Vom Leben und Sterben der russischen Blogs

ZOiS Spotlight 11/2019 von Gernot Howanitz (20.03.2019)

Leser*innen und Autor*innen, sie alle sitzen vor dem Computer und blicken auf dieselbe Webseite. © Yury Gubin / Alamy Stock Foto

Das Phänomen des Weblogs hat die Netzkultur der frühen 2000er Jahre geprägt, allerdings wurde der Zenit der Popularität bereits überschritten. Bestenfalls im übertragenen Sinne ist das Wort „Blog“ noch in aller Munde, und zwar in Form sogenannter Video-Blogs, die auf YouTube sehr beliebt sind, während geschriebene Blogs von den Klickzahlen der YouTuber*innen nur träumen können. Trotzdem ist die Beschäftigung mit Blogs aus literaturwissenschaftlicher Perspektive relevant, weil sie Rückschlüsse erlaubt, wie das Tagebuchschreiben und andere (auto-)biographische Formen durch die Neuen Medien verändert werden und welche Auswirkungen dies in weiterer Folge auf die Literatur insgesamt hat.

In der russischsprachigen Sektion des Internet (kurz: Runet) ist das traditionelle Bloggen untrennbar mit der Blog-Plattform Livejournal verknüpft, die auf Russisch liebevoll „Živoj Žurnal“ („Lebendiges Journal“) genannt wird. Livejournal erfreut sich immer noch großer Beliebtheit, auch wenn ihm die sozialen Medien wie Facebook und dessen russische Konkurrenten VK.com (Vkontakte.ru) und Odnoklassniki.ru immer stärker zusetzen. Ein erster „Todesstoß“ erfolgte im April 2017, als zwei Dinge passierten: Zum einen wurde die Blog-Plattform von amerikanischen auf russische Server übersiedelt und unterliegt seitdem der unmittelbaren Kontrolle staatlicher russischer Organe; zum anderen änderte Livejournal seine Nutzungsbestimmungen dahingehend, dass das Urheberrecht aller publizierten Texte auf die Plattform übertragen wurde. Diese zwei Änderungen führten dazu, dass viele bekannte Blogger*innen, vornehmlich Autor*innen, dem Livejournal ihren Rücken kehrten. Der russische Bestsellerautor Boris Akunin etwa schrieb am 5. April 2017: „Früher war das ŽŽ lebendig, dann wurde es halb lebendig, und jetzt ist es gestorben. Leider ist es unschön gestorben.“

Von Blogs zu Social Media

Zwar waren diese Kassandrarufe noch etwas verfrüht, zweifellos trifft aber zu, dass sich das russische literarische Leben online zunehmend von den Blogs in die sozialen Medien verlagert; dadurch, dass immer mehr alte Blogs verschwinden bzw. gelöscht werden, geht ein integraler Teil der russischen Netzkultur gerade unwiederbringlich verloren. Im Zuge meiner Dissertation habe ich die Blogs der 29 bekanntesten russischen Schriftsteller*innen untersucht und mit ihren Profilen auf Social-Media-Kanälen verglichen. Dadurch ist es möglich, wesentliche Merkmale des russischen literarischen Bloggens von 2000 bis 2017 zu rekonstruieren.

Um der großen Masse an Material gerecht werden zu können, kamen dabei quantitative Verfahren zum Einsatz, die mir geholfen haben, zentrale Themen (‚Topics‘) in den Einträgen automatisiert zu erfassen und zu kategorisieren. Mit den automatisch modellierten Topics war es dann möglich, gezielt nach interessanten, kontroversen oder in irgendeiner Form auffälligen Einträgen zu suchen, die dann einer genauen Lektüre unterzogen wurden. Dadurch konnten nicht nur generelle inhaltliche Tendenzen erfasst werden, sondern auch auf individuelle Zugänge einzelner Schriftsteller*innen.

