Mittelfristiger Forschungsplan des ZOiS (2024–2030)

Strategische Vision und Positionierung

Das Zentrum für Osteuropa- und internationale Studien (ZOiS) ist ein unabhängiges, internationales und interdisziplinäres Forschungsinstitut. Im Mittelpunkt unserer Arbeit steht die sozialwissenschaftliche Osteuropaforschung. Wir verbinden eigenständige, multimethodische Datenerhebungen mit theoriegeleiteter Datenanalyse und dem Anspruch einer Vermittlung von Forschungsergebnissen über die Grenzen der akademischen Welt hinaus.

Unser Ziel ist es, empirisch gestützten Regionalstudien innerhalb der Sozialwissenschaften mehr Sichtbarkeit zu verschaffen und die sozialwissenschaftliche Osteuropaforschung durch Perspektiven benachbarter Disziplinen zu bereichern.  Das ZOiS stellt sicher, dass eine breite Palette von Disziplinen unter ihren Forscher*innen vertreten ist (aktuell Politikwissenschaften, Politische Ökonomie, Soziologie, Geografie, Anthropologie und Kulturwissenschaften). Multi- und interdisziplinärer Austausch ist nicht nur ein integraler Bestandteil unserer Forschungsprojekte, sondern auch unserer zahlreichen, tagtäglichen Interaktionen am ZOiS. Mit unseren kollaborativen Projekten positionieren wir uns als zentraler Akteur der Osteuropaforschung in Deutschland und international.

Grundlage der Forschung und Wissenschaftskommunikation des ZOiS bilden eine Reihe von Prinzipien: empirische Datenerhebung; innovative Forschungsmethoden; die Zusammenarbeit mit Forscher*innen in und aus Osteuropa und Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Perspektiven, Begriffen und Praktiken;  das Streben, vielfältige Dimensionen in unsere Forschungsprojekte und -praktiken einfließen zu lassen und den eigenen Standpunkt ständig kritisch zu hinterfragen; und ein selbstreflexiver Umgang mit wissenschaftsethischen Fragen sowohl am ZOiS als auch darüber hinaus. Neben ihrem Anspruch exzellenter wissenschaftlicher Forschung präsentieren die Forscher*innen des ZOiS ihre Ergebnisse regelmäßig einem nichtakademischen Publikum, insbesondere politischen Entscheidungsträger*innen und der breiteren Öffentlichkeit. Wir entwickeln maßgeschneiderte Formate für unterschiedliche Gruppen von nationalen und internationalen Entscheidungsträger*innen und treten in einen Austausch mit der Öffentlichkeit durch eine aktive Medienpräsenz, innovative In-House-Formate und die Beteiligung an öffentlichen Bildungsinitiativen und Outreach-Veranstaltungen mit Partnerinstitutionen, einschließlich Kulturinstitutionen und zivilgesellschaftlichen Organisationen. Das ZOiS fungiert als Schnittstelle zwischen Universitäten, Forschungsinstituten, Think Tanks, Stiftungen und anderen Organisationen in Berlin und Brandenburg.

Grundlage der Arbeit am ZOiS ist eine flexible geographische und thematische Definition des Begriffs „Osteuropa“, die ein Gebiet umfasst, das sich von Zentral- und Osteuropa bis zum Südkaukasus und Zentralasien erstreckt. Viele Projekte nehmen eine vergleichende oder transregionale/transnationale Perspektive ein – das gilt sowohl für unsere eigene Forschung als auch unsere Kollaborationen mit verschiedenen Partner*innen. Unsere Forschung erfolgt daher nicht in erster Linie auf Länderbasis.

Aufbauend auf der Forschung, die in der Gründungsphase von 2016 bis 2023 am ZOiS durchgeführt wurde, setzen wir auch in Zukunft weiter auf unsere Stärken: die Untersuchung von Bottom-Up-Perspektiven und Handlungsspielräumen in der gesamten Region Osteuropa in ihrem Verhältnis zu einer Vielzahl von politischen, wirtschaftlichen und sozialen Dynamiken auf der lokalen, nationalen, regionalen und internationalen Ebene. Dieser Ansatz ermöglicht es, die Zusammenhänge zwischen nationalen und internationalen Entwicklungen besser zu verstehen.

