45,3% der jungen Menschen in Belarus hatten vor, Babaryka zu wählen

Pressemitteilung 16.07.2020

Der Oppositionskandidat Viktar Babaryka, der inzwischen von der Präsidentschaftswahl ausgeschlossen wurde, war bei weitem der populärste Kandidat unter jungen Belaruss*innen. Eine aktuelle ZOiS-Umfrage unter jungen Menschen zeigt eine deutliche Tendenz zur Politisierung und ein Wissen über Proteste im Land.

Im Vorfeld der Präsidentschaftswahl hat das ZOiS eine Umfrage unter Menschen in Belarus durchgeführt, die zwischen 18 und 34 Jahre alt sind und in den sechs größten Städten leben. Im Vergleich zu einer vorangegangenen Querschnitts-Umfrage aus dem Februar, zeigen die Ergebnisse deutlich, dass der Präsidentschaftswahlkampf im Verlauf der letzten Monate das politische Interesse der jungen Menschen in Belarus geweckt hat. Ein bedeutender Teil von ihnen bringt den Wunsch nach einem politischen Wechsel zum Ausdruck, der durch den ehemaligen Direktor der Belgazprombank, Viktar Babaryka, verkörpert wird.

Anstieg des politischen Interesses

Die Zahl derer, die angaben, sich für Politik zu interessieren, stieg in kurzer Zeit von durchschnittlich 36,9% im Februar dieses Jahres auf 58% im Juni (Abb. 1). Zu einer Zeit, in der die Politik an öffentlicher Sichtbarkeit gewonnen hat und zunehmend Teil alltäglicher Debatten ist, macht diese Veränderung deutlich, wie sehr Wahlen die Bürger*innen politisch mobilisieren können, sogar in einem autokratischen System wie dem belarussischen.

Präsidentschaftswahl: von Desillusionierung zur Hoffnung und zurück

36,8% der Befragten waren interessiert oder eher interessiert an der Präsidentschaftswahl (Abb. 2) und eine klare Mehrheit von 78,6% gab an, zur Wahl gehen zu wollen. Bevor am 14. Juli die endgültige Kandidatenliste festgelegt wurde, hatten offenbar viele junge Menschen in dieser Abstimmung eine echte Wahlmöglichkeit gesehen.

Der Oppositionskandidat Viktar Babaryka, der letztlich nicht als Kandidat zugelassen wurde, ist bei den jungen Menschen eindeutig am beliebtesten. 45,3% der Befragten sagten, dass sie für ihn stimmen wollen, 12,9% bevorzugten den ehemaligen Botschafter Valery Tsepkala, der ebenfalls von der Wahl ausgeschlossen wurde. Lediglich 9,7% wollten ihre Stimme dem Amtsinhaber Aljaksandr Lukaschenka geben. (Abb. 3)

Kenntnis von Protesten und persönliche Kontakte

Der Prozentsatz derer, die von Protesten im Land gehört haben, hat sich von durchschnittlich 59% im Februar auf 86% im Juni erhöht (Abb.4). 18,5% der Befragten gaben an, jemanden persönlich zu kennen, der an diesen Protesten teilgenommen hat, was ein bemerkenswert großer Anteil ist, angesichts des Risikos von Festnahmen und Polizeigewalt. Jedoch gaben nur 5% an, selbst in Proteste involviert gewesen zu sein.

Jetzt wo sich die endgültige Kandidatenliste als eine klare Enttäuschung der politischen Erwartungen herausgestellt hat, bleibt abzuwarten, wohin das politische Interesse, das sich im Lauf der letzten Wochen entwickelt hat, führen wird. Die Netzwerke, die die Proteste stützen, werden möglicherweise Bestand haben. Gleichzeitig werden die drastischen Restriktionen und die Polizeigewalt eingrenzen, wie sehr daraus ein Massenphänomen werden kann.

Abbildung 1

Abbildung 2

Abbildung 3

Abbildung 4