, doch belastbare Daten zeigen, dass für rund ein Drittel der ukrainischen Bevölkerung die Kriterien für eine posttraumatische Belastungsstörung (PTSD) oder eine komplexe PTSD zutreffen. Was das genau für die individuelle oder gesellschaftliche Resilienz bedeutet, ist noch nicht abzusehen. Forschung aus anderen Kontexten legt jedoch nahe, dass Menschen, die traumatisierenden Ereignissen ausgesetzt sind, nicht automatisch weniger resilient sind. Im ZOiS Report präsentiert Gwendolyn Sasse die Ergebnisse der ersten Welle einer Trauma-Studie über die Zusammenhänge zwischen Trauma und politischen Einstellungen in der Ukraine. Sie unterstreicht auch, dass es weitere Forschung und strategische Unterstützung braucht sowie einen gesamtgesellschaftlichen Ansatz zu Trauma: „Es handelt sich hierbei nicht um ein Problem, das den Einzelnen überlassen oder aufgeschoben werden kann, sondern es erfordert ein besseres evidenzbasiertes Verständnis, umfangreiche internationale und nationale Ressourcen sowie eine gezielte Politikgestaltung.“
Die ukrainische Wirtschaft zukunftssicher machen
Der Krieg hat die ukrainische Wirtschaft schwer in Mitleidenschaft gezogen, aber dank innenpolitischer Maßnahmen und der Unterstützung aus dem Ausland hat sie sich insgesamt als recht widerstandsfähig erwiesen. Was dieses Makrobild jedoch nicht zeigt, ist, dass Wirtschaftssektoren, Unternehmen und Regionen sich in ihrer Resilienz stark unterscheiden. Julia Langbein zeigt, was die Ukraine tun kann, um ihren Status als Semi-Peripherie hinter sich zu lassen und sich stärker in globale Wertschöpfungsketten zu integrieren. Während die unmittelbare Priorität darin besteht, mit den Zerstörungen des Krieges und dem Arbeitskräftemangel umzugehen, erfordert langfristige Stabilität die Stärkung der inländischen Wertschöpfung, die Verbesserung technologischer Fähigkeiten und die Diversifizierung von Exportstrukturen – dies sind wichtige Schritte auf dem Weg zu einer größeren wirtschaftlichen Resilienz. Langbein befasst sich in diesem Zusammenhang auch mit einer Integrationsstrategie in die EU und empfiehlt Instrumente, die nicht nur die Widerstandsfähigkeit der Ukraine, sondern auch den langfristigen Zusammenhalt der Union stärken.
Publikation:
Julia Langbein, Nataliia Lomonosova, Maryna Rabinovych and Gwendolyn Sasse: Resilience Reconsidered: Lessons from Ukraine’s Response to War, ZOiS Report 1/2026.