Unsere Forschung gliedert sich in fünf Forschungsschwerpunkte:

  • Gesellschaften zwischen Stabilität und Wandel
  • Konfliktdynamiken und Grenzregionen
  • Migration und Diversität
  • Jugend und generationeller Wandel
  • Politische Ökonomie und Integration

Jeder Forschungsschwerpunkt bringt Forscher*innen zusammen, die an verschiedenen Punkten ihrer akademischen Laufbahn stehen, und verknüpft unterschiedliche fachliche und methodologische Ansätze. Übergreifende Projekte, häufig mit Unterstützung externer Forschungszuschüsse, schaffen zusätzliche Verbindungen zwischen den Forschungsschwerpunkten. Unsere fünf Forschungsschwerpunkte widmen sich der Analyse folgender Themen:

  • Gesellschaften zwischen Stabilität und Wandel: gesellschaftliche Einstellungen und Mobilisierungen in autoritären (z.B. Belarus, Russland) und demokratischen oder sich demokratisierenden Kontexten (z.B. Ukraine, Armenien, Moldau); Beziehungen zwischen Staat und Gesellschaft; soziale, politische und diskursive Netzwerke, die Regimestabilität oder -wandel fördern; unterschiedliche Typen von Diskursen, die die Legitimation eines Regimes oder die Opposition ihm gegenüber prägen (z.B. Literatur, Kirche, Geschlecht, Ressourcen, lokale vs. nationale Regierung, Minderheiten).
  • Konfliktdynamiken und Grenzregionen: Konfliktdynamiken im Hinblick auf De-Facto-Staaten und umstrittene Territorien (z.B. Transnistrien, Südossetien, Abchasien) und Grenzregionen in Osteuropa mit einem besonderen Augenmerk auf Alltagspraktiken, Vertrauensbildung zwischen den Konfliktparteien, (politischen) Identitäten, Religion, Bildung, Wahrnehmungen von Sicherheit und Unsicherheit, sowie Dynamiken entlang und über (umstrittene) Grenzen hinweg; Vertreibung in und aus der Ukraine infolge des Kriegs.
  • Migration und Diversität: Migrationsprozesse in und aus Osteuropa; die Entstehung von Diasporagemeinden und ihre sozialen, politischen und wirtschaftlichen Auswirkungen auf ihre Herkunfts- und Aufnahmeländer; Migrant*innen und ihre Nachkommen als nichtstaatliche Akteure; transnationale Netzwerke und Wertewandel; Governance migrationsbedingter Diversität; sozialer und politischer Migrant*innenaktivismus „von unten“ und seine Folgen für nationale und transnationale Formen der Zugehörigkeit.
  • Jugend und generationeller Wandel: die Rolle junger Menschen innerhalb politischer Prozesse in Osteuropa (sowohl als politische Subjekte als auch Objekte staatlicher Politik); intergenerationaler Wandel und Kontinuität im Hinblick auf soziale und politische Einstellungen in Osteuropa selbst als auch innerhalb von Gemeinschaften mit einem sowjetisch-russischen Hintergrund im Ausland; historische Erinnerung und deren Ausdruckformen unter jungen Menschen; neue Medien und ihre Bedeutung für die Identität junger Menschen.
  • Politische Ökonomie und Integration: Entwicklungspfade lokaler Sektoren, Unternehmen und Infrastrukturprojekte, und wie sie von der wirtschaftlichen (Des-)Integration in Osteuropa betroffen sind (z.B. im Kontext der europäischen Integration, der Neuen Seidenstraße (Belt-and-Road-Initiative) oder im Hinblick auf die Resilienz der russischen Wirtschaft vor dem Hintergrund westlicher Sanktionen); politische Auswirkungen wirtschaftlicher (Des-)Integration.

Thematische Schwerpunkte

Aufbauend auf den Stärken unseres ersten Forschungsprogramms (2016–2023) und im Lichte des aktuellen soziopolitischen Kontextes stehen im Zeitraum 2024–2030 drei Themen im Mittelpunkt der Forschung am ZOiS:

  1. Demokratisierung – Autokratisierung
  2. Mobilität – Immobilität
  3. Sicherheit – Unsicherheit

Jedes dieser drei Begriffspaare stellt mehr als eine simple Dichotomie dar, sondern steckt ein dynamisches Feld von Interaktionen innerhalb wechselnder struktureller Rahmenbedingungen ab. Mithilfe dieser Begriffspaare möchte das ZOiS Einsichten der Osteuropaforschung für breitere theoretische Debatten in der Demokratie- und Autoritarismusforschung, Friedens- und Konfliktforschung sowie Migrations- und Entwicklungsforschung fruchtbar machen.

Entlang der Achse Demokratisierung – Autokratisierung untersuchen wir soziale, politische und wirtschaftliche Dynamiken, die demokratische oder autokratische Entwicklungen untergraben oder begünstigen. Dazu gehören Wechselwirkungen zwischen staatlichen Institutionen und Gesellschaft auf den Ebenen lokaler, nationaler und internationaler Governance, Muster sozialer und politischer Mobilisierung, Sozialisierungseffekte staatlicher Maßnahmen, Governance der Diversität, Einstellungen gegenüber wechselnden Regimedynamiken und die politischen Auswirkungen von (Zwangs-)Migration und der (Des-)Integration von Märkten.

