Wahrnehmungen von Ungleichheit in Mittel- und Osteuropa

ZOiS Spotlight 32/2018 von Alice Lackner (26.09.2018)

Frau vor Schaufenster in Moskau, Russland. © Jack Picone / Alamy Stock Foto

In den 1990er Jahren fand in den Ländern Mittel- und Osteuropas ein massiver Wandel des Wirtschaftssystems vom Sozialismus zum Kapitalismus statt. Dieser Wandel betraf nicht nur Unternehmen, die zuvor staatlich betrieben worden waren, sondern auch die Gesellschaft. Während einige vom wirtschaftlichen Umschwung profitierten, waren andere ihm gegenüber kritischer eingestellt, da er nicht nur größere Freiheit, sondern auch größere Unsicherheit bedeutete. Diese unterschiedlichen Meinungen hingen nicht nur von den jeweils individuellen Erfahrungen mit dem Systemwandel ab, sondern auch von der Art und Weise, wie der Wandel innerhalb eines Landes vollzogen wurde. Solche länderspezifischen Unterschiede spiegeln sich möglicherweise heute noch in politischen Einstellungen der Bürger*innen wider. [1] Auch populistische Bewegungen in postsozialistischen Ländern könnten ein Resultat von negativen Erfahrungen mit dem Systemwandel sein.

Welchen Einfluss hatte der Systemwandel auf die Einstellungen zur Einkommensungleichheit der Bürger*innen? Haben sie eine Veränderung der Ungleichheit wahrgenommen, und falls ja, in welcher Weise war ihre Einstellung dazu verbunden mit dem wirtschaftlichen Wachstum eines Landes? Haben die Menschen außerdem die zunehmende Ungleichheit als fair empfunden im Gegenzug für Vorteile, die sich für sie aus dem neuen System der Marktwirtschaft ergaben?

Bisherige Forschungen haben gezeigt, dass Menschen in sozialistischen Systemen andere Ansichten bezüglich einer gerechten Einkommensverteilung haben als Menschen in kapitalistischen Ländern. Einerseits mag dabei die unterschiedliche Ideologie eine Rolle spielen, andererseits aber auch die Tendenz, diejenigen Dinge als positiv zu bewerten, die bekannt und gewohnt sind. Eines der Hauptziele in sozialistischen Systemen war die Verringerung von Einkommensungleichheit; mit dem Ende des Kalten Krieges endete jedoch auch die niedrige Einkommensungleichheit in den postsozialistischen Ländern. So stieg beispielsweise in der Slowakei die Einkommensungleichheit zwischen 1992 und 1999 um etwa 47 Prozent, in Russland um 38 Prozent und in Polen um 23 Prozent. In vielen Ländern mit historisch gewachsenem Kapitalismus stieg die Ungleichheit im gleichen Zeitraum um nicht mehr als 5 Prozent (beispielsweise in Großbritannien, in den Vereinigten Staaten und in Kanada).

Unterschiede zwischen Ost und West

Meine kürzlich durchgeführte Analyse von Daten aus den Jahren 1992 und 1999 aus acht postsozialistischen (Tschechien, Slowakei, Slowenien, Ostdeutschland, Ungarn, Polen, Russland, Bulgarien) und acht kapitalistischen Ländern und Regionen (Großbritannien, USA, Westdeutschland, Schweden, Norwegen, Australien, Kanada, Neuseeland) zeigt, dass der Unterschied im Einstellungswandel zwischen Ost und West nicht so stark war, wie man hätte vermuten können. Die Bürger*innen postsozialistischer Länder nahmen zwar in der Tat eine zunehmende Einkommensungleichheit wahr, aber das Niveau, das sie als gerecht empfanden, stieg nicht in gleicher Weise an: Postsozialistische und kapitalistische Länder unterschieden sich kaum in Bezug auf die durchschnittlich veränderte Akzeptanz von Ungleichheit zwischen 1992 und 1999.

