Studium als Politikum: Russlanddeutsche, Identität und Geopolitik

ZOiS Spotlight 30/2018 von Manuel Rommel (12.09.2018)

Studierende der Universität Potsdam. © Universität Potsdam / K. Fritze

Innerhalb slavistischer Studiengänge in Deutschland ist ein hoher Anteil an postsowjetischen Migrant*innen – vor allem Russlanddeutsche und jüdische Kontingentflüchtlinge – keine Seltenheit. Doch warum entscheiden sich junge Menschen mit Wurzeln im postsowjetischen Raum für ein Studium der Slavistik? An dieser Frage entzünden sich weitreichende Diskurse um transnationale Räume, hybride oder multiple Identitäten und die jeweils individuelle Migrations- oder auch Familiengeschichte.[1]

Das zeigte sich in Interviews mit sechs Studierenden der Universität Potsdam. Seit 2010 wird dort der internationale Bachelorstudiengang „Interdisziplinäre Russlandstudien“ (IRS) angeboten, der Politik-, Verwaltungs- und Wirtschaftswissenschaften sowie slavische Literatur-, Kultur- und Sprachwissenschaft umfasst. Eine Besonderheit stellen zwei Auslandssemester dar, die obligatorisch in Russland oder einem anderen russischsprachigen Land absolviert werden. Damit entscheiden sich diese jungen Menschen bewusst, sich intensiv mit ihrem Herkunftsraum auseinanderzusetzen. Auch in Potsdam ist der Anteil an Studierenden mit postsowjetischem Migrationshintergrund hoch: Er liegt relativ konstant bei etwa 50 Prozent, wobei Russlanddeutsche die größte Gruppe bilden. Besonders die Angehörigen der zweiten Migrantengeneration gehören zu den Bildungsgewinnern der letzten Jahre: Immer mehr Russlanddeutsche absolvieren das Abitur und entscheiden sich für ein Hochschulstudium. Die Befragungen der Studierenden nach ihrer Studienwahl zeigten, dass auch geopolitische Ereignisse und Narrative ihre Identitätsaushandlung und biographische Orientierung beeinflussen.

Russlanddeutsche zwischen den Fronten?

Ein Thema, das besonders in Bezug auf Russlanddeutsche aber auch Migrant*innen im Allgemeinen immer wieder artikuliert wird, ist das der gefühlten doppelten Zugehörigkeit („multiple Identitäten“) oder auch das Gefühl, weder der Herkunfts- noch der Aufnahmegesellschaft vollwertig anzugehören. Einen solchen Identitätskonflikt brachte in den Interviews zum Beispiel Dimitrij [2] zum Ausdruck:

Ich kann mich erinnern, dass ich wirklich Schwierigkeiten hatte, mich selbst zu finden oder zu verstehen, wer ich selbst bin. Also bis zum Abitur hin, da habe ich wirklich mit mir selber kämpfen müssen, ob ich nun mehr Deutscher oder mehr Russe bin."

Diese für junge Migrant*innen typische psychosoziale Situation stellt insbesondere dann eine Herausforderung dar, wenn Zugehörigkeitsgefühle oder gar Loyalitäten an bestimmte Handlungen gebunden sind. So sieht sich Eugen während seiner Grundausbildung bei der Bundeswehr „zwischen den Fronten“ geopolitischer Konstellationen, wie sie durch den Krieg in der Ukraine entstanden sind:

Da war ja auch die Ukraine-Krise, das hat zu dem Zeitpunkt alles begonnen, und meine Kameraden haben mir diese Frage gestellt, auf welcher Seite ich denn kämpfen würde. Ich selbst habe mir auch diese Frage gestellt, wenn es hart auf hart kommt. Natürlich war das alles nicht ernst gemeint, aber das brachte mich zum Nachdenken. Und ja, ich könnte mich nicht für eine Seite entscheiden, weil Russland ist ja irgendwie mein Heimatland, mein Geburtsland, und in Deutschland bin ich aufgewachsen. Hier habe ich meine Freunde, meine Familie und da habe ich einen inneren Konflikt. Ich könnte mich nicht für eine Seite entscheiden."

