Q-Pop: Ein kulturelles Phänomen in Kasachstan

ZOiS Spotlight 5/2020 von Merey Otan (05.02.2020)

Die Q-Pop Band Ninety One © JUZ Entertainment

When you feel alone,
You can breathe with the world.
Just keep our rhythm,

One love, one rhythm.

Ninety One - Mooz

2015 wälzte die skandalträchtige Q-Pop-Band Ninety One die kasachstanische Musikszene um und sorgte damit für frischen Wind. In kürzester Zeit erlangte die Band eine immense Popularität und ihr erstes Musikvideo hielt sich zwanzig Wochen lang an der Spitze der lokalen Charts, den Gakku Top Ten. Die Gruppe sah sich jedoch auch massivem Gegenwind ausgesetzt, aufgrund ihres unkonventionellen Aussehens, ihrem Sound, den Themen ihrer Songs und ihren Ähnlichkeiten mit dem südkoreanischen K-Pop. 

Wie kam es, dass solch einem Genre – dessen Name sich von dem lokalen Wort für Kasachstan, Qazaqstan, ableitet – in einem mehrheitlich muslimischen, postsowjetischen, zentralasiatischen Land der Durchbruch gelang und welche Art von sozialem Diskurs brachte es hervor?

Durch den Zusammenbruch der Sowjetunion und die neugewonnene Unabhängigkeit Kasachstans kamen ausländische Kulturprodukte ins Land, die sich nach und nach an die lokalen, kulturellen Bedingungen angepasst haben. Die südkoreanische Popkultur, die sich in den frühen 2000er-Jahren auszubreiten begann, war ein solches Produkt. Die koreanische Welle startete mit TV-Dramen und wanderte Stück für Stück in Richtung K-Pop, jenem Genre südkoreanischer Popmusik, das zu einem globalen Phänomen geworden ist.

Soziale Medien spielen in Kasachstan eine beträchtliche Rolle bei der Formierung und Mobilisierung der lokalen Fanbase. Es gibt zahlreiche Communities, die sich der koreanischen Popkultur verschrieben haben, darunter Tanzgruppen für K-Pop-Cover, die die Choreografien berühmter K-Pop-Bands aufführen. 

Die lokale Aneignung des K-Pop

Bis zum Jahr 2015 hatte sich in Kasachstan eine beachtliche K-Pop-Fanbase herausgebildet. Die lokalen Musikproduzenten Jerbolat und Jesbolat Bedelchan sprachen diese Zielgruppe geschickt an und erschufen den Q-Pop, wie er durch die Band Ninety One verkörpert wird. Ihr Name war eine Hommage an das Jahr der kasachstanischen Unabhängigkeit. Q-Pop hat viele Ähnlichkeiten mit K-Pop: Beide zeichnen sich durch tanzbare Rhythmen, eingängige Melodien und einen Mix westlicher Musikgenres, wie Rap, R&B, Hip-Hop und Reggae, aus.

Trotz der kulturellen Unterschiede zwischen Südkorea und Kasachstan ahmten die Q-Pop-Künstler*innen weitestgehend das charakteristische Aussehen, die Tanzbewegungen, die Mode sowie den Stil der Musikvideos der K-Pop-Stars nach. Zugleich passten sie die Musik an die regionale Kultur an, indem sie auf Kasachisch sangen und Themen in den Mittelpunkt stellten, die für die lokale Jugend von Bedeutung sind.

Im März 2018 beschrieb Jerbolat Bedelchan Q-Pop in einem Interview mit dem lokalen Musik-TV-Sender Gakku als „etwas, das aus der Jugend selbst kommt. Wir sprechen Dinge an, die unter Jugendlichen passieren, sogar einige soziale Themen, und zeigen sie in musikalischer Form.“ Ninety One singen über Depression, Unsicherheit, Integrität, Selbstdarstellung und darüber, sich selbst treu zu bleiben, womit sie bei vielen jungen Leuten auf Resonanz stoßen. 