Des Weiteren hingen die Unterschiede zwischen Ost und West nicht nur vom Maß der tatsächlich wachsenden Einkommensungleichheit ab, sondern auch von wirtschaftlichem Wachstum und Stabilität. Beispielsweise hing die steigende Inflation in den postsozialistischen Ländern mit einem geringeren Anstieg von wahrgenommener Ungleichheit sowie mit einer zunehmenden Akzeptanz von Ungleichheit zusammen; in kapitalistischen Ländern konnte kein solcher Zusammenhang gefunden werden. Zudem war in den Ländern Mittel- und Osteuropas ein stärkerer Anstieg von Arbeitslosigkeit mit einem geringeren Anstieg an akzeptierter Ungleichheit verbunden, während in westlichen Ländern kein solcher Zusammenhang zwischen diesen beiden Variablen gefunden werden konnte. In einem Aspekt allerdings konnten ähnliche Tendenzen in Ost und West festgestellt werden: Ein wachsendes Bruttoinlandsprodukt ging einher mit einem geringeren Anstieg von wahrgenommener und akzeptierter Ungleichheit. Das bedeutet, dass mit steigendem wirtschaftlichem Wachstum einerseits weniger Ungleichheit wahrgenommen, andererseits aber auch weniger Ungleichheit akzeptiert wurde – unabhängig von anderen Faktoren, wie beispielsweise der Transformation des Wirtschaftssystems in Mittel- und Osteuropa.

Die Analyse zeigt, dass in beiden Ländergruppen und in beiden Jahren der Erhebung weniger Ungleichheit akzeptiert als wahrgenommen wurde. Die Bürger*innen wünschten sich demnach eine gleichere Einkommensverteilung als sie tatsächlich erlebten – unabhängig von ihrer Kultur, vom politischen System oder von der wirtschaftlichen Situation ihres Landes.

Wunsch nach weniger Ungleichheit

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass Einstellungen zur Einkommensungleichheit nicht nur von der tatsächlichen Ungleichheit innerhalb eines Landes abhängen, sondern auch von anderen Faktoren wie wirtschaftlichem Wachstum, Stabilität und Wohlstand. Wertevorstellungen, die sich im Grad der akzeptierten Ungleichheit zeigten, erwiesen sich als weniger wandelbar als Wahrnehmungen der Ungleichheit. Dies könnte erklären, weshalb es in Osteuropa kritische Haltungen gegenüber dem Kapitalismus und westlichen Werten gibt: Da während des Systemwandels vom Sozialismus zum Kapitalismus ein wesentlich stärkerer Anstieg an Ungleichheit wahrgenommen als für fair befunden wurde, mag dies in einen negativen Zusammenhang mit dem Kapitalismus gebracht worden sein. Andererseits zeigt die Analyse, dass solche kritischen Einstellungen nicht in Stein gemeißelt sind: Einstellungen gegenüber Ungleichheit sind ein wandelbares Phänomen, das sich nicht nur zwischen Ländern unterschiedet, sondern sich auch im Laufe der Zeit verändert. Es ist zu erwarten, dass mit größerer Stabilität und stärkerem wirtschaftlichem Wachstum auch die Unterstützung der Bürger*innen gegenüber der freien Marktwirtschaft ansteigen wird.


[1] Dieser Text basiert auf der 2018 erstellten Masterarbeit Do macroeconomic changes explain changes in attitudes towards income inequality? A comparison of 16 countries during the 1990s der Autorin.


Auf der Individualebene wurden Daten des International Social Survey Programmes verwendet. Diese Studie befragte Menschen weltweit zu ihren Einstellungen zur Einkommensungleichheit in den Jahren 1992 und 1999. Außerdem wurden auf der Länderebene volkswirtschaftliche Daten – beispielsweise von der Weltbank, OECD, UNU-WIDER und statistischen Ämtern – analysiert. Diese makroökonomischen Daten wurden nicht nur für die Zeitpunkte 1992 und 1999 ausgewertet, sondern auch mit Blick auf ihren dynamischen Wandel vor 1992 und zwischen 1992 und 1999.


Alice Lackner ist wissenschaftliche Hilfskraft am ZOiS. 2018 hat sie ihr Masterstudium „Sociology – European Societies“ an der Freien Universität Berlin abgeschlossen.