Tag des Sieges: Gegenwart und Zukunft des Gedenkens

ZOiS Spotlight 18/2019 von Mischa Gabowitsch (08.05.2019)

Gedenkmarsch des „Unsterblichen Regiments“ in Tambow, Russland. © ZUMA Press, Inc. / Alamy Stock Foto

Den 9. Mai dieses Jahres werden wieder Millionen Menschen als Tag des Sieges begehen, genauer: als Tag des Sieges der Sowjetunion über Hitlerdeutschland. Die Feiern in diesem Jahr sind einerseits Probedurchlauf für die Festivitäten zum 75. Jubiläum des Kriegsendes im kommenden Jahr, die wahrscheinlich die aufwendigsten in der Geschichte des Fests sein werden. Andererseits ist der Tag des Sieges schon jetzt mit ziemlicher Sicherheit der weltweit am breitesten zelebrierte militärische Gedenktag.

Im Vorfeld des 9. Mai dominiert die Erinnerung an den sowjetischen Sieg nach etabliertem Muster das öffentliche Leben in Russland. Auch die journalistische Berichterstattung zu dem Fest lässt sich vorhersehen. Im Westen werden sich die Reportagen auf zentrale Szenen wie die Militärparade auf dem Roten Platz konzentrieren. Daneben wird von Schlüsselereignissen des Kriegs die Rede sein, etwa den Schlachten von Stalingrad und Berlin sowie der Belagerung Leningrads, aber auch der heutigen Erinnerung daran. Viele Zeitungen werden die wichtige Rolle der Kriegserinnerung für Russlands nationale Identität zur Sprache bringen und die Manipulation dieser Erinnerung durch das politische Regime ansprechen. In russischen Online-Medien werden liberale Autor*innen die in ihren Augen bizarren Auswüchse der Feierlichkeiten anprangern: falsche Veteranen, Kinder in Uniformen der Roten Armee, Gedenksymbole als Werbung für Striplokale oder Wodkamarken. Aus Sicht solcher Autor*innen ist die Popularität einer triumphalen Erzählung über den Zweiten Weltkrieg Folge einer Gehirnwäsche (sowie Strafandrohung), daher die Unfähigkeit, die Opfer zu betrauern und sich mit den Verbrechen des sowjetischen Regimes auseinanderzusetzen, daher die anhaltende Aggression gegenüber Nachbarstaaten. Konservative Kommentator*innen – mit weitaus größerer Reichweite – werden solche Anklagen erzürnt zurückweisen und die Liberalen als Verräter*innen darstellen, die das Andenken an das monumentalste Ereignis der Weltgeschichte verzerren und entweihen möchten.

Der Tag des Sieges innerhalb und außerhalb Russlands

Wie in den Vorjahren werden viele wichtige Aspekte des Kriegsgedenkens in solchen Debatten über Manipulation und Nationalstolz untergehen. Zunächst einmal ist der Tag des Sieges viel mehr als eine Parade. In praktisch jeder Stadt und jedem Dorf in Russland finden an diesem Tag Feiern statt, zumeist an den allerorts vorhandenen Kriegsdenkmälern und von staatlichen Institutionen geplant oder zumindest genehmigt. Die konkreten Organisator*innen vor Ort sind aber häufig in freiwilligen Suchtrupps zur Bergung Gefallener, historischen Reenactment-Gruppen, Heimatkunde- und weiteren Gedenkvereinigungen aktiv. Von Kritiker*innen als Fußsoldaten des Regimes verschmäht und vom Staat für sein eigenes patriotisches Narrativ vereinnahmt, legen diese Gruppen in Wirklichkeit eine beeindruckende Vielfalt an den Tag. Das Spektrum reicht von Organisationen, die vollständig in den Staatsapparat integriert sind, bis hin zu Initiativen, die trotz Patriotismus in Konflikte mit dem Staat geraten.

Gerade die Allgegenwärtigkeit des Kriegsgedenkens in Russland führt dazu, dass heutige Konflikte – von Russlands militärischen Interventionen im Ausland bis hin zur gesellschaftlichen Rangfolge in abgelegenen Dörfern – in Form von Verweisen auf den Krieg artikuliert werden. Zudem ist auch Russlands Staat nicht monolithisch: Staatliche Initiativen können von allgemeinpatriotischen Events über die Zelebrierung militärischer Traditionen bis zum Holocaust-Gedenken alles Mögliche umfassen.

Vielen ist zudem nicht bewusst, wie breit der Tag des Sieges inzwischen außerhalb Russlands begangen wird, sowohl in den ehemaligen Sowjetrepubliken als auch in Berlin, Tel Aviv oder Seattle. Kritiker*innen tun diese Feiern oft als inszenierten Ausdruck einer prorussischen Haltung ab, während Vertreter*innen von Russlands Behörden sie als gesunden Ausdruck aufrichtiger Dankbarkeit begrüßen. Beide Reaktionen verkennen die vielfältigen Motivationen der Teilnehmenden vor Ort, zu denen in erster Linie, aber keineswegs ausschließlich Russischsprachige gehören, die durch die Auflösung der Sowjetunion oder durch Emigration zur Diaspora wurden.

