Ukrainische Migrant*innen in Polen: gekommen um zu bleiben?

ZOiS Spotlight 38/2018 von Alexander Chertenko (07.11.2018)

Auf einem Werbeplakat in Polen wird in ukrainischer Sprache um Arbeitskräfte geworben. © Sergey Gavrishkevich

Die massive Migration von Ukrainer*innen nach Polen, die schon nach 1991 begann, erreichte nach 2014 eine neue qualitative und quantitative Stufe. Eine Wirtschaftskrise, die im Sog des Donbass-Krieges 2014 in der Ukraine ausbrach, und die allumfassende Korruption haben dazu geführt, dass im Jahr 2018 ca. zwei Millionen Ukrainer*innen ihren ständigen Wohnsitz in Polen hatten. Begünstigt wurde der Zustrom der Migrant*innen durch einen recht einfachen Zugang zum polnischen Arbeitsmarkt und zu den polnischen Hochschulen. Nach wie vor bleibt Polen das einzige Land in der Europäischen Union (EU), in dem Ukrainer*innen ohne Arbeitsvisum eine Erwerbstätigkeit aufnehmen dürfen. Auch eine sprachliche und kulturelle Nähe zwischen der Ukraine und Polen spielte hier eine wichtige Rolle.

Die Politik der polnischen Regierung schwankt dabei zwischen ideologischer Ausgrenzung und pragmatischer Anwerbung. Einerseits werden die Ukrainer*innen nur zu gerne pauschal als „Bandera-Anhänger“ und somit als Nationalisten bezeichnet— eine Einstellung, die sich auch auf die neu zugezogenen Migrant*innen aus der Ukraine überträgt. Andererseits werden immer weitere Veränderungen eingeführt, um die Anstellung ukrainischer Arbeitskräfte und die Erteilung der Aufenthaltstitel an sie zu erleichtern. Dabei werden die Migrant*innen aus der Ukraine im polnischen offiziellen Diskurs nicht selten als „Flüchtlinge“ bezeichnet und als solche im Streit um die Migrantenquoten innerhalb der EU instrumentalisiert.

Schweigende Minderheit

Angesicht solcher Instrumentalisierungs- und Ausgrenzungspraktiken gewinnen die Fragen nach dem Selbstbewusstsein und den Lebenseinstellungen der ukrainischen Migrant*innen deutlich an Bedeutung. Was waren die Gründe für ihre Auswanderung? Inwieweit wirken die Diskriminierungsstrategien auf den Alltag der Migrant*innen aus der Ukraine ein? Spielt die Politik für sie eine Rolle? Wie schätzen sie selbst ihre Lage ein? Die Antworten darauf fallen umso schwerer, da die ukrainische Minderheit über wenige Vernetzungsmechanismen verfügt und sich nur selten zu Wort meldet. Sie hat keine eigene Zeitung, keine politische Vertretung, keine landesweite Gewerkschaft und nur vereinzelte, vor allem in Warschau ansässige kulturelle Organisationen.

Um sich mit diesen Fragen auseinanderzusetzen haben vier Studierende der Freien Universität Berlin im Rahmen des Projektes „Alltag in der Fremde — Ukrainische Migrant*innen in Polen“ 20 Ukrainer*innen mit verschiedenen Hintergründen und Migrationserfahrungen interviewt [1]. Obwohl diese Interviews keinen Anspruch auf soziologische Repräsentativität erheben, lassen sie hinter dem stereotypen Migrantenbild eine komplexe Realität erkennen.

Ein vielschichtiges Bild

Diese Komplexität ist schon in den Motivationen der Befragten sichtbar. Obwohl die nicht gerade erfreuliche materielle Lage im Heimatland in den Interviews als zentraler Auswanderungsgrund genannt wird, wird sie zumeist nur in Kombination mit anderen Faktoren nicht-ökonomischer Natur wirksam, etwa mit einer Enttäuschung über die Ergebnisse des Euromaidan, dem Wunsch, in einem „Land mit Regeln“ zu leben, oder auch dem Streben nach einer im breitesten Sinne verstandenen „Europäizität“. Das Kriegsgeschehen in der Ukraine wird hierbei als ein eher unbedeutender Faktor dargestellt. Nur eine Gesprächspartnerin, die aus Donezk stammte, hat ihn als Migrationsgrund erwähnt.