Eugen nimmt den Ukraine-Konflikt als Ost-West-Konflikt wahr, wobei Deutschland und Russland stellvertretend für die jeweilige Seite stehen. Dabei sieht sich Eugen zwischen den beiden Seiten und entwickelt einen inneren Konflikt, den er letztendlich nur auflösen kann, indem er die Bundeswehr verlässt. Anschließend entscheidet sich Eugen für das Studium der IRS und begründet dies mit dem Wunsch, später einmal einen Beitrag zur Völkerverständigung zu leisten und die deutsch-russischen Beziehungen zu verbessern. Eugens Beispiel zeigt besonders, wie eng multiple Identitäten, individuelle Lebensplanung und geopolitische Diskurse (oder zumindest deren Wahrnehmung) verflochten sind.

Studienwahl spaltet Familien

Auf andere Weise ist der Ukraine-Konflikt im Alltag von Svetlana präsent. Als in der Ukraine geborene Tochter eines Ukrainers und einer aus Kasachstan stammenden Russlanddeutschen bezeichnete sich Svetlana in Deutschland lange Zeit selbst als „Russin“. Dies änderte sich mit Beginn des Ukraine-Konflikts:

Ich habe früher oft gesagt, ich bin Russin, und das sage ich jetzt überhaupt nicht mehr, weil ich halt keine Russin bin. Ich sage jetzt immer ‚Ich komme aus der Ukraine‘. Es ist für mich seit der Zeit ein krasser Unterschied geworden, also für mich selber vielleicht nicht, aber ich weiß, dass die anderen Leute das jetzt krass auseinanderhalten."

Im Zuge der Ukraine-Krise passt Svetlana ihre ethnische Selbstrepräsentation nach außen an einen geopolitischen Diskurs an, denn seitdem findet eine stärkere Differenzierung zwischen den nationalen aber auch ethnischen und kulturellen Kategorien „Russisch“ und „Ukrainisch“ statt. Der Ukraine-Konflikt zieht sich aber auch als Bruch durch Svetlanas Familie, die in „Putinversteher“ und „Russlandhasser“ geteilt ist. So stößt Svetlanas Studium der IRS von Teilen der Familie auf Ablehnung, da aus der Beschäftigung mit Russland eine Sympathie für russländische Außenpolitik abgeleitet wird. Das Studium gerät zum Politikum.

Insgesamt betrachtet ist das Verhältnis von Geopolitik und biographischer Orientierung in den analysierten Interviews ambivalent. Einerseits besteht die Gefahr, sich durch geopolitische Narrative vereinnahmen zu lassen. In den Interviews fiel zum Beispiel auch der Satz: „Die Krim gehört zu Russland“, eine Abwandlung des Slogans „Die Krim gehört uns“ (im russ. Original: „Krym naš“), der für die politische Unterstützung der Annexion der Krim durch Russland mobilisierte. Andererseits liefert das Studium der IRS die Instrumente, um differenziert mit geopolitischen und imperialen Narrativen – aber letztendlich auch mit der eigenen Migrationsgeschichte – umzugehen. Neben einer Orientierung am Herkunftsraum und an (transnationalen) sozialen Beziehungen spielen auch geopolitische Diskurse eine bedeutende Rolle bei der individuellen Lebensplanung. Vor allem der Krieg im Osten der Ukraine und die Annexion der Krim sind bei den jungen Menschen im alltäglichen Leben präsent, nicht zuletzt durch verwandtschaftliche oder auch transnationale Beziehungen in den Herkunftsraum.


[1] Dieser Frage ging ich in meiner Masterarbeit („Raum – Identität – Biographie im Kontext der Studienwahl postsowjetischer MigrantInnen“) im Fach Osteuropastudien der an der Freien Universität Berlin nach.

[2] Alle Namen sind pseudonymisiert.


Manuel Rommel hat Osteuropastudien an der Freien Universität Berlin studiert. In seiner Masterarbeit befasste er sich mit „Raum – Identität – Biographie im Kontext der Studienwahl postsowjetischer MigrantInnen“.