Ukraine: Migrationsströme im Wandel

ZOiS Spotlight 13/2018 von Olga Gulina und Oleksii Pozniak (11.04.2018)

Der Ukrainer Dmytro Pidhorny ist Geschäftsführer eines Bauunternehmens in Warschau. © Paul Henschel, n-ost

Migration ist in der modernen Ukraine eine Realität und eine ernsthafte Herausforderung für die Zukunft des Landes. Nach Angaben der Internationalen Organisation für Migration (IOM) wird der Bevölkerungsrückgang in der Ukraine bis zum Jahr 2050 mit einem Ausmaß von 32,9 Mio. Menschen dramatisch aussehen (-9,9 Mio. im Jahr 2016), die Anzahl der Einwohner*innen im Alter von über 60 Jahren wird 50 Prozent übersteigen. Damit büßt die Ukraine in quantitativer und qualitativer Hinsicht erheblich an humanem Kapital ein.

Schon heute stellen die Instabilität der politischen und wirtschaftlichen Situation, die Abwanderung der qualifizierten Arbeitskräfte, insbesondere aus dem Bildungsbereich, sowie der Abbau von Bildungsqualität und Berufsausbildung die Ukraine vor ernsthafte Herausforderungen. Dennoch sind diese Probleme und ihre potentiellen Folgen bisher nicht Teil einer seriösen gesellschaftlichen, politischen und akademischen Diskussion im Land.

Die politischen, wirtschaftlichen und sozialen Erschütterungen nach dem Zerfall der UdSSR im Jahr 1991 drängten viele Ukrainer*innen in die Migration. In den letzten Jahren lassen sich Änderungen in der Entwicklung, der Geographie, der Qualität und Quantität der Migrationsströme aus der Ukraine verzeichnen: Bis 2014 determinierte die sozioökonomische Situation im Land zum größten Teil die Migrationsstrategien der Ukrainer*innen, nach 2014 waren es die politische und wirtschaftliche Instabilität und die ausgerufene totale Mobilisierung infolge des militärischen Konfliktes in der Ostukraine.

Migration im Wandel

Die moderne Ukraine wird als „das neue Mexiko Europas“ bezeichnet, weil sie als Lieferantin billiger Arbeitskräfte in die EU-Länder gilt. Ihre Bürger*innen aus den östlichen Regionen des Landes nennt man „vergessene Flüchtlinge“ Europas. Die Migrationsströme aus der Ukraine waren schon immer unregelmäßig und geographisch uneinheitlich – in den Osten (überwiegend nach Russland) oder in den Westen (überwiegend nach Polen). Im Laufe der Jahrzehnte traten vor allem die westlichen Gebiete der Ukraine als Quelle von Arbeitskräften für den Osten und den Westen auf, eher unbedeutend waren dagegen die Regionen der Ostukraine. 2014 kam es zu einem Umbruch in dieser Entwicklung. So stammten bis 2013 93,7 Prozent der ukrainischen Migrant*innen in Polen aus der Westukraine und nur 6,3 Prozent aus der östlichen Ukraine. Nach 2014 änderte sich der Migrationscharakter erheblich. Von den ukrainischen Migrant*innen in Polen waren nun 28,4 Prozent aus der östlichen Ukraine und 71,6 Prozent aus der westlichen Ukraine. Die Einwohner*innen aus den Gebieten Rivnevskaja, Vinnytskaja, Kirovogradskaja, Ivano-Frankovskaja, Poltavskaja Gebieten sowie aus den östlichen Lugansk and Donetsk Regionen zeigen eine größere Bereitschaft zur Auswanderung.

Nach Angaben einer soziologischen Umfrage von 2017 sind 29,1 Prozent der Ukrainer*innen an einem Umzug ins Ausland zur Jobsuche oder zum Studium interessiert. Dabei sind 53 Prozent von denen, die bereits über Arbeitserfahrungen im Ausland verfügen, bereit dies zu wiederholen, 43 Prozent dagegen möchten kein solches Migrationsszenario erleben. 52 Prozent der Befragten im Alter von 18 bis 25 Jahren sind bereit, die Ukraine zu verlassen, unter den Personen im Alter von 26 bis 35 Jahren sind es 42 Prozent und noch 33 Prozent unter den Befragten im Alter von 36 bis 45 Jahren. Unter den Befragten von 46 bis 55 Jahren würden 23 Prozent, von 56 bis 65 Jahren nur noch 14 Prozent und in der Altersgruppe über 65 Jahre weniger als 9 Prozent das Land verlassen. Unter den potentiellen Migrant*innen, die überwiegend Männer sind, verfügen 85 Prozent über die Grundschulbildung, 69 Prozent über die Mittelschulbildung, 65 Prozent über die Fachschulbildung und 57 Prozent über den Hochschulabschluss.

Das humane Kapital der Ukraine war und ist einer der erfolgreichsten Exportartikel des Landes. Heute ist es offensichtlich, dass es die Ereignisse von 2014 waren, die zum Ausgangspunkt für Veränderungen bei den Migrationsströmen im Staatsgebiet des Landes geworden sind. Aktuell sind drei Migrationsszenarien möglich, auf die die Ukraine sich einstellen muss.

