Welche Spuren hinterlässt die WM in Kaliningrad?

ZOiS Spotlight 28/2018 von Rita Sanders (25. Juli 2018)

An das nicht fertiggestellte Haus der Räte in Kaliningrad wurde während der Fußball-Weltmeisterschaft ein FIFA-Banner gehängt. © Alexandre Matveev

Fragte man noch vor einem Jahr in Kaliningrad, dem früheren Königsberg, nach der Fußball-Weltmeisterschaft 2018 (WM), so zuckten die meisten mit den Schultern. Fußball sei hier nicht so populär und ihre Mannschaft – nun ja – die sei wohl nur deshalb dabei, weil Russland das Gastgeberland ist. Bereits ein halbes Jahr später waren die Vorbereitungen auf die WM in vollem Gange: Straßen wurden erneuert, Hotels gebaut und Fassaden umgestaltet. Viele hatten vor, noch etwas Englisch zu lernen und zogen in Erwägung, ihre Wohnung für die Zeit der WM an Fans zu vermieten. Gleichzeitig machten sich manche Gedanken darüber, ob ihre Stadt wohl den WM-Standards entsprechen könne. Erwähnt wurden in diesem Zusammenhang vor allem die Staus, das Stadion und das Haus der Räte neben der Fan-Zone. Es stellte sich heraus, dass die Staus erträglich waren und das Stadion gelobt wurde; einzig das Rätehaus bereitete Sorgen.

Ringen um das Stadtzentrum

Das Haus der Räte wurde in den 1970er Jahren unweit des kurz zuvor gesprengten Königsberger Schlosses errichtet. Es konnte nie fertig gestellt werden und erinnert so manche*n Kaliningrader*in an große Visionen und unerfüllte, mit der Sowjetzeit verbundene Hoffnungen. Andere empfinden den riesigen Brutalismus-Bau inmitten des Königsberger Stadtzentrums als sowjetische Provokation, die schon längst hätte zurückgenommen werden müssen, und nicht wenige befürworten den Wiederaufbau des ehemaligen Schlosses. Dieser ist jedoch vom Tisch, ebenso wie die Fertigstellung des Rätehauses. Stattdessen schmückten während der WM FIFA-Banner die besonders brutalen Fassadenabschnitte direkt neben der Fan-Zone.

Als gelungen hingegen empfinden viele die Umgestaltung der Lenin-Straße, die das Rätehaus mit dem ‚Platz des Sieges‘ verbindet und zum heutigen Zentrum Kaliningrads führt. Noch vor einem Jahr sah die Straße aus wie unzählige andere im postsowjetischen Raum – rechts und links säumten sogenannte Khrushevky den Weg, also einfache mehrgeschossige Häuserblocks, die unter Chruschtschow gebaut wurden. Innerhalb von nur wenigen Monaten wurden die Fassaden auf hanseatisch getrimmt, sodass böse Zungen behaupten, man befände sich in einem Danziger Disneyland. Kritik kommt dabei aus zwei unterschiedlichen Richtungen. So meinen einige, dass man nicht künstlich den alten Stil kopieren, sondern vielmehr die Bausubstanz aus Königsberger Zeit erhalten sollte. Andere hingegen finden es unpassend, dass eine der wichtigsten Straßen der Stadt nun ‚neo-germanisch‘ wirkt.

‚Germanisierung‘ von Kaliningrad

Die Debatte um die richtige Präsentation der Stadt als WM-Austragungsort war eingebunden in eine fortwährende Auseinandersetzung um die richtige historische Interpretation Kaliningrads. Grundsätzlich zeigen sich viele Besucher*innen aus dem Ausland überrascht darüber, dass das alte Königsberg in der Stadt so präsent ist. Die populärste Bäckereikette der Stadt ‚Kenigsbecker‘ wirbt in ihren Dutzenden Filialen mit großformatigen Schwarzweißfotos von Königsberg. Andererseits grassiert seit einigen Jahren der Begriff ‚Germanisierung‘ [Germanizatsiya], mit dem Politiker*innen wie Einheimische den falschen Stolz auf das Königsberger Erbe anprangern und ihre Befürchtung einer schleichenden Unterwanderung durch deutsche Einflüsse zum Ausdruck bringen. Vor diesem Hintergrund werden Institutionen mit Verbindungen nach Deutschland geschlossen und Königsberger Bauten dem Verfall preisgegeben.

Man mag sich darüber wundern, dass angesichts von Germanisierungsbefürchtungen eine Straße im Stil des alten Königsberg umgebaut wurde. Gründe dafür sind die WM sowie generell der Tourismus, der die wirtschaftlich abgeschottete Stadt in Ostseenähe mit Kapital versorgt. Besonders in den letzten Jahren erlebte Kaliningrad einen Touristen-Boom, da viele Russ*innen aufgrund der Spannungen mit dem ‚Westen‘ sowie der Abwertung des Rubels lieber im eigenen Land Urlaub machen und auch Kaliningrad etwas exotisch erscheint. So wird die Stadt auch mit der Geschichte einer anderen Stadt beworben: dem Grabmal Kants, alten Kirchen und Königsberger Festungsanlagen, und Tourist*innen aus Russland äußern sich begeistert über die europäische Atmosphäre, das Kopfsteinpflaster und die Königsberger Küche. Die im Zuge der WM-Vorbereitungen umgestaltete Lenin-Straße steigert somit sicherlich den touristischen Wert der Stadt. Was hier jedoch alle bestaunen ist mitnichten die Architektur des alten Königsberg, sondern die heutige Interpretation der Geschichte – umgesetzt von einem jungen Architekturbüro aus Moskau.

Eine Stadt voller Fans

Vielen kroatischen, belgischen und englischen Fans gefiel die Stadt und sie waren von der Gastlichkeit der Einwohner*innen überrascht. Dies brachten sie auch lautstark vor den Kameras zum Ausdruck, was wiederum die Kaliningrader*innen außerordentlich freut. Das Stadtgefühl der WM-Tage war ausgelassen, offen und versöhnlich. Für einen Augenblick trat das politische Kräftemessen in den Hintergrund und Menschen trafen aufeinander. Dass vor allem die zuvor so gefürchteten englischen Fans die Ostsee, das Bier und die russische Küche loben würden und einige sogar vorhaben wiederzukommen, lässt die ‚westliche Welt‘ in den Augen der Einheimischen freundlich werden.

Viele Kaliningrader*innen empfinden sich als von Europa abgelehnte Europäer*innen, die eine komplizierte Ost-/West-Stadtgeschichte aufarbeiten, von der kaum jemand Notiz nimmt. Es gibt offensichtlich neben all der Kritik am politischen Missbrauch von Fußballspielen auch einen Gewinn: Menschen nehmen einander wahr und fahren an Orte, die ihnen ohne dieses Großereignis nur als abstrakter Platzhalter für Verdächtigungen und Vorbehalte bekannt gewesen wären. Die Fan-Zone vor einem riesigen unvollendeten Brutalismus-Bau sowie die neuen alten Fassaden entlang der Straße von dort zum Zentrum haben eine Sehnsucht nach historischer Versöhnung, und eigener Stärke ausgedrückt und gleichzeitig Wunden erahnen lassen. 


Rita Sanders ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Ethnologie der Universität zu Köln. Ihre Forschungsinteressen umfassen Migration, soziale Netzwerke, Identität und Ethnizität, kulturelles Gedächtnis und kognitive Anthropologie. In ihrem aktuellen Forschungsprojekt befasst sie sich mit Mobilität und translokaler Verbundenheit in Russlands Exklave Kaliningrad.