Perspektivwechsel: Tschetschenien von innen

ZOiS Spotlight 6/2019 von Nina Frieß (13.02.2019)

Vermintes Gelände in der vom Krieg gezeichneten Hauptstadt Tschetscheniens, Grosny, im Jahr 2006. © SPUTNIK / Alamy Stock Foto

Seit dem 19. Jahrhundert sind der Kaukasus und die Kaukasuskriege ein wichtiger Topos der russischen Literatur. Alexander Puschkin, Michail Lermontow und Lew Tolstoj haben mit ihren Texten über Generationen hinweg das russische Bild dieser Region und seiner Bewohner*innen geprägt. Obwohl sich Russland in dieser Zeit über Jahrzehnte (1817–1864) im Krieg mit den autochthonen Bevölkerungsgruppen des Nordkaukasus befand, begegnen die Autoren ihren tschetschenischen oder tscherkessischen Figuren durchaus mit Sympathie. Das aus ihren Werken resultierende Stereotyp des wilden, nach Freiheit strebenden Kriegers, ist keineswegs nur negativ besetzt. Für viele der russischen Protagonisten dieser Texte wird der Kaukasus gar zu einem exotischen Sehnsuchtsort, an dem es sich freier leben lässt als im zaristischen Russland.

Die russischen Tschetschenienkriege nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion (1994–1996 und 1999–2009) lassen dieses ambivalente Bild kippen. In der literarischen Bearbeitung der Kriege dominiert eine negative, oft schablonenhafte Darstellung der Tschetschen*innen, unabhängig davon, ob es sich um Kombattanten oder Zivilbevölkerung handelt. In den meist von Kriegsveteranen verfassten Texten firmieren die tschetschenischen Figuren als „Schwarze“, „Tschechos“ oder schlicht als „Feinde“ und erhalten selten eine eigene literarische Stimme. Der literarische Blick auf den Krieg ist in der Regel der des russischen Soldaten. Entsprechend stehen dessen Ängste, Sorgen und Nöte (so in der Prosa Arkadi Babtschenkos) oder sein Mut und seine Heldentaten (etwa bei Nicolai Lilin) im Vordergrund. Die Perspektive der tschetschenischen Bevölkerung auf den Krieg findet – anders als noch im 19. und frühen 20. Jahrhundert – kaum Eingang in die russische Literatur.

Die Stimmen der Anderen

Anna Politkowskajas Reportagen aus dem Zweiten Tschetschenienkrieg, über den die russischen Medien anders als über den Ersten Tschetschenienkrieg nur eingeschränkt frei berichten konnten, erlangten internationale Bekanntheit. Als „ganz und gar ziviles Wesen“ reiste Politkowskaja in das Kriegsgebiet, um von dort über „die Leiden anderer zutiefst ziviler Menschen“[1] zu berichten. Politkowskaja gibt in ihren Reportagen denjenigen eine Stimme, die unter dem Krieg und den von allen Kriegsparteien begangenen Kriegsverbrechen am meisten litten: den in Tschetschenien lebenden Frauen und Kindern, Alten und Heranwachsenden. Aber obwohl Politkowskaja ihren Protagonist*innen sehr nahe kommt und sie in ihren Reportagen unmittelbar zu Wort kommen lässt, bleibt doch auch ihr Blick auf das Geschehen der einer Außenstehenden.

Einen der seltenen Perspektivwechsel bietet das Tagebuch Polina Scherebzowas. Am 25. März 1994, wenige Tage vor ihrem neunten Geburtstag und kurz vor dem Ausbruch des Ersten Tschetschenienkrieges, beginnt das in der tschetschenischen Hauptstadt Grosny lebende Mädchen ein Tagebuch zu führen. Polinas Tagebuch, so der deutsche Titel, ist ein in vielfacher Hinsicht bemerkenswertes Zeitdokument. Da ist zunächst die ungewohnte Perspektive: Hier berichtet ein Mädchen bzw. eine junge Frau als unmittelbar Betroffene aus dem Inneren des Krieges. Sie tut dies mit der ihr zur Verfügung stehenden Sprache („Da wurde viel geschossen. Es rumste.“), die sich im Laufe der Zeit zunehmend ausdifferenziert („Raketen und Granaten flogen in den Hof. Granatwerfer und Maschinengewehre hämmerten.“), und mit eigenen Schwerpunktsetzungen, in der schöne Haarnadeln ebenso eine Rolle spielen wie auf der Straße liegende Tote und der Krieg ob des ersten Liebeskummers an Bedeutung verliert.

Verfolgte Chronistin

Erstaunlich ist auch die Kontinuität, mit der das Mädchen allen Widrigkeiten des Krieges zum Trotz ihr Tagebuch führt: Über einen Zeitraum von zehn Jahren [2] – bis zu ihrer Ausreise nach Zentralrussland im Jahr 2004 – hält sie penibel datiert fest, was um sie herum geschieht: angefangen von „Großvätern mit Bärten“, die 1994 eine Lenin-Statue in Grosny stürzen, über den Ausbruch des Zweiten Tschetschenienkriegs 1999, den sie auf dem Weg zum Markt erlebt („Krieg in Tschetschenien. Heute um 10.25 Uhr (…) begann die Bombardierung. (…) Rauch! Schrecklich!“), bis hin zur medialen Berichterstattung über die Geiselnahme im Moskauer Dubrowka-Theater 2002, die ihrer Einschätzung nach eine „Hexenjagd (…) auf die Menschen aus dem Kaukasus“ entfesseln soll. Nicht zuletzt ist die im Text vorgenommene Adressierung eine besondere: Tritt die Verfasserin durch das Tagebuchschreiben zunächst noch in den für das Genre typischen Dialog mit sich selbst, begreift sie sich mit dem fortschreitenden Kriegsgeschehen zunehmend als Chronistin der Geschehnisse, deren Aufzeichnungen sie selbst überdauern könnten: „Ich schreibe absichtlich ganz genau über alles. Nachher wird mein Tagebuch gefunden, so wie das Tagebuch des Mädchens aus Leningrad. Die Leute werden es lesen und werden verstehen, dass man in seinem eigenen Land keinen Krieg anfangen darf.“

Das Tagebuch bzw. korrekter: die Tagebücher wurden in Russland 2011 erstmals komplett publiziert. Nach der Veröffentlichung sah sich Scherebzowa nach eigenen Angaben massiven Drohungen von Unbekannten ausgesetzt. 2012 beantragte sie deshalb erfolgreich politisches Asyl in Finnland, inzwischen besitzt sie die finnische Staatsbürgerschaft. Ihre Auseinandersetzung mit dem Thema war mit der Veröffentlichung ihrer Tagebücher indes nicht abgeschlossen. 2015 veröffentlichte sie einen Band mit Erzählungen, 2017 eine Powest und einen Roman. Alle diese – bislang nicht übersetzten – Prosatexte sind stark autobiografisch geprägt. Für den Roman, der Scherebzowas Leben nach der Ausreise aus Tschetschenien verhandelt, fand sie in Russland allerdings keinen Verlag. Er erschien in der Ukraine. Für manche Perspektiven gibt es im Russland der Gegenwart keinen Platz.


[1] Alle Zitate stammen aus: Anna Politkowskaja: Tschetschenien. Die Wahrheit über den Krieg, Köln 2003.

[2] In der deutschen Ausgabe fehlen die in der russischen Originalausgabe enthaltenen Tagebucheinträge der Jahre 2003 und 2004.


Nina Frieß ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am ZOiS. In ihrem aktuellen Projekt beschäftigt sie sich mit Literatur und Macht im postsowjetischen Raum.