Drei Migrationsszenarien für die Ukraine

Szenario 1 ist ein realistisches und pragmatisches „Status-Quo-Szenario“. Es erfordert, dass die Parameter der sozio-ökonomischen Entwicklung der Ukraine auf dem Niveau von 2015-2016 bleiben, die politische Situation stabil ist und der Staat eine Politik zur Rückkehr der Auswanderer im Sinne des Gesetzes der Ukraine „Über die auswärtige Arbeitsmigration“ betreibt[1]. Dieses Szenario ist durch die folgenden Merkmale gekennzeichnet: Die Abwanderung des humanen Kapitals aus dem Land verstärkt sich in kurzfristiger Perspektive. Das Kontingent der kurzfristigen Arbeitsmigration wird durch neue Gesichter aufgefrischt, die sich bisher in der Arbeitsmigration nicht beteiligten. Die Anzahl der Binnenflüchtlinge, die bei den nachgeordneten Behörden des ukrainischen Ministeriums für Sozialpolitik angemeldet sind, wird abgebaut. Die Migrationsströme werden weiter vom Osten nach dem Westen umorientiert und die Bildungs- und Arbeitsmigration aus der Ukraine zielt auf einen erweiterten geographischen Raum.

Szenario 2 ist ein kritischer „Migrationslimbus“. Es wird zur Realität, wenn die Parameter der sozial-ökonomischen und politischen Entwicklung in der Ukraine sich verschlechtern; wenn die Beziehungen zwischen Russland und der Ukraine keine positiven Veränderungen aufweisen und der Staat keine Maßnahmen zur Rückkehr der Arbeitsmigrant*innen aus dem Ausland unternimmt. Dieses Szenario zeichnet sich durch die folgenden Merkmale aus: Die provisorische Arbeitsmigration wird zu einer nicht umkehrbaren Form, wobei sich ein bedeutender Teil der Kurzzeit-Migrant*innen in Langzeit-Migrant*innen umwandelt. Es erfolgt eine verstärkte Abwanderung von hochqualifizierten Fachkräften aus der Ukraine; die Anzahl der Binnenflüchtlinge, die bei den nachgeordneten Behörden des ukrainischen Ministeriums für Sozialpolitik angemeldet sind, bleibt unverändert; gleichzeitig verringert sich die Anzahl der Personen, die zum Arbeiten nach Russland auswandern. Schließlich erweitert sich die Bildungs- und Arbeitsmigration aus der Ukraine auf einen größeren geographischen Raum.

Szenario 3 stellt ein optimistisches „Best-Case-Szenario“ dar. Hierbei stabilisiert sich die sozial-ökonomische und politische Situation in der Ukraine, das Einkommen der Bevölkerung nimmt zu, die bevollmächtigten Behörden des Landes betreiben eine aktive Politik zur Remigration der Auswanderer in die Ukraine. Dieses Szenario ist durch die folgenden Merkmale charakterisiert: Während die Dimension der langfristigen Arbeitsmigration beibehalten wird, erfolgt ein Abbau der Dimension der provisorischen Arbeitsmigration. Es kommt zu einer Umorientierung der Migrant*innen auf den Binnenarbeitsmarkt des Landes. Die Anzahl der Binnenflüchtlinge, die bei den nachgeordneten Behörden des ukrainischen Ministeriums für Sozialpolitik angemeldet sind, geht erheblich zurück. Es kommt zu einer Repatriierung der Migranten, die bisher in die Russische Föderation aus den Kampfgebieten im Osten der Ukraine auswanderten sowie zu einer teilweisen und allmählichen Rückkehr eines Teils der Langzeit-Migrant*innen. Der geographische Raum der Bildungs- und Arbeitsmigration aus der Ukraine verengt sich.

Die Umsetzung jedes der drei beschriebenen Szenarien – „Status-quo-Szenario“, „Migrationslimbus“ oder „Best-Case-Szenario“ – hängt von der Situation innerhalb der Ukraine und nicht von den Entwicklungen außerhalb des Landes ab. Entscheidend ist, wie das Land mit der gegenwärtigen politischen und wirtschaftlichen Lage umgeht, wie es die Abwanderung qualifizierter Arbeitskräfte und den Abbau der Bildungs- und Ausbildungsqualität in kommenden Jahren bekämpft und wie ernst die Eliten des Landes diese Herausforderungen nehmen.


[1] Das Gesetz „Über die auswärtige Arbeitsmigration“ vom 1. Januar 2016 erwähnt die Verpflichtungen des Staates zur Rückkehr der Arbeitsmigrant*innen. Leider hat das Gesetz einen deklarativen Charakter und sieht keine realen Maßnahmen zur deren Rückkehr und Reintegration vor. Heutzutage fehlt der Ukraine eine ausgearbeitete Rückkehrpolitik als Teil der Migrationspolitik. Zurzeit erfolgt die Unterstützung der Rückkehrenden ausschließlich durch die nicht staatlichen und kirchlichen Organisationen.


Olga Gulina ist Gründerin und Geschäftsführerin des Institute on Migration Policy (RUSMPI) in Berlin.

Oleksii Pozniak leitet den Bereich Migrationsstudien am Ptoukha Institute for Demography and Social Studies der Nationalen Akademie der Wissenschaften der Ukraine in Kiew.