Swetlana Alexijewitsch und die Nostalgie

ZOiS Spotlight 20/2018 von Anja Tippner (30.05.2018)

Swetlana Alexijewitsch. © Jeff Morgan 03 / Alamy Stock Foto.

In den Jahren zwischen 1991 und 2012 hat Swetlana Alexijewitsch hunderte von Interviews geführt, Gespräche notiert und Passanten auf der Straße gelauscht. Aus diesen Gesprächen hört sie vor allem Verzweiflung über den Untergang der Sowjetunion, Trauer über den Verlust alter Gewissheiten und Sehnsucht nach der Vergangenheit. Zu Wort kommen Menschen, die sich als „Sowjetmenschen“ bezeichnen und von der Autorin auch so präsentiert werden. Sie schreibt: „Ich habe nach Menschen gesucht, die fest mit der Idee verwachsen waren, sie so in sich aufgenommen hatten, dass sie sie nicht mehr auslöschen konnten – der Staat war ihr Universum geworden, er ersetzte ihnen alles, sogar das eigene Leben.“  Auch wenn manche der Befragten über eine außergewöhnliche Lebensgeschichte verfügen, etwa, weil sie einen inhaftierten Mörder heiraten, durch Schwindler aus ihrer Wohnung vertrieben werden oder aufgrund von Pogromen ihre Heimat verlassen müssen, immer geht es darum, dass es sich um „Menschen aus dem Sozialismus“ handelt. Alexijewitsch nimmt sich davon nicht aus, sie bezeichnet sich selbst als „Beteiligte“ und hält fest: sie sind ich.

Zeitdiagnose und nostalgisches Erinnern

Aus den vielen Zeugnissen, die sie gesammelt hat, spricht vor allem eine große Nostalgie.  Nicht immer wird ganz deutlich, ob es sich hier wirklich um eine Sehnsucht nach dem Sozialismus handelt oder ob es nicht viel mehr um Nostalgien nach alter Größe, ein nationales Sentiment oder Unzufriedenheit mit der Gegenwart handelt. Immer jedoch kommt der Wunsch nach einer Rückkehr in eine als besser empfundene Welt zum Ausdruck. Dass Alexijewitschs Buch durchaus den Puls der Zeit genommen hat, zeigt sich, wenn man sie mit Umfragen des Lewada-Instituts vergleicht, die zu ähnlichen Ergebnissen kommen. Auch hier findet sich die Sehnsucht nach den vergangenen Zeiten und der verlorenen Bedeutung, wenn auch nicht mit so viel Pathos, so elegisch und prägnant formuliert wie in Secondhand-Zeit. Viele der Zeitzeug*innen, die Alexijewitsch befragt, haben durch den Zerfall der Sowjetunion Freiheiten gewonnen: Sie können reisen, haben Zugang zu Literatur erhalten, der ihnen vorher verwehrt war, sie können ihre Meinung äußern, ohne sich Sorgen über die Folgen zu machen, Firmen gründen, Besitz erwerben, neue Waren kaufen. Zugleich ist ihr Leben unsicherer geworden. Arbeitslosigkeit, sozialer Abstieg, aber auch militärische Konflikte und der Verlust vertrauter Gewissheiten und Lebensformen gehören ebenso zum postsozialistischen Alltag der 1990er Jahre wie die Enttäuschung über die Veränderungen, die die politische Transformation mit sich gebracht hat. Alexijewitschs Zeitzeug*innen erinnern sich an Paraden und Feiertage, an Spielzeug und Lebensmittel, an Konzerte und die erste Liebe. In vielen Stimmen bringt sie die Überzeugung zum Ausdruck, dass die kleinen Freuden – das Eis im Sommer, der Kinobesuch am Wochenende, der duftende Flieder – oft viel größer waren als das, was der heutige Konsum vermittelt. Diese Einschätzungen fügen sich in eine Konsumkritik ein, die noch vor Beginn der Perestroika zu kursieren begann und die sich seither nur verstärkt hat und anti-westliche Untertöne gewinnt. Man könnte nun meinen, dass Alexijewitsch ausschließlich die Verlierer*innen der Transformation zu Wort kommen lässt; jene, die nicht über die Mittel verfügen, um an der Warenwelt teilzuhaben, aber dem ist nicht so. Gleichwohl überwiegen die Stimmen derjenigen, die durch den gesellschaftlichen Wandel und den Zusammenbruch der Sowjetunion Einbußen im Hinblick auf Status, Einkommen und Sicherheit zu verzeichnen hatten.

Back to the USSR?

In der Retrospektive verblassen alte Ängste und Schwierigkeiten, und neue Probleme treten schärfer vor Augen. Nicht wenige der Menschen, die in Alexijewitschs Buch zu Wort kommen, haben gute Erinnerungen an schlechte Zeiten und nehmen die sowjetische Warenästhetik nicht als Armut, sondern als Lebensphilosophie wahr.  Der Tenor der Zeitzeug*innen ist: Wir waren arm, aber glücklich. Je größer die Desillusionierung über die Gegenwart, desto leuchtender wird die Erinnerung, und der Wunsch, in die Sowjetunion zurückzukehren, wird immer mächtiger. Doch was bedeuten die hier zur Schau gestellten Gefühle von Enttäuschung, von Verlust und Nostalgie für die Leserschaft? Was sagen sie uns über die Stimmungen, Einschätzungen des homo post-sovieticus? An dieser Stelle muss nicht nur die Frage nach der Verlässlichkeit von Alexijewitschs Text im Hinblick auf die Wiedergabe der Gespräche gestellt werden, sondern auch die selten diskutierte Frage nach der Verlässlichkeit ihrer Zeitzeug*innen in Bezug auf ihre Erinnerungen. Stärker noch als in den frühen Texten führt die Amalgamierung von Zeugenrede und narrativer Präsentation, von Fakt und Fiktion, von imaginären und realen Ereignissen zu einer ontologischen Unsicherheit im Hinblick auf den Status des Gesagten. Nostalgie ist eine paradoxe Operation. Dies macht ein Zeitzeuge deutlich, wenn er sagt: „Für uns gibt es nur einen Ausweg – zurück zum Sozialismus, aber zu einem rechtgläubigen Sozialismus.“ Die Vorstellung, die hier zum Ausdruck kommt ist, dass man durch eine paradoxe Operation – die Rückkehr in die Vergangenheit – auch die Zukunft und mit ihr die nationale Größe wiedergewinnen könnte. Secondhand-Zeit wirft ein Schlaglicht darauf, wie das Leben auf den Trümmern des Sozialismus aussieht, was geschieht, wenn der Glaube an die Zukunft verloren geht, und in den Worten Zygmunt Baumanns die „verlorene/geraubte/[…] jedenfalls untote Vergangenheit“ [1] neue alte Visionen hervorbringt.


[1] Bauman, Zygmunt. Retrotopia. Frankfurt a.M.: Suhrkamp, 2017, 13.

Anja Tippner ist Professorin für Slavistische Literaturwissenschaft an der Universität Hamburg. Kürzlich hat sie mit Manfred Sapper und Volker Weichsel unter dem Titel „Nackte Seelen. Svetlana Aleksievič und der ‚Rote Mensch‘“ ein Themenheft der Zeitschrift Osteuropa herausgegeben.


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