Die Kontroverse um Q-Pop

Die neue Q-Pop-Band geriet mit Songs über kontroverse soziale Fragen in die Schlagzeilen. In einem traditionellen zentralasiatischen Land präsentierten Ninety One ein alternatives Bild von Männlichkeit, welches das Tragen von Make-up, Ohrringen und androgyner Kleidung, sowie gefärbte Haare einschloss. Nach Aussage ihres Produzenten wurden der Band Verletzung religiöser Normen und Familienwerte, Propagierung nicht-traditioneller sexueller Orientierungen und die Anbiederung an eine fremde Kultur vorgeworfen.

Im ersten Jahr ihrer Existenz war die Band mit einer großen organisierten „Haterbase“ konfrontiert, die zum großen Teil aus jungen Männern bestand, welche die Absage ihrer Konzerte forderten. Diese Hater argumentierten, dass die Band „im Widerspruch zu unseren Traditionen steht“ und dass „ihre Kleidung und ihr Verhalten sich für kasachische Männer nicht gehören“. Die Kontroverse war Gegenstand zahlreicher Diskussionen: sowohl in den Nachrichten, als auch in einem Film über die Band, Ninety One, aus dem Jahr 2017 sowie in dem Dokumentarfilm Men Sen Emes, veröffentlicht im Sommer 2019.

Ninety One-Bandmitglied Dulat Muchametkali wurde 2018 Sprecher für Schas Otan, die Jugendabteilung der Regierungspartei Nur Otan. Die Band trat bei einem Treffen von Schas Otan auf, bei dem Muchametkali auch eine Rede hielt, in der er darauf hinwies, dass der Q-Pop ein immenses ökonomisches Potential für Kasachstan biete, wie auch der K-Pop für Südkorea zu einem großen Geschäft geworden sei. Er kam zudem auf die Absage von Konzerten seiner Band zu sprechen und sagte: „Einige Städte haben behauptet, dass es sich für einen Kasachen des 21. Jahrhunderts nicht gehört, zu singen, Shows aufzuführen und ein moderner Künstler zu sein. Wir wurden mit dem Stereotyp konfrontiert, dass das 21. Jahrhundert und die kasachische Mentalität und Kultur unvereinbar seien. Ich bin vollkommen anderer Meinung. Unkultiviert zu sein gehört sich nicht für einen Kasachen, modern zu sein allerdings schon.“ Damit hatte die Band den Konflikt zwischen Modernität und Tradition innerhalb der kasachstanischen Gesellschaft ans Licht gebracht.

Ninety One setzten neue Maßstäbe für qualitativ hochwertige Kulturprodukte in kasachischer Sprache. Man kann wohl sagen, dass die Band zur Popularisierung der kasachischen Sprache beigetragen, neue Slangausdrücke geprägt und das Vokabular der Sprache bereichert hat. Die Bandmitglieder erhalten nach eigenen Angaben sogar Nachrichten auf Kasachisch von Zuhörer*innen aus der ganzen Welt. Mit jedem Tag wächst ihre Fangemeinde ein Stück und es gibt mittlerweile fast zwanzig weitere Q-Pop-Bands. Auch im benachbarten Kirgistan hat eine ähnliche, K-Pop-inspirierte Musikrichtung an Popularität gewonnen. Jedes Jahr organisiert Jerbolat Bedelchans Produktionsfirma Q-Pop-Musikfestivals, auf denen eine Vielzahl zentralasiatischer Q-Pop-Künstler*innen performen.

Heutzutage haben die Proteste gegen die Band aufgehört und die gegen sie gerichtete Feindseligkeit ist deutlich gesunken. Die Bandmitglieder behaupten, es liege daran, dass die kasachstanische Jugend zunehmend befreiter geworden sei. Es könnte jedoch auch daran liegen, dass das Publikum die hohe, inhaltliche Qualität, die regelmäßigen Konzerte und Live-Performances, sowie die Themen ihrer Songs zunehmend wertschätzt. Eines jedoch ist sicher: Ninety One werden nicht nur in der Region immer beliebter, sondern auch international.


Merey Otan verfügt über einen Masterabschluss in Eurasische Studien und ist Dozentin an der M. Kh. Dulaty Taraz State University in Taras, Kasachstan.