„Russische Landsleute“ außerhalb des Staates: Ressource oder verlorenes Potential?

Marsch des “Unsterblichen Regiments” in Talinn zum Tag des Sieges am 9. Mai 2019 ©Sander/Ilvest/Imago

Russlands verschwommenes Konzept der „russischen Gemeinschaft außerhalb des Staates“ sorgt immer wieder für breites Unbehagen in der internationalen Gemeinschaft. Heutzutage werden ethnische Russ*innen und Russischsprecher*innen, die in Ländern der ehemaligen Sowjetunion leben, oftmals als Werkzeug der russischen Regierung betrachtet, um deren politischen und symbolischen Einfluss in der Welt auszuweiten. Tatsächlich mögen Moskaus Versuche, den Schutz russischer Gemeinschaften außerhalb des Landes durch konstitutionelle Ergänzungen als fundamentales Prinzip des Staates zu verankern, in besonderer Weise beunruhigend wirken. Dennoch sollte Russlands Einfluss auf seine sogenannten Landsleute nicht überschätzt werden. 

Eine gemeinsame russische Welt bilden

Mit dem Fall der Sowjetunion wurden um die 25 Millionen ethnische Russ*innen und andere Russischsprecher*innen über mehrere Staaten verstreut. Da Russland sich selbst zum Nachfolger der Sowjetunion ernannt hat, schien es beinahe selbstverständlich für Moskau, eine moralische Verpflichtung gegenüber denjenigen anzunehmen, die es über die Grenzen hinweg als Teil der eigenen Nation ansah. Durch sich entwickelnde Maßnahmen unter der Präsidentschaft von Wladimir Putin wurden „Russlands Landsleute“ zu einem zentralen Motiv der außen- und innenpolitischen Rhetorik des Staates; Russland versprach, für die Rechte, Interessen und die kulturelle Identität seines Volkes im Ausland einzustehen. Moskau hat dieses Versprechen mittels folgender Maßnahmen eingelöst: offizielle Kritik an benachteiligenden Bestimmungen gegenüber Russischsprecher*innen in anderen postsowjetischen Staaten, die Erweiterung der russischen Staatsbürgerschaft, eine Politik der Rückführung, und kulturelle Diplomatie.

Solche Praktiken werden trotz ihrer Gemeinsamkeiten mit Verfahren anderer europäischer Staaten als Versuche gesehen, russische Landsleute von den Ländern ihres jeweiligen Aufenthalts zu entfremden.  Für viele politische Beobachter*innen könnten Suggestionen einer angestammten Verbindung innerhalb der sogenannten Russischen Welt die Landsleute politisch und kulturell nach Russland orientieren.  Ein Paradebeispiel hierfür ist die Krim-Annexion von 2014, die in anderen postsowjetischen Ländern, in denen eine beträchtliche Anzahl russischsprachiger Menschen lebte, Besorgnis bezüglich möglicher Meinungsverschiedenheiten auslöste.

Russland von Estland aus betrachtet

Vor diesem Hintergrund erinnert der derzeitige Innenminister und frühere Vorsitzende der Konservativen Volkspartei Estlands (EKRE), Mart Helme, seine Mitbürger*innen an die dramatischen Folgen, die sich aus der chronischen Unfähigkeit russischsprachiger Personen ergeben, etwas Anderes außer Russland als ihre Heimat wahrzunehmen. Die Bilder von russischsprachigen Gemeinden, die gemeinsam mit Russland den Tag des Sieges feiern, das St.-Georgs-Band tragen, die russischen Medienkanäle konsumieren oder ihre Unterstützung für den Erhalt der russischsprachigen Schulen zum Ausdruck bringen, fließen aktiv in Helmes Argumentation ein. Ein genauerer Blick auf den Alltag der russischsprachigen Bevölkerung ermöglicht es uns jedoch, ein anderes, komplexeres Bild über die Ländergrenzen hinweg zu zeichnen.

Im estländischen Kontext entsteht der Eindruck eines langsam abnehmenden russischen Einflusses, nicht nur auf der politischen oder ökonomischen, sondern auch auf der kulturellen Ebene. Selbst in der Grenzstadt Narva, wo Russischsprecher*innen über 90 Prozent der Bevölkerung ausmachen, gilt Russland vielen als Ausland. Laut Einheimischer beginnen die Unterschiede bei einer wachsenden Wahrnehmung von Stagnation und einem Mangel an Fortschritt in Russland, der von allgegenwärtiger staatlicher Korruption, über Nachlässigkeit des politischen Systems bis hin zu alltäglichen Praktiken wie Autofahren oder Feiern der russischen Bürger*innen selbst reicht.

Während sich viele darüber einig sind, dass die russische Sprache und bestimmte Traditionen wichtig bleiben, wurzeln diese Elemente gleichzeitig in langfristigen Lebenserfahrungen in Estland. Tatsächlich haben zahlreiche Autor*innen darüber berichtet, wie Russischsprachige in den baltischen Staaten bereits in der Sowjetunion sich auf das Narrativ beriefen,  „bessere Russen zu sein”, deren Russischsein, sich durch die Übernahme der örtlichen, zivilisierteren Gewohnheiten, Bräuche und modernen Lebensweisen weiterentwickelt habe. In der postsowjetischen Zeit wurden diese Erzählungen zu einem Gefühl kultureller Überlegenheit und einer wachsenden Kluft zwischen lokalen Russischsprecher*innen und Russland.

…und von Kasachstan

Im Gegensatz dazu bleibt die Faszination Russlands in Kasachstan auf verschiedenen Ebenen ungebrochen. Obgleich die Tendenzen zur Emigration im Land insgesamt gesunken sind, führt die Suche nach einem besseren Leben fernab der sich verschlechternden ökonomischen Bedingungen in Kasachstan zahlreiche Menschen aus dem Land.  Die vorherrschende Meinung, dass Russ*innen gegenüber ethnischen Kasachen benachteiligt wären, wenn es um Arbeitsverhältnisse geht, beschädigt Kasachstans Image signifikant. In diesem Zusammenhang repräsentiert Russland eine wichtige sozioökonomische Ressource, in deren Genuss Russischsprachige gelangen, wenn sie am Rückführungsprogramm teilnehmen.

Der Wunsch, zu Russland zu gehören, wird häufig durch den Glauben an eine enge historisch-kulturelle Gemeinsamkeit mit Russland verstärkt – gemeinsame Erinnerungen, Sprache, Lebensstile. Ungeachtet dessen, zeigen frühere Forschungen, dass Russischsprachler*innen  in Kasachstan, die nach Russland gereist sind, von feindlichen Einstellungen der ansässigen russischen Bevölkerung und den zahlreichen Problemen der Compatriot Policy berichten, die eine Rückansiedlung als solche wenig attraktiv machen.

Durch eine solche Konfrontation fühlen sich viele Russischsprachige zunehmend entfremdet von Russland als physische Entität, während sie die russische Sprache, Gewohnheiten und kulturelle Elemente weiterhin schätzen. Zudem führen die langjährigen Erfahrungen eines Lebens in Kasachstan zu einer wachsenden Identifikation mit der ethnischen kasachischen Bevölkerung, was die Verbindung zum russischen Territorium weiterhin verringert.


Alina Jašina-Schäfer ist sozio-kulturelle Anthropologin und Research Fellow am Gießener Zentrum für Östliches Europa an der Justus-Liebig-Universität Gießen.