Nicht weniger vielschichtig ist auch das von Migrant*innen entworfene Polenbild. Für viele stellt Polen eine Art „ideale Ukraine“ dar, auch wenn die Polen selbst dabei überwiegend als „Fremde“ empfunden werden. Zugleich verbinden sich bei einigen Befragten die Vorstellungen von der polnischen „Stabilität“ mit dem Idealbild der sozialen Sicherheit sowjetischer Art, so dass Polen als Fortsetzung der Sowjetunion der Ukraine von heute entgegengehalten wird. Erstaunlicherweise wird dem Polenbild äußerst selten eine nur rudimentäre politische Dimension zugeschrieben. Es hat sich herausgestellt, dass nur wenige Migrant*innen, die nicht im kulturellen oder Medienbereich tätig sind, den Namen der polnischen regierenden Partei oder des polnischen Ministerpräsidenten nennen können oder eine Vorstellung von der Politik der polnischen Regierung haben. Manche preisen sogar eine betont apolitische Haltung als Zeichen der „Fortschrittlichkeit“ und der Integration in die polnische Gesellschaft.

Am interessantesten erwies sich aber die Art und Weise, wie die ukrainischen Migrant*innen ihre Erfahrungen mit Ausgrenzung und Diskriminierung aufarbeiten. Eine wirtschaftliche und vor allem eine ethnisch-nationale Diskriminierung wird zwar in vielen Fällen wahrgenommen, aber nur von wenigen als solche erkannt. Um die eigene Position in der fremden Gesellschaft zu normalisieren und die erfolgreiche Integration zu betonen, wird die Schuld an der Diskriminierung öfter den Landsleuten zugewiesen, oder die Diskriminierung selbst wird als eine „normale“ Vorgehensweise interpretiert, die auch im Heimatland angesagt wäre. Von keinem der Interviewpartner*innen wurde der Versuch unternommen, den Diskriminierungen aller Art durch Konsolidierung der ukrainischen Gemeinschaft vor Ort entgegenzuwirken. Stattdessen wird eine Benachteiligung von den Migrant*innen oft als Anlass interpretiert, ihre Anpassungsbemühungen zu intensivieren. Die meisten Befragten bezeichnen sich dazu noch als Konsument*innen vor allem ukrainischer Medien. Damit gaben sie auch zu, dass sie sich mit den Ereignissen in ihrem Heimatland immer noch besser auskennen als mit der aktuellen Situation in Polen.

Integration oder Ghettodasein?


Die Interviewergebnisse machen auf einige bislang wenig sichtbare Problematiken der ukrainischen Massenmigration nach Polen aufmerksam. Erstens gehen die Einflüsse des ukrainischen Hintergrunds der Migrant*innen offensichtlich weit über die wirtschaftlichen und sozialen Sachverhalte im Ursprungsland hinaus. Da dieser soziokulturellen und Identitätsspezifik auf staatspolitischer Ebene kaum Rechnung getragen wird und die Zuwander*innen selbst jede politische Einmischung größtenteils ausschließen, bleiben sie von innerpolnischen Angelegenheiten weitestgehend abgeschottet. Zweitens zeugt die Kluft zwischen dem faktischen Integrationsgrad der Migrant*innen und ihren idealisierten Vorstellungen davon von einer grundsätzlichen Verunsicherung. Diese bleibt in der polnischen Gesellschaft und in den Medien ebenso unberücksichtigt oder wird sogar zum Nährboden für stereotype Fremdzuschreibungen. Darin birgt sich drittens eine akute Gefahr, dass sich die immer zahlreicher werdende ukrainische Minderheit in Polen zu einer Parallelgesellschaft entwickelt, deren Vertretern — wie eine Interviewpartnerin bereits befürchtete — vor allem unqualifizierte Arbeit zuteilwird. Damit diese Gefahr nicht zur Wirklichkeit wird, sollte eine Integrationspolitik geschaffen werden, in deren Rahmen die ukrainischen Migrant*innen weniger als (provisorische) Arbeitskräfte, vielmehr als Menschen angesehen werden, die gekommen sind, um zu bleiben.


[1] Die Fotoausstellung, die einige Ergebnisse des Projekts zusammenbringt, ist im Café ostPost Berlin noch zu sehen.


Alexander Chertenko ist promovierter Literaturwissenschaftler. Seine Forschungsinteressen umfassen die Literatur zum Krieg im Donbass, Menschenexperimente in der Literatur und Geschichtsdiskurse in der Gegenwartsliteratur Deutschlands. Derzeit studiert er Osteuropastudien an der Freien Universität Berlin.