Öffentlichkeiten von unten und Aktivismus in regionalen Machtzentren Russlands

Projektkoordination: Dr. Tatiana Golova

»Wir wollen noch lange genug für die Rente leben — Zeit für den Machtwechsel!« 2018 gingen in ganz Russland Menschen gegen die von der Regierung geplante Rentenreform auf die Straße — auch in der Stadt Nowosibirsk, einem Schwerpunkt des Projekts. © Nikolay Vinokurov / Alamy Stock Foto

Wie prägen alltagsweltlich verankerte Kommunikationsprozesse das Bürgerengagement und öffentliche Mobilisierungskampagnen in russischen Großstädten? Diese Frage ist nicht nur für solche Mobilisierungen relevant, die explizit prodemokratisch argumentieren oder pragmatisch auf lokale Missstände fokussiert sind. In ihrem im Oktober 2016 gestarteten Projekt geht die Soziologin Tatiana Golova davon aus, dass auch das Handeln wertkonservativer und loyalistischer Akteur*innen besser verstanden werden kann, wenn wir untersuchen, wie horizontal strukturierte Kommunikationsprozesse jenseits der Top-Down-Mobilmachung via staatlich kontrollierter Massenmedien und der Kooptationslogik die Bereitschaft, sich zu engagieren, prägen.

Dieser zentralen Frage geht das Forschungsprojekt anhand von drei Dimensionen nach:

  • Alltag: Welche kollektiven Deutungen werden in der Alltagskommunikation der Angehörigen verschiedener soziokultureller Milieus (re)konstruiert?
  • Mobilisierung: Wie konstituieren sich mobilisierte Öffentlichkeiten, das heißt, Kommunikationsnetzwerke, bei denen kollektives Handeln für bestimmte Ziele im Vordergrund steht? In welchem Verhältnis stehen verschiedene solche Netzwerke zueinander?
  • Hybridität: Wie werden verschiedene Offline- und Online-Arenen der öffentlichen Kommunikation und der Mobilisierung miteinander verknüpft?

Das Projekt ist auf Millionenstädte fokussiert, die als Peripherie gegenüber Moskau und als regionale Machtzentren, die für die Konzentration humaner, finanzieller und administrativer Ressourcen stehen, von Bedeutung sind. Die Heterogenität ihrer Bevölkerung und eine gleichzeitige Übersichtlichkeit der lokalen Aktivistenszene erlauben es, Kommunikationsstrukturen verschiedener Aktivistenmilieus, auch im symbolischen Bezug aufeinander und in konkreten Interaktionen, zu untersuchen.