Der Begriff der (Im-)Mobilität bezieht sich auf Menschen, Waren und (politische) Ideen. Wir konzentrieren uns einerseits auf eine Reihe von Migrationsdynamiken und die mannigfaltigen Umstände, unter denen sich Migration vollzieht, andererseits aber auch darauf, wie der russische Angriffskrieg verschiedene Austauschs- und (Im-)Mobilitätsformen beeinflusst. Ideen zirkulieren sowohl neben als auch unabhängig von physischen Mobilitätsformen und prägen dabei Wahrnehmungen, Narrative, politisches Handeln und politische Gestaltungsprozesse. Manche Ideen können frei zirkulieren oder finden auch unter restriktiven Bedingungen gewisse Ausdrucksmöglichkeiten, anderen werden absichtlich unterdrückt.

Im Hinblick auf das Thema Sicherheit und Unsicherheit arbeitet das ZOiS mit einem umfassenden Begriff der (Un-)Sicherheit, der die politischen, wirtschaftlichen, ressourcen- und identitätsbezogenen Bedingungen miteinschließt, die für die Entwicklung der (Un-)Sicherheit für Staaten, Akteursgruppen und/oder Individuen relevant sind. Die Versicherheitlichung von Diskursen und sozialen Interaktionen ist eine wichtige Dimension dieser Dynamiken. Fragen der (Un-)Sicherheit werden also nicht nur aus einer staatszentrierten, multilateralen oder militärischen Perspektive untersucht, sondern auch aus einer alltagsweltlichen Perspektive der vernakulären Sicherheit. Russlands Krieg gegen die Ukraine führt vor Augen, wie wichtig es ist, die Wechselwirkungen zwischen verschiedenen Dimensionen der (Un-)Sicherheit zu verstehen.

Unsere empirische Forschung zur erweiterten Region Osteuropa und unsere Erfahrung bei der Vermittlung von Forschungsergebnissen versetzt uns in eine hervorragende Lage, Fragestellungen rund um Russlands Krieg gegen die Ukraine und dessen weitreichende Folgen in Angriff zu nehmen. Durch unsere abgeschlossenen, laufenden und neu hinzukommenden Projekte können wir rechtzeitige Beiträge zu akademischen Debatten liefern und auf eine wachsende Nachfrage nach Expertise in der öffentlichen Debatte sowie der nationalen und internationalen Politik reagieren. Die Auswirkungen, die der russische Krieg gegen die Ukraine in ganz Osteuropa und darüber hinaus hat, sind für alle Forschungsprojekte des ZOiS von Relevanz, ungeachtet ihres thematischen oder länderspezifischen Fokus. Unser Ziel ist es, das ZOiS als dasjenige Sozialforschungsinstitut in Deutschland zu etablieren, das sich im Zeitraum von 2024 bis 2030 am umfassendsten mit den zahlreichen politischen, wirtschaftlichen und sicherheitspolitischen Folgen des Kriegs für die Ukraine, verschiedene Staaten und nichtstaatliche Akteure in der Region, transregionale/transnationale Zusammenhänge und globale Interdependenzen auseinandersetzt. Der Krieg ist ein wichtiger Aspekt des Kontextes, in dem all unsere Projekte stehen, auch wenn er nicht den zentralen Erklärungshorizont jedes einzelnen Projekts darstellt.

Soziopolitische Relevanz, empirische Strenge und eine klare Verbindung zu unseren begrifflichen Kernthemen stellen die entscheidenden Auswahlkriterien dar, anhand derer wir uns für neue Projekte, die Fortführung oder Anpassung laufender Projekte und die Weiterentwicklung unserer bestehenden fünf Forschungsschwerpunkte entscheiden. Gleichzeitig werden wir unsere eigenen Prioritäten während der Laufzeit dieses Forschungsprogramms einer regelmäßigen Prüfung unterziehen, um auf Entwicklungen und neue Möglichkeiten, die unser Profil stärker oder erweitern könnten, zu reagieren.

Angesichts des wachsenden Bedarfs an empirischer Evidenz und begrifflichen Grundlagen für politische Gestaltungsprozesse und breitere öffentliche Debatten über politische, soziale und wirtschaftliche Entwicklungen in Osteuropa und deren umfassendere, regionale und globale Implikationen wird das ZOiS seine Bemühungen, die Vermittlung von Forschungsergebnissen zu einem integralen Bestandteil jedes Forschungsprojekts sowie der Ausbildung unserer Forscher*innen zu machen, noch weiter intensivieren.