In allen postsowjetischen Staaten bis auf das Baltikum bleibt der Tag des Sieges offizieller Feiertag, wenn auch mit jeweils unterschiedlichem Status. Mit der Wiederherstellung religiöser Feste und der Einführung neuer Gedenktage, die auf die jeweilige Nationalgeschichte verweisen, hat der 9. Mai in vielen Ländern seine Bedeutung als Höhepunkt des Jahreszyklus eingebüßt. Dennoch bleibt er in der gesamten ehemaligen UdSSR bedeutsam. Selbst in der Ukraine sprachen in einer Erhebung aus dem Jahr 2017 82 Prozent der Befragten ihm eine “hohe symbolische Bedeutung” zu – trotz Versuchen, im Zuge einer Entsowjetisierung den 8. Mai als neuen, europäisierten Gedenktag zu verankern. Mancherorts hat der Tag eine neue Bezeichnung, und fast überall kommen eigene Gedenksymbole zum Einsatz, zuweilen bewusst als Gegengewicht zum schwarz-orangen Georgsbändchen eingeführt, das als Wahrzeichen einer russischen Einflussnahme gesehen wird. Zwar findet der gemeinsame sowjetische Kriegseinsatz stets Erwähnung, im Vordergrund stehen jedoch die Helden der jeweils eigenen Nation. Auch dies ist weitaus mehr als bloß staatlich verordnete Politik. So schuf der kasachische Politikwissenschaftler Kasbek Bejsebajew im Jahr 2012 eine Facebook-Gruppe, deren Mitglieder Fotos und Geschichten über die Kriegsteilnahme ihrer Großeltern posten konnten; drei Jahre später wurde das Ergebnis in Buchform veröffentlicht.

Geschichten über Großeltern

Generell ist das Interesse an der eigenen Familiengeschichte in den letzten Jahren ein prägendes Merkmal vieler Gedenkaktivitäten um den Tag des Sieges. Die meisten Veranstalter*innen vor Ort sind Vertreter*innen der Enkelgeneration, und wie auch in anderen Weltgegenden interessieren sie sich oft mehr für die Erzählungen ihrer (zumeist inzwischen verstorbenen) Großeltern als ihre Eltern dies taten. Jenseits der öffentlichen Feierlichkeiten ist der Tag des Sieges seit langem Anlass für Familientreffen, bei denen verschiedene Generationen im privaten Kreis zusammenkommen. In den letzten Jahren sind öffentliche Aktivitäten hinzugekommen. Seit dem Ende der Sowjetunion können Angehörige dank der neuen Reisefreiheit Orte besuchen, an denen ihre Verwandten kämpften und starben. Das Internet ermöglicht den Austausch von Geschichten, und eine riesige Datenbank stellt im Auftrag von Russlands Verteidigungsministerium vormals unzugängliche Archivdaten über gefallene oder vermisste Soldaten ins Netz. Im Ergebnis durchläuft das postsowjetische Gedenken, ähnlich wie in anderen Ländern, einen Transformationsprozess – die Individualisierung in Form von langen Namenslisten wird durch eine Personalisierung abgelöst, bei der persönliche Geschichten den Einzelnen aufleben lassen.

Eindrucksvollster Ausdruck dieser Tendenz ist das Unsterbliche Regiment, im Jahr 2012 von einer Gruppe liberaler Tomsker Fernsehjournalist*innen gegründet, die einem zu staatszentrierten Kriegsgedenken kritisch gegenüberstanden. Es handelt sich um eine dezentrale Initiative, die am 9. Mai Gedenkmärsche mit Porträts von Kriegsteilnehmern aus der eigenen Familie organisiert und daneben eine Webseite betreibt, auf der deren Geschichten erzählt werden. Hunderttausende Teilnehmende und Ableger von Oslo bis Sydney machen das Unsterbliche Regiment zur wahrscheinlich größten sozialen Bewegung in der postsowjetischen Welt. Trotz staatlichen Vereinnahmungsversuchen in Russland, wo der Staat eine alternative, zentral organisierte Bewegung mit ähnlichem Namen unterstützt, bleibt das Unsterbliche Regiment vielerorts eine ehrenamtliche Initiative. Zuletzt versuchten die beiden Bewegungen, eine Versöhnung herbeizuführen.

Die Zukunft des Siegestags

Was wird nach dem unvermeidlichen Crescendo im Jahr 2020 aus dem Siegestag? Angesichts der erheblichen symbolischen Ressourcen, die der russländische Staat in das Kriegsgedenken investiert, gehen viele davon aus, dass dieser Tag – zumindest in Russland – seine derzeitige Bedeutung auf unbestimmte Zeit behalten wird. Doch war der Tag des Sieges nie eine reine staatlich verordnete Veranstaltung. Als Legitimationsquelle und patriotische Inszenierung funktioniert er nur, solange genügend Menschen teilnehmen und gewillt sind, ihren Stolz auf den Sieg der UdSSR im Krieg mit Unterstützung für das offizielle Russland gleichzusetzen – was für viele bereits nicht mehr der Fall ist.


Mischa Gabowitsch, Historiker und Soziologe, ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Einstein Forum in Potsdam. Er war Co-Leiter zweier internationaler Forschungsprojekte zur Ethnographie des postsowjetischen Siegestag und schreibt derzeit eine Geschichte der sowjetischen Kriegsdenkmäler sowie ein Buch über den Tag des Sieges.