Zunächst ist festzustellen, dass die Leser*innen von Blogeinträgen implizit annehmen, hinter den Texten verbürgen sich auf jeden Fall reale Körper, auch wenn das online nicht verifiziert werden kann. Der Körper hinter dem Bildschirm wird deshalb mitgedacht, weil die Leser*innen ihre Situation spiegeln und auf die Autor*innen projizieren. Dieses Phänomen wird gesteigert durch ein Versprechen beinahe aller Online-Plattformen, ihre Millionen von Profilen seien ‚reale‘ Menschen, keine medialen Inszenierungen von Persönlichkeit. Leser*innen auf der einen und Autor*innen auf der anderen Seite, sie alle sitzen vor dem Computer und blicken auf dieselbe Webseite, verwenden die gleichen Programme und Tools. Nicht alle können bei Ad Marginem, einem Moskauer Verlag für russische Gegenwartsliteratur, publizieren, aber ihnen steht die Möglichkeit frei, Texte im ŽŽ oder auf Facebook zu veröffentlichen. Diese Nivellierung des Statusunterschieds wird durch die Möglichkeit verstärkt, mit den Autor*innen unter dem Text, wo die Kommentare üblicherweise angezeigt werden, über den Text zu kommunizieren.

Linor Goralik und ihr virtuelles Alter Ego

Dass sich Schriftsteller*innen einerseits und das Publikum andererseits einander annähern, führt zu einer Unterwanderung etablierter Autorenbilder der russischen Literatur und des damit verbundenen sakralen Statuses. Technisches Know-how vorausgesetzt, entstehen dabei spannende neue Formen der medialen Selbstdarstellung: Die Schriftstellerin, Lyrikerin, Kulturwissenschaftlerin, Aktivistin und Programmiererin Linor Goralik zeigt beispielsweise, wie ein sich über mehrere Plattformen hinweg erstreckender Webauftritt unterschiedliche Facetten der (Selbst-)Inszenierung transportieren kann; Kontinuität wird über auf allen Plattformen präsente visuelle oder inhaltliche Elemente, beispielsweise Nicknames und Avatarbilder, geschaffen. So hat Goralik ein besonderes Faible für Hasen: Die beiden Comic-Hasen Valerij Markovič und Pc bevölkern ihre Webseite, den Hasen Pc bezeichnet Goralik gar als ihr Alter Ego und verfasst in seinem Namen einzelne Texte, etwa über die kulturelle Rolle des – erraten! – Hasen (Booknik.ru 2013). Diese an Hasen reiche (Selbst-)Inszenierung wird von den Medien aufgegriffen und weitergesponnen: In einem Interview mit der Zeitschrift Seledka werden Goralik fürs Foto Hasenohren aufgesetzt.

Diese tierischen Rollen könnten für Goralik auch einen Ausweg aus festgefahrenen Genderrollen darstellen, die gerade auch in der russischen Literatur ihr problematisches Potential entfalten. Eine (Selbst-)Inszenierung als Tier kann weder als Bestätigung noch als Ablehnung von Weiblichkeit verstanden werden. Zwar spielen Goraliks tierische Rollen mit klischeehaften Attributen der Weiblichkeit, etwa Niedlich- und Harmlosigkeit; bei genauerer Betrachtung offenbaren sich aber vielschichtige „tierische“ Persönlichkeiten, die diesen Zuschreibungen ausweichen. Goraliks auf multiple Repräsentation abzielende Strategie der (Selbst-)Inszenierung steht allerdings im Kontrast zu den Webpräsenzen vieler anderer Schriftsteller*innen, die die eingesetzten Plattformen nicht konsequent bespielen und die eingesetzten (auto-)biographischen Praktiken auch nicht auf Plattformspezifika abstimmen.

Grundsätzlich ist es heute so einfach wie nie zuvor, Texte zu publizieren. Die Herausforderung besteht eher darin, ein Publikum für diese Texte gewinnen zu können. Sind die Strategien der (Selbst-)Inszenierung erfolgreich und ermöglichen sie es Webautor*innen, ihre Texte auch als Buch zu publizieren, wirkt sich das Schreiben im Runet auf die russische Literatur offline aus. So verweist das Kurze, Anekdotenhafte, Lakonische, das die gedruckten Bücher von Linor Goralik oder anderer bloggender Autor*innen wie Evgenij Griškovec und Marta Ketro auszeichnet, auf die zum Teil bereits verloren gegangene Kunst des russischen Bloggens.


Gernot Howanitz ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Slavische Literaturen und Kulturen und am Passauer Centre for eHumanities der Universität Passau. Er hat zu (Selbst-)Inszenierungen russischer Autor*innen im Internet promoviert.