Öffentlichkeiten von unten und Aktivismus in regionalen Machtzentren Russlands

Projektkoordination: Dr. Tatiana Golova

Unterstützer*innen des führenden russischen Oppositionellen Alexei Nawalny im Mai 2017 in Nowosibirsk. © Tatiana Golova

Das Projekt geht der Frage nach, wie Bürgerengagement und öffentliche Mobilisierungen in russischen Großstädten durch alltagsweltlich verankerte und horizontal organisierte Kommunikationsprozesse geprägt sind. Die zentrale Frage soll anhand von drei Dimensionen präzisiert werden:

  • Alltag: Wie kommunizieren Angehörige verschiedener soziokultureller Milieus, auch solcher, die vom staatlichen Verteilungssystem abhängig sind, alternativ zu der Rolle als Publikum von Massenmedien? Welche kollektiven Deutungen werden dabei (re)konstruiert?
  • Mobilisierung: Wie konstituieren sich mobilisierte Öffentlichkeiten, d.h. Netzwerke, bei denen kollektives Handeln für bestimmte Ziele im Vordergrund steht? Beachtet werden unter anderem pragmatische, konservative und loyalistische Kampagnen.
  • Hybridisierung: Wie sind verschiedene Offline- und Online-Arenen der öffentlichen Kommunikation und der Mobilisierung miteinander verknüpft?

Das Projekt ist auf Millionenstädte fokussiert, die als Peripherie gegenüber Moskau und als regionale Machtzentren, die für die Konzentration humaner, finanzieller und administrativer Ressourcen stehen, von Bedeutung sind. Die Heterogenität ihrer Bevölkerung und eine Übersichtlichkeit der lokaler Szene erlauben es, Kommunikationsstrukturen verschiedener Milieus, auch im symbolischen Bezug aufeinander und in konkreten Interaktionen, zu explizieren.  Nowosibirsk und Samara wurden für eine Tiefen-Fallanalyse ausgewählt.

Die empirische Studie kombiniert verschiedene Methoden und Datenquellen, um unterschiedliche Perspektiven auf Öffentlichkeiten in Russland einzunehmen. Im Rahmen der Feldforschung werden Gruppendiskussionen mit Aktivisten und Angehörigen diverser sozio-kultureller Milieus durchgeführt. Ihre Auswertung mit dokumentarischer Methode zielt auf die Rekonstruktion von kollektivem Orientierungswissen anhand inhaltlicher Äußerungen und Formen der Diskursorganisation. Die Analyse der Online-Kommunikation hat einen Schwerpunkt auf lokalen Diskussionen und Mobilisierungen, unter anderem zu gesamtrussischen und transnationalen Entwicklungen. Sie kombiniert die automatisierte Abfrage und Vorsortierung von Daten zur Identifikation kommunikativer Verdichtungen mit manueller qualitativer Auswertung im Hinblick auf geteilte Deutungsrahmen und Interaktionsmuster. Zur besseren Verortung beider Fallbeispiele im gesamtrussischen Kontext sind Experteninterviews geplant.