Keine Einigkeit über kasachstanische Identität

Pressemitteilung 1. September 2020

Als multiethnische Republik verfolgte Kasachstan seit Anfang der neunziger Jahre einen doppelten Ansatz zur nationalen Identität. In einem neuen ZOiS-Report wird untersucht, wie sich die Beziehung zwischen den beiden ethnischen und der staatsbürgerlichen – kasachstanischen – Identität seither entwickelt hat. Eine neue Umfrage zeigt, dass multiple Identitäten existieren. Kasach*innen und Nicht-Kasach*innen identifizieren sich jedoch möglicherweise aus verschiedenen Gründen als Kasachstaner*in, was die offiziell proklamierte nationale Einheit in Zweifel zieht.

Kasachstan ist aufgrund seiner Geschichte ein multiethnischer Staat. Als Reaktion darauf förderte die junge Republik frühzeitig einen doppelten Ansatz zur nationalen Identität: eine ethnische kasachische Identität für die kasachische Bevölkerung und gleichzeitig eine kasachstanische Identität für alle Bürger*innen Kasachstans, unabhängig von ihrer ethnischen Zugehörigkeit. Dieser Ansatz, der eng mit dem Ersten Präsidenten des Landes, Nursultan Nazarbaev, verbunden ist, wird von offizieller Seite aus als großer Erfolg gefeiert und die nationale Einheit gilt seit dem Jahr 2015 als erreicht.

Ein starkes Gefühl der ethnischen Identität

Die Ergebnisse einer ZOiS-Umfrage, die im Herbst 2019 unter der multiethnischen Bevölkerung von Almaty durchgeführt wurde, zeigen erstmals, dass die ethnische Selbstidentifikation bei den Befragten stark vorherrscht. Die bürgerliche kasachstanische Identität schwingt jedoch auch so signifikant mit, dass man von einer „multiplen Identität“ der Bevölkerung sprechen kann.

Unterschiedliche Interpretationen von „kasachstanisch“

Empirische Beobachtungen und Interviews legen jedoch nahe, dass es auch mehrere Interpretationen des Begriffs „Kasachstaner“ gibt, mit erheblichen Unterschieden zwischen Kasach*innen und Nicht-Kasach*innen: „Für die kasachische Mehrheit sind die Begriffe „Kasach*in “ und „Kasachstaner*in“ weitgehend synonym; eine besondere Rolle ihrer nichtkasachischen Mitbürger ist in ihrem Verständnis nicht (mehr) vorgesehen“, sagt die Verfasserin des Berichts, Beate Eschment. Genau aus diesem Grund legen kleinere Minderheiten Wert auf ihre kasachstanische Identität als eine Form des Schutzes vor Assimilation oder Ausgrenzung.

„Das Vermächtnis des ersten Präsidenten Nursultan Nazarbaev an seinen Nachfolger Kassym-Zhomart Tokaev ist keine vereinte Nation der Kasachstaner*innen, sondern ein von Kasach*innen dominiertes Land, in dem viele kleine ethnische Gruppen um ihr Fortbestehen fürchten", schließt Eschment.